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Fight the Power

Interview mit drei Aktiven der Antifa JugendFront Göttingen über die bundesweite Organisierung „Antifa-Jugend/Bundesweiter Zusammenschluß (AJ/BZ)“ in Arranca 4 / Juli 1994

Interview mit drei Aktiven der Antifa JugendFront Göttingen über die bundesweite Organisierung „Antifa-Jugend/Bundesweiter Zusammenschluß (AJ/BZ)“, den Sinn und Zweck der eigenständigen Organisierung von (linksradikalen) Jugendlichen und die Kritik autonomer (Jugend-)Politik.
Von Antifa JugendFront Göttingen

¿Es gibt mittlerweile einen bundesweiten Antifa Jugend(Front)-Organisierungsansatz, die Antifa-Jugend/Bundesweiter Zusammenschluß (AJ/BZ). Könnt ihr kurz beschreiben, wie es zur Gründung kam?

HANNA: Die ersten Ansätze gab es vor drei Jahren, damals haben sich bundesweit sehr viele Antifa-Jugendgruppen gegründet. Es kam zu einigen Treffen, die jedoch keine konkreten Ziele hatten. Es gab aber schon die Diskussion darüber, was für Ziele wir haben und wie wir uns organisieren können…

LISA: Das waren damals 10-12 Gruppen, die sich weitgehend in der Anfangsphase befanden. Es war alles ziemlich unverbindlich. Es wurde mehr zusammengetragen, was es für Gruppen gibt und was sie machen… Alles dümpelte so vor sich hin. Dann haben wir aus Göttingen uns Gedanken gemacht über eine bundesweite Struktur, haben begonnen sie auszuarbeiten und sie schließlich vor etwa einem Jahr auf einem bundesweiten Treffen vorgestellt, dann konnten sich die Leute Gedanken darüber machen, Verbesserungsvorschläge anbringen usw. Letztes Jahr Pfingsten wurde das Konzept dann schließlich von acht Gruppen in einer ausgereifteren Fassung verabschiedet. Das „offizielle“ Gründungstreffen hat erst am 28. November letzten Jahres in Hamburg stattgefunden, wo sich 12 Gruppen in der AJ/BZ zusammenschlossen.

¿Wo kommen die Gruppen her?

LISA: Aus der gesamten BRD, hauptsächlich aber aus Norddeutschland. Nur eine ist aus dem Osten. Das liegt wohl daran, daß die Gruppen dort andere Probleme haben als wir im Westen, bzw. ihre Schwerpunkte anders setzen.

ARTHUR: Unser Organisationsansatz entstand nicht dadurch, daß sich Leute theoretisch unheimliche Gedanken gemacht haben. Die Verhältnisse, wie sie waren, haben einfach gezeigt, daß eine Organisation – oder eine Organisierung, es gibt auch Leute, die das Wort Organisation nicht hören wollen, die sagen lieber „Zusammenschluß“ – vor allem eine pragmatische Sache ist. Daß es eine erhöhte Effizienz gibt innerhalb des „Zusammenschlusses“. Und daß dieser bundesweite Zusammenschluß vor allem innerhalb der Tagespolitik Vorteile bringt für die Gruppen, daß sie eine bessere Vernetzung haben, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsame Aktionen laufen können.

¿Was ist die Notwendigkeit und welches sind genau die Vorteile?

HANNA: Die Notwendigkeit ist darin zu sehen, daß wir auf regionaler Ebene nur begrenzt Erfolge erzielen können. D.h., daß wir uns schon auf regionaler Ebene organisieren müssen und daß wir diesen Erfolg auch erhöhen können, indem wir bundesweit mit anderen Gruppen zusammenarbeiten. Eine einzelne Gruppe ist in der Öffentlichkeit und in den Medien weniger wahrnehmbar. Wir meinen, daß wir durch die bundesweite Organisierung zu mehr gesellschaftlicher Relevanz gelangen. Beim Gründungstag am 28. 11. hatten wir z. B. gleich ein Fernsehinterview. Dann ist auch sehr wichtig, daß der bundesweite Zusammenschluß den einzelnen Gruppen sowohl Motivation bietet als auch Unterstützung und Hilfe. Bundesweite Kampagnen können damit von dem Zusammenschluß getragen werden, was viel einfacher ist als für eine Gruppe allein. So kommt es zu einer Ballu ng von einzelnen Kräften, zur Weitergabe von Information und auch zur Erleichterung für die Einzelnen durch Arbeitsteilung zwischen den Gruppen.

LISA: Wenn in der regionalen Arbeit als Schwerpunkt der einzelnen Gruppen Veranstaltungen, Vorträge, Filme usw.. erarbeitet werden, so werden diese Produkte auch den anderen beteiligten Gruppen zugänglich gemacht. So können alle Gruppen von der regionalen Arbeit einer anderen Gruppe profitieren. Damit können auch Gruppen, die noch in der Anfangsphase sind, unterstützt werden. Das gilt gerade für die neuen Gruppen, die sich in Kleinstädten bilden, wo es kaum andere Strukturen gibt.

¿Ein zentraler Faktor für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist ja, daß man gemeinsam Diskussionen führt und sich dann z.B. auch auf Forderungen einigt. Gibt es eine gemeinsame Diskussion?

ARTHUR: Es steckt alles noch in Kinderschuhen. Es ist erstmal ein pragmatischer Ansatz gewesen, um mit logistischen Dingen besser klarzukommen. D.h., daß momentan nicht in erster Linie grundsätzlich diskutiert wird, sondern anband eines Projekts wie z.B. einer Kampagne die Forderungen diskutiert werden und in der AJ/BZ Konsens sein müssen, wie z.B. aus Anlaß der Demo gegen das Schulungszentrum der NF in Detmold/Pivitsheide, die von der AJ/BZ mitunterstützt wurde. Es ist also vorwiegend so, daß wir von der konkreten Aktion mit der Zeit zu einem ausgefeilteren Hintergrund kommen. Wir haben vor zwei Jahren begonnen, inhaltliche Fragen in AGs zu diskutieren. Geplant ist, schrittweise ein grundsätzliches Selbstverständnis der AJ/BZ zu entwickeln, das natürlich inhaltliche Fragen miteinschließt. Die AJ/BZ bietet die Möglichkeit, diese inhaltlichen Diskussionen zu veröffentlichen.

¿Warum seid ihr nicht als Antifa Jugendgruppen in die AA/BO gegangen oder ind das Vernetzungstreffen vom Antifa Infoblatt? Warum ein eigener Organisationsansatz?

HANNA: Schwerpunkt ist für alle Antifa-Jugendgruppen die Jugend- und Schülerinnenarbeit. Das ist bei der AA/BO und beim Vernetzungstreffen ganz anders. Sie setzen andere Prioritäten. Klar kann diese Unterschiedlichkeit auch zum Verhängnis werden. Aber es ist z.B. bei einzelnen Jugendgruppen so, daß ihre Politik in erster Linie im Anti-Nazi-Kampf Ausdruck findet. Wir sagen hingegen, daß Antifapolitik ein viel größeres Gebiet umfaßt wie z.B. Internationalismus und Ökologie. Außerdem machen wir Aktionen an Schulen. Wir haben auch gesagt, daß wir nicht alle in inhaltlichen Fragen übereinstimmen müssen, wobei wir natürlich den bisher erlangten Grundkonsens auch weiter ausbauen. Wir befürworten es ausdrücklich, daß Diskussionspapiere mit unterschiedlichen Standpunkten herauskommen und damit auch die Unterschiedlichkeit offen dargestellt wird. Das betrachten wir nicht als Manko einer bundesweiten Jugendorganisation – das unterscheidet uns auch beispielsweise von der AA/BO.

¿Ist das bei der AA/BO der Fall?

HANNA: Da gibt es natürlich auch Auseinandersetzungen und Differenzen, aber unser Ziel ist nicht so hoch gesteckt. Wir geben uns mit dem Grundkonsens erstmal zufrieden, weil es für uns wichtiger ist, daß sich Jugendliche bundesweit organisieren, daß jede Gruppe an Stärke gewinnt und daß auch andere Jugendliche motiviert werden. Die inhaltlichen Defizite unserer Organisierung können auch auf die einzelnen Gruppen zurückgeführt werden. Viele Jugendgruppen zerbrechen und gründen sich schnell wieder, neue und jüngere Leute kommen dazu und insofern gibt es weniger Kontinuität als bei Mitgliedsgruppen der AA/BO. In den Jugendgruppen gibt es teilweise inhaltlich auch nicht so ein hohes Niveau wie in den Gruppen von Erwachsenen. Das ist in der bundesweiten Organisierung auch so, was aber nicht heißt, daß wir es nicht anstreben, inhaltlich weiterzukommen. Schwerpunkt der Treffen der AJ/BZ ist die inhaltliche Arbeit in AGs.

¿Was habt ihr euch für die nächste Zeit an Zielen für die inhaltliche Arbeit gesteckt?

ARTHUR: Hauptsächlich wollen wir den Begriff von Antifaschismus klären, d.h. also, daß für die Praxis zwischen reinem Anti-Nazi-Kampf und einem weitergehenden Antifaschismus unterschieden werden soll. Zielsetzung ist, daß wir das System und die Verhältnisse begreifen, weil für uns alle klar ist, daß Faschismus nicht ein Phänomen ist, das auf ein paar durchgeknallte Jugendliche beschränkt werden kann. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Wir versuchen, die Ursachen für solche Entwicklungen zu ermitteln und zum Konsens zu kommen. Aufgrund der Analyse der Verhältnisse wollen wir dann eine gemeinsame Praxis entwickeln. An manchen Orten ist Anti-Nazi-Kampf einfach das einzige, was die Leute leisten können. Das ist auch im Sinne der AJ/BZ und kann kein Vorwurf sein, weil es für uns nicht im Widerspruch steht zu umfassender Antifapolitik. Das kann gut nebeneinander stehen. Es soll aber trotzdem in den nächsten Monaten versucht werden, zu einer inhaltlichen Fundierung zu kommen.

¿Es ist also schon das Interesse da, mit diesem Zusammenschluß eine nicht auf Antifa beschränkte allgemeinpolitische Herangehensweise zu finden?

ARTHUR: Auf jeden Fall. Zuerst werden viele Jugendliche durch Antifa politisiert, weil sie z.B. in Kleinstädten und im Osten damit konfrontiert werden. Denn es ist gerade da so, daß Leute, die ein bißchen auffallen, schnell mit Faschos Ärger bekommen und sich darum organisieren müssen, um damit fertig zu werden. Die Bestrebung ist es, das Phänomen Faschismus gesamtgesellschaftlich zu erklären und dann die Ursachen in den Verhältnissen zu bekämpfen, so daß nicht als einzige Möglichkeit bleibt, die Faschos wegzukloppen, sondern die Ursachen dafür, daß Faschos da sind, angegangen werden.

¿Du, Hanna, hast vorhin gesagt, daß die Organisierung Attraktivität für Medien bedeutet, aber auch für Jugendliche. Wo soll die Attraktivität für Jugendliche herkommen?

HANNA: Für die einzelne Gruppe ist es natürlich immer wichtig, präsent zu sein. Das wollen wir an den Schulen mit Flugblättern, unserer Zeitschrift Fight the Power und Aktionen zu bestimmten Daten, wie z.B. dem 9. 11. und 30. 1., erreichen. Auf Demonstrationen sind wir auch mit einem Jugendblock präsent, um zu betonen, daß es auch Jugendliche gibt, die sich organisieren und nicht nur 25jährige. Diese Arbeit wird durch unsere Pressegruppe unterstützt. D.h. , alles was wir machen, kommentieren wir. Wir konnten im letzten Jahr durch mehrere Artikel im Göttinger Tageblatt, in denen auch unser Name genannt wurde, feststellen, daß wir mit der Medienarbeit Erfolge erzielt haben.

¿Was heißt denn Erfolg? Das Erscheinen in der Zeitung allein ist ja noch kein Erfolg, wenn es keine Folgen hat.

HANNA: Es ist schwer, direkte Folgen festzustellten, doch konnten wir sehen, daß unser Bekanntheitsgrad dadurch gestiegen ist. Einen Erfolg der gesamten Arbeit konnten wir z.B. bei einer Veranstaltung am 10.3. zu den 129a-Ermittlungen, die hier in Göttingen und auch bundesweit laufen, sehen, da hier sehr viele Jugendliche kamen, von denen wir eigentlich geglaubt hatten, daß sie an solchen Themen erstmal kein Interesse haben . Das ist schon ein Erfolg der Arbeit an den Schulen. Ein weiterer Teil unserer Arbeit ist die Bündnisarbeit mit anderen Jugendgruppen und auch Erwachsenengruppen.

LISA: Uns ist aufgefallen, daß wir gerade durch die Zeitschrift, die wir relativ regelmäßig herausbringen, bekannter geworden sind. Am Anfang waren die Schüler und Schülerinnen etwas skeptisch, mittlerweile freuen sich vor allem jüngere: „Klasse, mal wieder die Fight the power!“. Und das auch an Schulen, wo wir es bisher nicht erwartet haben, z.B. an konservativen Gymnasien. Wir sind dadurch einfach im Gespräch. Wir glauben, daß es wichtig ist, in möglichst viele Bereiche, die Jugendliche betreffen, hineinzuwirken. D.h., daß wir nicht nur politische Themen ansprechen, sondern auch die persönlichen Erfahrungen der Jugendlichen. Wir versuchen, vom Kleinen zum Großen zu kommen. Wir bieten auch mehr oder weniger kontinuierlich „Freizeitmöglichkeiten“ an, wie z.B. unser Mittwochscafe, sowie Veranstaltungen, Vorträge und Filme. Es geht darum, möglichst viel e gesellschaftliche Bereiche, in denen Jugendliche betroffen sind, anzusprechen. Genau das soll auf bundesweiter Ebene auch gemacht werden: also mit verschiedenen Themen verschiedene Bereiche anschneiden, mit Kampagnen vor allen Dingen deutlich machen, daß es Jugendliche gibt, die sich bundesweit organisieren, und damit die Jugendlichen motivieren.

ARTHUR: Die gesellschaftliche Relevanz einer Gruppe dü ckt sich auch durch das Auftreten in den Medien aus. Ich denke, daß Leute, wenn sie merken , daß sie etwas stört, denn so fängt man ja an, sich zu politisieren, oft den Eindruck haben, daß es kaum einen Anlaufpunkt gibt, wie z.B. eine Gruppe, die diese Themen anspricht. D.h., daß da eine Lücke ist, in der keine weitere Politisierung mehr stattfindet. An diesem Punkt muß mit Jugendpolitik angesetzt werden, um das „Unbehagen“ aufzugreifen und den Menschen zu politisieren. Damit die Leute sehen, daß es Gruppen gibt, die Jugendpolitik machen, daß es sogar eine bundesweite Organisierung gibt, versuchen wir auch in den Medien als relevante Kraft in Erscheinung zu treten. Dadurch fühlen sich die Leute auch bestärkt, sich einzumischen. Das bedingt einander gegenseitig. Es wird also damit eine Relevanz ausgedrückt und gleichzeitig wird die Gruppe auch stärker, wenn mehr Leute dazukommen. Das hat sich auch konkret in unserer Arbeit gezeigt.

¿Hat die Attraktivität der AJF für Jugendliche auch Ursachen in einer zu den Autonomen unterschiedlichen Herangehensweise an Politik?

HANNA: Wir haben gesehen, daß – simpel ausgedrückt – die autonome Szene für Jugendliche nicht viel Möglichkeiten bietet, sich zu organisieren, weil viel über Emotionen abläuft, über Cliquen und veraltete Erfahrungen und weil von der Szene teilweise überhaupt keine Jugendpolitik gemacht wird. Vor drei Jahren war es noch so, daß sich viele Jugendliche unserer Gruppe angeschlossen haben, weil es die Konfrontation mit Nazis in der Innenstadt gab. Heute ist es in Göttingen anders, denn die Nazis tauchen nicht mehr in der Innenstadt auf, sondern eher auf den Dörfern. Deshalb habe n sich die Gründe, zu uns zu kommen, verändert. Es ist jetzt eher das Interesse an den Verhältnissen in der Bundesrepublik, also z.B. die Frage nach den Ursachen für die zahlreichen Überfälle im Jahr 1993 durch Nazis. Die autonome Szene setzt voraus, daß neue Leute zu ihr stoßen und sich dann in ihre kleine Nische begeben. Das heißt, oft nur in dieser Nische zu leben und für ihren Erhalt zu kämpfen. Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir uns entschlos¬ sen, rauszugehen, an die Schulen usw., und uns dann auch zu organisieren.

LISA: Ein weiterer Grund ist, daß weite Teile der Bevölkerung, darunter auch Jugendliche, die Autonomen als sowas wie einen großen Schwamm begreifen und damit nichts anfangen können. Es gibt für sie kaum Möglichkeiten zu diffe renzieren. Um den Leuten eine/n klare/n Ansprechpartner/in zu bieten, haben wir uns zu einer klaren Formulierung unserer Vorstellungen und zum Aufbau von eindeutigen Strukturen entschlossen.

ARTHUR: Die Situation in Göttingen zeigt deutlich, daß die autonomen Politikmuster, die ja aus den 80er Jahren stammen, nicht mehr greifen: Straßenmilitanz, die Befreiung in der Schlacht mit den Bullen. Die Konfrontation mit dem Polizeistaat , mit dem System findet heute auf einer ganz anderen Ebene starr: in Göttingen z.B. gibt es die Deeskalationsstrategie von den Bullen, so daß die Stärke der Autonomen auf der Straße ins Leere läuft und sie damit auch nicht mehr relevant sind. Das Negativimage der Autonomen in den Medien, in denen sie vorwiegend durch die Konfrontation auf der Straße aufgetaucht sind, schreckt viele Leute ab, überhaupt in irgendwelche autonomen Zusammenhänge zu kommen, wobei das wiederum eine sehr komplizierte Sache ist. Du mußt ja erst regelmäßig auf irgendwelchen Partys gesehen werden, damit die Leute dich auf irgendeinem Plenum für voll nehmen. Sonst haben sie „ja irgendwie gar keinen Bock und so“ … In Göttingen fällt auf, daß die Punkerszene wächst, die Leute sich in die Ecke hängen und sich zukippen, weil sie sich nicht mit dem auseinandersetzen, was sie stört und wo sie anecken. Sie resignieren, anstatt tatsächlich zu agieren. Daß ist ein Nebeneffekt davon, daß autonome Gruppen keine Basis mehr haben und so immer weniger Nachwuchs finden.

¿Ist es wirklich so, daß Jugendliche sich nicht politisieren, weil z.B. die autonome Szene kaum Jugendpolitik macht? Ich denke, daß viele Jugendliche gar nicht das Bedürfnis haben, Jugendpolitik zu machen, sondern sich eigentlich möglichst als Erwachsene entdecken wollen unbd damit auch eher Erwachsenenpolitik machen wollen. Das entspricht zumindest meiner Erfahrung. Das zweite ist, daß es zwischen den Politisierungsprozesses in den 80ern und heute einen Unterschied gibt. Denn in den 80ern war es gesellschaftlich vorgegeben, Verantwortung zu übernehmen und die Gegenreaktion bei vielen sich als linksradikal begreifenden Jugendlichen war es, Verantwortung völlig abzulehnen. Das paßte wunderbar in die diffusen autonomen Strukturen, wo keiner Verantwortung zu übernehmen brauchte, weil alles abgelehnt wurde. Ich glaube, daß die Haltung heute eine andere ist. Könnt ihr meinen Eindruck bestätigen, daß die Jugendlichen in den letzten Jahren viel eher dazu bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Dinge zu verändern, weil sie diese Gesellschaft und damit die Notwendigkeit von klar strukturierter politischer Arbeit viel klarer sehen?

ARTHUR: Der Vergleich ist nicht einfach,`denn damals war die Bewegung viel breiter als heute und damit auch diffuser. Aber ich sehe schon, daß es heute andere Leute sind, die was machen. Es sind vielleicht hauptsächlich Leute, die politische Arbeit auch als solche begreifen und Widerstand nicht nur als Freizeitbeschäftigung sehen. Wir haben nicht unbedingt den Eindruck, daß das Interesse bei den Jugendlichen größer geworden ist. Die Politikverdrossenheit ist immer noch oder schon wieder da. Wir müssen auch immer wieder erstaunt feststellen, daß selbst 18- bis 19jährige über wichtige Fragen keine Vorstellungen haben. Ich glaube dennoch, daß vor allem der Anspruch an die eigene Arbeit und an deren inhaltliche Vermittlung bei vielen Jugendgruppen gestiegen ist. Früher ging es eher um direkte Aktionen und weniger um inhaltliche Diskussionen, die heute erwünscht sind. Das führen wir vor allem auf die Diskussionen über bundesweite Strukturen und die Forderung nach neuen Konzepten, die das überdenken von überholten Vorstellungen miteinschließt, zurück. Wir können auch bei vielen Jugendlichen die Tendenz feststellen, sich zusammenzuschließen und Einheiten zu bilden.

¿Ich halte gerade die inhaltliche Auseinandersetzung unter Jugendlichen für eine positive Entwicklung, denn damit wird es weniger wahrscheinlich, daß linksradikale Politik sich als autonome Aktionismus einer Übergangszeit von 16 bis 20 ausdrückt, in der man sich austoben kann, um dann eine Banklehre zu machen. Wie seht ihr das?

ARTHUR: Erst Scheiben bei der Bank ein dreschen und dann hinterher hinterm Schalter stehen…

¿So ganze extrem ist es vielleicht nicht, aber viele kehren ja in geordnete Bahnen zurück.

LISA: Unser Interesse ist es natürlich schon, daß die Jugendlichen, auch wenn sie älter geworden sind, politisch weiterarbeiten. Ein Grund für die Bildung von Jugendgruppen ist auch, daß es Jugendlichen, die was machen wollen, leichter fällt, einzusteigen. Denn der Wissensunterschied über z.B. geschichtliche Zusammenhänge ist zwischen den Mitgliedern der Jugendgruppe und neuen Leuten weniger gravierend als zwischen Jugendlichen und einer Gruppe von Erwachsenen . In Jugendgruppen spielt der soziale Zusammenhang auch noch eine größere Rolle. Es ist für uns auch wichtig, den Kontakt mit Gruppen von Erwachsenen zu haben, um zu sehen, welche Erfahrungen sie machen.

¿Wie alt seit ihr eigentlich, bzw. die Leute in der AJF?

HANNA: Zwischen 13 und 19. Wir drei sind alle 18.

¿Wie lange wollt ihr als Jugendliche organisiert sein? Der Jugendsprecher des DGB ist zum Beispiel 32, also ein „Berufsjugendlicher“. Wie lange ist man bei euch Jugendlicher?

LISA: Es gibt bei uns natürlich keine Grenze. Aber ich denke sowieso, es ist im Interesse von jedem oder jeder bei uns in der Gruppe, nicht sein Leben lang drin zu bleiben. Ich möchte natürlich meine bis jetzt gemachten Erfahrungen noch erweitern und deshalb irgendwann in eine sogenannte „Erwachsenengruppe“ gehen, weil die inhaltlichen Diskussionen da einen anderen Charakter haben als in einer Jugendgruppe. Es ist in gewissem Sinne schon eine Frage von Niveau.

HANNA: Bei mir ist das ähnlich. Ich habe auch vor, irgendwann in eine andere Gruppe zu gehen, nicht immer in einer Jugendgruppe zu bleiben und mich auf Jugendpolitik zu beschränken, obwohl ich mir trotzdem vorstellen kann, auch in einer anderen Gruppe schwerpunktmäßig Jugendpolitik zu machen.

¿Aber es wird nicht so sein, daß die Sprecherin der AJF Göttingen in 23 Jahren Lisa heißt?

HANNA: Auf gar keinen Fall!

LISA: Nein, das haben wir auch nicht vor, denn es ist schon jetzt so, daß wir dara n arbeiten, daß die Älteren unter uns Erfahrungen langsam und schrittweise an die Jüngeren weitergeben. So wird das also von „Generation zu Generation“ weitergeschoben. Unser Ziel ist es auch, daß die Leute eine bestimmte Zeit in der AJF Politik machen und sich erstmal auf Jugendpolitk beschränken, dann aber soviel Erfahrungen gesammelt haben, daß sie in anderen Gruppen weiterarbeiten können. Wir sehen auch den bundesweiten Zusammenschluß als Erfahrungsmöglichkeit für die Jugendlichen, die dann später in einer Organisation, also z.B. der AA/BO, weitermachen können.

ARTHUR: Genau. Organisation bedeutet Kontinuität und Kontinuität bedeutet, in einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung eine Rolle spielen zu können. Und diese Rolle wollen wir spielen und uns deshalb weiterorganisieren.

LISA: FIGHT THE POWER!

Quelle

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