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Was tun? Die AA/BO – eine Einschätzung von F.e.l.S.

Diskussionsbeitrag von FELS (Für eine linke Strömung) in Arranca 5 / Dezember 1994

Gerade im Gegensatz zu einem von F.e.l.S. ins Leben gerufenen und inzwischen aufgelösten Organisationsansatz (siehe Arranca Nr. 4), deren Entstehungsgeschichte zunehmend dem Versuch einer formalistischen Organisationsgründung am grünen Tisch glich,  war der Organisationsansatz AA/BO von Anfang an  viel  organischer. Die  Gruppen schlossen sich zu einer notwendig verschienenen Organisierung im Teilbereich Antifa zusammen. Von der Grundlage der politischen Arbeit der Gruppen vor Ort ausgehend, wird versucht, gemeinsame praktische Initiativen zu entwickeln, anhand derer inhaltliche Diskussionen geführt werden sollen.

Bisher existieren in der AA/BO faktisch kaum gemeinsam diskutierte politische Grundpositionen und Kriterien, die man nach außen tragen könnte. (Die Kriterien, die schon beschlossen wurden, sind in der „Einsatz“-Broschüre nachzulesen.) Die Erarbeitung inhaltlicher Grundpositionen gestaltet sich viel schwieriger, als wir das erwartet hätten.

Auf den ca. zweimonatlich stattfindenden Delegiertentreffen wurde eine Theorie/Programm-AG eingerichtet, in der ausgehend vom Thema „Faschismusanalysen“ versucht wird, anhand von Thesenpapieren, die einzelne Gruppen erarbeiten, eine von allen getragene politische Grundlage zu entwickeln. Die Ergebnisse sollen in Form eines Programmes veröffentlicht werden.

Die Diskussionen in dieser AG scheinen aber oft eher zäh und schleppend. Das ist sicher einerseits dem Umstand geschuldet, daß die Diskussionen erst in den Gruppen geführt  werden müssen, dann auf dem Delegiertentreffen und schließlich wieder in die  Gruppen zurückgegeben werden, um einen demokratischen Ablauf zu gewährleisten.

Andererseits ist die Ausgangssituation in den einzelnen Mitgliedsgruppen sehr unterschiedlich. In einigen Gruppen sind bereits weitreichende theoretische Diskussionen geführt worden, in anderen wird damit gerade begonnen. Verschiedene Tendenzen in den theoretischen Analysen sind zwischen einzelnen Gruppen vorhanden, z.B. in der Diskussion um ökonomistische und feministische Faschismusanalysen, die seit einigen Monaten geführt wird. Aber wir sind der Ansicht, daß diese Unterschiedlichkeiten und Schwierigkeiten kein  unüberwindbares Hindernis für einen gemeinsamen Prozeß der theoretischen Grundlagenbildung darstellen. Im Gegenteil: Erst durch die – in der AA/BO vorhandene – Bereitschaft, in Diskussionen, Schulungen oder Seminaren voneinander zu lernen und scheinbar feststehende politische Positionen wieder zu hinterfragen – im Gegensatz zu den sonst weitverbreiteten Abgrenzungstendenzen innerhalb der radikalen Linken – ist überhaupt die Möglichkeit einer langfristigen gemeinsamen Theoriebildung gegeben, die dem Ziel der kollektiven Befreiung dient.

In Berlin beispielsweise sind die vier zur Zeit in der AA/BO organisierten Gruppen extrem verschieden: F.e.l.S.; Fara als feministische, antiimperialistische Frauengruppe; A&P als autonome Antifagruppe und RAI als Antifagruppe mit stärkerer traditionell kommunistischer Bezugnahme. Zur Zeit findet alle zwei Wochen ein Delegiertentreffen der Gruppen statt, auf dem ein Austausch über die  jeweilige Arbeit stattfindet, praktische Aktivitäten koordiniert werden  und versucht wird, an einzelnen Punkten zusammen praktische Projekte zu entwickeln. Ein Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit war unsere Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung der Antifademo gegen Arnulf Priem im August ’94 im Rahmen der „Aktion 94“ gegen den  jährlichen Rudolf Heß Gedenkmarsch der Nazis.

Inhaltliche Diskussionen haben sich bisher entlang der gemeinsamen praktischen Initiativen orientiert, z.B. an gemeinsamen Veranstaltungen oder Demonstrationsbeteiligungen. Auch wenn die Berliner Koordinierung bisher selten über einen Austausch hinausging, denken wir, daß nur durch solch einen Ansatz einer ernsthaften, langfristig angelegten  Zusammenarbeit eine Annäherung und Vereinheitlichung der Gruppen im Sinne einer Organisation gewährleistet werden kann.

In der AA/BO wurde und wird versucht, die Erwartungen möglichst realistisch zu halten an das, was und wieviel für uns innerhalb des Organisationsprozesses leistbar ist. Dies bedeutet auch, daß die Arbeit sich in erster Linie an den regionalen praktischen Aktivitäten der Mitgliedsgruppen orientiert. Die praktische Zusammenarbeit, das verbindliche Planen und Organisieren von Kampagnen funktionieren demzufolge in der AA/BO auch relativ gut. Trotzdem ist es schwierig, zu einer sinnvollen und für alle Gruppen tragbaren Gewichtung von praktischer und theoretischer Arbeit zu gelangen. Denn theoretische Diskussionnen müssen auch forciert werden, d.h. sie ergeben sich eben nicht per se aus der Praxis, sondern sie sollen dieser als Grundlage aber auch zur Erweiterung dienen. Insofern sehen wir dieses Problem eng daran gekoppelt, inwieweit es der AA/BO perspektivisch gelingen wird, ihre  Arbeitsfelder über den Schwerpunkt Antifaschismus hinaus auszudehnen. Dies kann unserer Ansicht nach nur funktionieren, wenn einerseits die analytischen Grundlagen erarbeitet werden, sprich in welchem Zusammenhang verschiedene Politikfelder zueinander stehen, z.B. Antifa und soziale Frage, sowie die  jeweiligen Bedingungen für Widerstand untersucht werden. Daraus können dann Handlungsweisen für praktische politische Arbeit abgeleitet werden. Andererseits muß sich eine Ausweitung der Arbeitsfelder aber auch organisch aus der Praxis der Gruppen vor Ort entwickeln. Daß es damit noch Probleme gibt, hat sich besonders in der jetzt gelaufenen Kampagne der AA/BO zu den Wahlen gezeigt: Zwar wurden in den einzelnen Gruppen und auf den Bundestreffen theoretische Positionen zu Parlamentarismus und Wahlen erarbeitet, aber diese Thematik hatte mit der meist konkreten Antifaarbeit der Gruppen in den Regionen nicht viel zu tun. Insofern schien uns auch die praktische Umsetzung dieser Kampagne mit dem  Höhepunkt einer Demo in Bonn am 15. 10. mit nur ca. 700 Teilnehmerinnen äußerst mangelhaft.

Eine Erweiterung der politischen Arbeit (nicht grundsätzlich über Antifa hinaus) fand in der AA/BO bisher vor allem dann statt, wenn neue Gruppen dazugekommen sind, die ihre Arbeit in den existierenden Kontext der BO stellen konnten, aber weitergehende Vorschläge und Forderungen hatten. Durch den Beitritt einer Frauen/Lesbengruppe entstanden schnell intensive Diskussionen um autonome Organisierungen entlang spezifischer Unterdrückungsverhältnisse innerhalb einer gemischten Organisation. Daraus hat sich vor einigen Monaten auf den  Bundestreffen eine Frauen-AG gegründet, an der Frauen aus allen Mitgliedsgruppen teilnehmen. Zur Zeit wird an der Planung einer Kampagne zum 8. März ’95 gearbeitet. Außerdem werden die Diskussionen weitergeführt, wie eine eigenständige Frauenorganisierung innerhalb einer gemischten Organisatiosstruktur aussehen kann, die nicht stellvertretend für den „Bereich Frauenfragen“ zuständig gemacht werden kann. Es wird nach möglichen Strukturen und Regelungen gesucht, die eine Doppelbelastung der Frauen verhindern und eine Entscheidungsautonomie garantieren. In der Zwischenzeit gibt es auch in vielen gemischten Gruppen eigene Frauen-AGs und zwischen den Berliner Gruppen findet ebenfalls alle zwei Wochen ein Frauenkoordinierungstreffen statt.

Wir halten die AA/BO zur Zeit für einen der ganz wenigen dynamischen Organisationsversuche in der radikalen Linken, mit der Chance, durch das Hinzukommen weiterer Gruppen und durch kontinuierliche politische Zusammenarbeit revolutionäre Positionen wieder stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.

Kontinuität und Verbindlichkeit können nur in organisierten Strukturen gewährleistet werden!

Quelle

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