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Die Höchste aller Künste ist die Veränderung

Text aus der Broschüre „Das Konzept Antifa“ – der AAB

Wichtigkeit von Kulturkampf
Dem Kulturkampf kommt in der Linken eine besondere Bedeutung zu. Unter »Kultur« versteht man die Vorstellungs- und Orientierungsmuster, die eine Gemeinschaft nachhaltig prägen. Diese Muster werden von den Beteiligten verwendet, um Situationen zu erklären und zu gestalten. Sie entstehen nicht rational, sondern werden in einem Sozialisationsprozess vermittelt und prägen ganzheitlich, also auch emotional. Doch zu Kultur gehören nicht nur diese Basisannahmen, sondern auch ein Symbolsystem, das die Annahmen vermittelt. (z. B. Sprache, Kleidung, Umgangsformen). Für die Linke ist Kultur genauso Teil der Lösung wie Teil des Problems. Problematisch ist, dass die gemeinsame Orientierung verkettet ist mit dem Bestehenden, da sie in der Sozialisation, also aus den Erfahrungen des Alten heraus vermittelt wird und da sie nicht auf rationalen Entscheidungen beruht, also für Suggestionen und Ausgrenzungen besonders empfindlich ist: Wer erst mal im Kapitalismus (bzw. Feudalismus) geprägt ist, verliert diese Orientierung nicht so schnell – eine Orientierung, die in der Regel den Bezug zur »guten alten Zeit« herstellt und insofern konservativ ausgerichtet ist. Besonders negativ wirkt sich das im Nationalismus aus. Die deutsche Nation etwa bildete sich mit dem Konstrukt einer »Nationalkultur«, die sich historisch insbesondere durch Abgrenzung gegenüber dem Judentum definierte.

Linke Hoffnungen: »Kulturrevolution« und »Philosophische Front«
Eine möglich Lösung ist das Kulturkonzept für die Linke, da es in seiner Ganzheitlichkeit auch Ansatzpunkt für eine gründliche Änderung des Sozialen ist. Diese Bedeutung sah Mao in der Kultur; zur Vollendung einer bereits siegreichen Revolution. Im revolutionaren China propagierte er die »Große proletarische Kulturrevolution«. Die chinesischen Kommunisten forderten die »Revolution nach der Revolution«, die nach der Machtergreifung fortgesetzt wird und zur völligen Umgestaltung aller Lebensverhältnisse führt. Ihr Kommunismus hatte stark experimentellen Charakter und betonte Bewusstseinsbildung und Umerziehung. Dies führte im Westen zur Horrorvision der »Chinesischen Gehirnwasche«, aber auch zu Bewunderung unter der rebellierenden Jugend. Mit dem Konzept der »kulturellen Hegemonie« formulierte der italienische Kommunist Gramsci in der ersten Hälfte des Jahrhunderts das Ziel im Kampf um die Herbeiführung grundlegender Veränderung in Westeuropa. Gramsci teilte den Überbau der Ökonomie in zwei groBe Ebenen ein : Die »politische Gesellschaft« verkörpert für ihn die direkte Machtausübung des Staates als Unterdrückungsapparat, seine juristischen und militarischen Funktionen. Die »bürgerliche Gesellschaft« erzeugt den freiwilligen Konsens und wird nur indirekt von der herrschenden Klasse gesteuert. Dazu gehören die Schulen, Universitaten, Kirchen, Gewerkschaften. Dies Modell eröffnet theoretisch die Möglichkeit, dass die Sozialisten schon vor ihrer Machtübernahme auf einigen Gebieten des Überbaus die Hegemonie, also die Vorherrschaft erringen. Dies hielt er als Vorbereitung grundlegender Veränderung für unverzichtbar. Auf diesen Vorstellungen basiert der Kulturkampf im engeren Sinn, auf den sich im folgenden bezogen werden soll: der Versuch, von links Auseinandersetzungen zu führen im Bereich von Bildung, Wissenschaft, Kunst und Massenmedien.

Moderne: Das Richtige geht dem Falschen voraus
Dass Hoffnung in die Veränderung durch Kultur gesetzt wird, begründet sich aus ihrer Vorgeschichte. So wurde die Schaffung von »Kunst« als höchster Ausdruck von Kultur historisch eingesetzt als Orientierungsmaßstab für das gesellschaftliche Leben. Noch im 18. Jahrhundert gelang es dem Adel, einer »wahren Kunst« Dominanz zu verschaffen, die dem »Guten, Wahren, Schöinen« verpflichtet sein sollte. Damit wurde gesellschaftlich der Anspruch durchgesetzt. Mit der »Moderne« änderten sich die Vorzeichen. Nach Aufklarung und französischer Revolution hieß »modern« sein, seine Normen aus sich selbst heraus zu entwickeln. Es ging darum, vorbildlose Originalität als Avantgarde zu schaffen. Kunst sollte das Wahre auszudrücken, zu dem hin sich die Gesellschaft erst noch entwickeln muss. Das typischste politische Projekt der Moderne war der Sozialismus. Mit dem Sozialismus war die Hoffnung verbunden, in ihm liesse sich das Werk der Literaten und Künstler endlich verwirklichen und vollenden. Die überwaltigende Mehrheit der Intellektuellen waren Sozialisten bzw. spater Antifaschisten.

Kulur heisst, dass alles am richtigen Platz ist
Nach dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus hat linke Kultur ihre soziale Sprengkraft verloren. Politik dreht sich um die Frage der Macht, aber Kultur dreht sich um die Frage des Interessanten. Dies lässt sich in der Kapitallogik mühelos vereinnahmen. Als gesellschaftliche Formenhaben sich »Lebensstile« herausgebildet, also selbst ausgewahlte Kulturen, die unverbindlich in ihren Nischen nebeneinander her bestehen. Zwar gehen Lebensstile oft Hand in Hand mit bestimmten Gesellschaftsklassen, aber dieser Zusammenhang löst sich zunehmend auf. Mobilisierend fur das Handeln über die reine Notwendigkeit heraus ist die selbst ausgewahlte Kultur, die mehrmals im Leben wechseln kann. Die westlichen Industriegesellschaften bestehen aus Subkulturen, die den Miteinbezogenen intensive Orientierung und Sinn vermitteln. Zusammengehalten wird die kulturelle Mischung durch ökonomische Notwendigkeiten und staatliche Normen, die aber nur im Ausnahmefall selbst sinnstiftend sind.

Postmoderne: Ein Lachen wird es sein, das euch beerdigt
Dem tragt die Postmoderne als heute dominante Kunsttheorie Rechnung. Für die Postmoderne ist alles Kultur und darum alles konsumierbar: Was früher Auseinandersetzung oder Ablehnung hervorrief, ist folgenlos amüsant. Ursprünglich nur ein Stil in der Architektur, ist die Postmoderne wie jede andere Hochkultur vor ihr auch als allgemeine Lebenshaltung in Mode gekommen. Wo sich eh nichts verändern lässt, weil die Kapitallogik regiert, wird der Spieß einfach umgedreht und die eigene Folgen­Losigkeit als frischer kultureller Einfall verkauft. Unter der Parole »Anything goes« soll die Postmoderne demonstrative Heiterkeit verbreiten, die Erreichbarkeit fur die Masse und die Gleichwertigkeit aller Stile einleiten. Gerade was als alt, öde und geschmacklos erkannt ist, lässt sich mittels Ironie wiedereinführen. Positive Deutung erlangen menschliche Schlüsselerfahrungen wie Unbestimmtheit, Verspieltheit oder Trivialitat. Der Gefallen am Ritual wird entdeckt, die Hinwendung zu jeder Form von Mythos. Und darum sagen aIle die, die Vorteile haben, wenn sie daran glauben: Wenn wir eh nichts verändern können, sollten wir wenigstens konsequent sein – konsequent ironisch, selbstbezogen, genießerisch, verspielt, oder mit anderen Worten: konsequent machtlos. Das ist tabulos, köstlich amoralisch und ermöglicht persönliche Überlegenheitsgefühle. Natürlich darf Kultur auch weiterhin gerne utopisch sein, solange sie nicht penetrant wird. Alles, was der Fall ist, lässt sich in Genuss umwandeln.

Kulturkampf von rechts
Wichtig ist, den.Kulturbereich zu nutzen, aber nicht in »kulturelles Denken« zu verfallen. Das Verständnis dieser Denkweise ergibt sich aus dem begrifflichen Entstehungshintergrund von »Kultur« im 18. Jahrhundert. Mensch kann unmittelbares Verhalten beobachten, und gleichzeitig laßt sich aIl das ein zweites mal beobachten und beschreiben, wenn man es als kultureIles Phänomen auffasst, z.B. als »Nationalkultur«. Dann lässt sich dies Handeln Vergleichen aussetzen, relativieren, am Vorbild einer »Hochkultur« messen usw. Der politische Anwendungsbereich ist dann für alle Seiten unbegrenzt. So kann der gesellschaftliche Mainstream Konflikte entpolitisieren, indem er sie als Auseinandersetzungen verschiedener Kulturen (Jugend-/Sub-) verharmlost. Von rechts lassen sich Eliten begründen, der veraltete »Rassen«-begriff modernisieren usw. Der Bestsellerautor Huntington definiert gleich den weltgeschichtlichen Konflikt des 21. Jahrhunderts als »Krieg der Kulturen«, als z.B. westliche Demokratie gegen Islam, die den alten Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus ablöst usw. Grundsätzlich gilt hier für eine linke Position, dass sie die politische Denkweise auf den Kulturbereich überträgt statt umgekehrt. Statt die Existenz >natürlicher«, unveränderlicher Grundorientierungen hinzunehmen, muss sie auf die Veränderbarkeit der Verhältnisse bestehen. Statt auf den Klebstoff der nationalen Kultur, hat sie auf die innergesellschaftlichen Widersprüche hinzuweisen. Und statt alles, was der Fall ist, in Genuß umzuwandeln, muß sie dafür sorgen, dass sich mit Genuss Politik machen lässt.

Gib mir einen Satz mit Sinn
So stellt sich die Frage, wie Kulturkampf in der Postmoderne möglich sein soll. Erfolgreich ist offensichtlich vor allem Identitätspolitik. »Identität« bedeutet, dass der Einzelne aus der Vielzahl der möglichen Meinungen und Verhaltensweisen eine Auswahl trifft, die über einen langeren Zeitraum gleich bleibt und eine innere Logik besitzt. ln der Regel ist eine ldentität verbunden mit der zugehörigen (Sub)Kultur, also einer Gemeinschaft erhoffter oder tatsächlicher Gleichgesinnter, die sich auch in Symbolen ausdrückt. Die besondere Attraktivität macht aus, dass die symbolische Ebene verbunden ist mit Gemeinschaftlichkeit und Kreativitat in Bezug auf Sprache, Lieder, Kunstwerke, Kleidung usw. Linke, radikaloppositionelle Identitä.ten sind in jeder Hinsicht unterstützenswert. Entscheidend ist nur, nicht dabei stehen zu bleiben. Wenn es beispielsweise gelungen wäre, die Zehntausenden politisch einzubinden, die allein in den 80er Jahren in Berlin die Polit-»Szene« durchlaufen haben, ware längst eine neue Massenbewegung entstanden. Dass viele Linke nicht souverän mit den notwendigerweise inhaltlich schwammigen Szenen umgehen können, liegt daran, dass Subkultur für sie ihre eigene, inzwischen peinlich gewordene Substanz ist statt nur ein Anknüpfungspunkt.

Originell: Verteidigung der »Szene«
Also was tun in Zeiten wie diesen: Zum einen ist offensichtlich, dass da, wo alles möglich ist, sich auch Szenen etablieren können, in denen eben nicht alles möglich ist. »Szenen« sind Subkulturen in der Gesellschaft, die nur noch aus Subkulturen besteht, zusammengehalten durch Kapitallogik und staatliche Normen. Speziell die Polit-Szene geißelt ihren kulturellen Zusammenhang und damit sich selbst traditionell als »Ghetto«. Ein Mitglied der Polit-Szene erkennt man in der Regel daran, dass er sich von der »Szene« distanziert – allen anderen ist das Thema schließlich völlig egal. Aus biographischer Enttäuschung heraus wird davon ausgegangen, dass »Szene« gleichzusetzen ist mit der Punk-, Hardcore-, Independence- oder Hip-Hop-Kultur. Als Beweis der Beschränktheit gilt das Vorhandensein von eigenen Verhaltensweisen, Sprache und Weltwahrnehmung. Dabei sind dies nur Zeichen eines erfolgreichen Lebensstils. Es geht um genauso eine Mini-Lebenswelt wie die der Computer-Cracks, der Religöisen, Fußballfans, StarTrek-Anhänger oder Yuppies auch. So verstanden ist eine Szene das Ergebnis erfolgreicher Kulturarbeit und kein Zeichen von Beschränktheit. Vermutlich haben in der BRD der letzten 30 Jahren bedeutend mehr Leute durch Brecht, Ton-Steine­Scherben oder Slime ihr Interesse an Politik entdeckt als durch alle kommunistischen Parteien zusammen.

Schönheit gibt es nur im Kampf
Ein erfolgreiches Konzept von Kulturkampf muß die Aufgabe lösen, die postmoderne Logik im Fortschritt und nicht als Rückgriff zu überwinden: durch das Aufgreifen ihrer Unbeschwertheit, ihrer Eingangigkeit, ihrer Kampfmittel wie Ironie und stilistischer Vielfalt. Zusätzlich durch das Einlassen auf die »große Erzählung«, die in dieser Logik Feindbild Nummer eins ist: die verbindliche übergeordnete Leitidee, die Orientierungsfunktion hat. Das wenige, was dieser Leitidee nicht zugeordnet werden kann, wird mit einem Zusatzkommentar versehen: entweder ausführlich abgelehnt oder bekämpft. Die eigene Stärke erweist sich aber in der Souveranitat. Auf dem unverbindlichen Gebiet der Lebensstile ist JEDER Kampf symbolisch. Gleichzeitig ist aber Kulturkampf nur eine Möglichkeit innerhalb der Politik. Neben der Schaffung eines eigenen Umfeldes geht es darum, politische Bewegung zu entwickeln, also verbindliche Punkte zu erarbeiten und zu verbreiten, auf die sich möglichst viele Milieus einigen können; in unserem Konzept eine antifaschistische Grundorientierung. Unter heutigen Bedingungen kann das Ziel von Kulturkampf nur sein, präsent zu sein in Bereichen wie Bildung, Wissenschaft und vor allem in den Massenmedien; wichtig ist, Staub aufzuwirbeln, symbolische Kämpfe zu führen, Meinungsführer und Symbolfiguren mit einzubeziehen und die Faszination aufzugreifen, die verbunden ist mit kulturellen Anliegen.

Quelle

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