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Den Basic-Style erobern

Jungle World Nr. 2, 6. Januar 1999

Antifa-Mode 1999: Pure-Look ist das Gegenteil von Poor-Look

von Ivo Bozic

Das Motto der AA/BO: „weniger ist mehr“ setzt sich zunehmend auch in der Antifa-Mode durch. Während die BeNull mit weniger Inhalt mehr Masse lockt, sind in der antifaschistischen Modewelt die Klamotten immer weniger auffällig – dafür viel teurer. Schon 1998 orientierte sich die Antifa zunehmend an der trendigen HipHop- und Techno-Szene. 1999 sind Anleihen an die Punkrockgeneration endgültig passé. Insgesamt setzt sich der schlichte Basic-Style fort, der von Modemachern auch Pure-Look genannt wird. Nicht zu verwechseln mit Poor-Look. Das ist das Gegenteil!

Antifas fallen in postautonomen Zeiten immer weniger durch ihre Kleidung auf. Ist das Tarnung oder Anpassung? Beides wäre billiger zu haben (fishbone!). Hätte Mami nicht alle Klamotten aus den frühen Achtzigern weggeworfen, hätte man heute was Schickes zum Trendsetten. Das Achtziger-Revival macht eben auch vor der Antifa-Szene nicht halt. Selbst flache weiße Adidas-Turnschuhe mit roten oder blauen Streifen gehen wieder – werden vermutlich 1999 sogar richtig hip. Ist das nicht unglaublich! Sowieso Turnschuhe! Was anderes tragen Antifas kaum. Adidas liegt dabei auf Platz eins. Die Plastikkappe vorne als liebevolles Andenken an die Stahlkappe. Auch beliebt bei Schuhen ist die Firma Caterpillar – und auch Fila könnte sich ’99 noch weiter etablieren. Ja, Marken sind wichtig! Genaugenommen sind sie das Wichtigste. Antifa heißt Marke tragen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Sneakers, diese HipHop- und Sprayer-Schuhe, bei denen man die Schnürsenkel nicht mehr miteinander verknotet, sondern sie unauffällig an den Seiten befestigt – als wären sie lose -, haben sich im letzten Jahr bei der Antifa durchsetzen können. Völlig out sind hingegen Dock Martens. Nur noch einzelne Punkrocker laufen damit rum und machen sich lächerlich. Tanzte die Szene früher bei Demos in Springerstiefeln an, um im Zweifelsfall besser zutreten zu können, so scheint der Trend zum Turnschuh der Tatsache geschuldet zu sein, daß man sich als Antifa heute eher mal schnell aus dem Staub macht. Das ist natürlich nur eine These!

Kommen wir zu den Hosen. Hier ist auch bei der Antifa die seit etwa einem Jahr von Bravo Girl! gehypte Workwear angesagt. Für eine unförmige Blue-Jeans-Arbeitshose legen echte Antifas gerne mal 160 Mark und mehr auf den Tisch. Die Firma Carhartt macht hier ganz eindeutig das Rennen. Die Arbeitshosen haben sich bewährt, weil Schlaufen und Seitentaschen, die eigentlich für Zollstock und Hammer vorgesehen sind, sich prima fürs Handy eignen – des Antifas wichtigstes Werkzeug. Gerne gekauft werden auch Hosen mit Doubleknee – einer doppelten vorderen Beinfront. Wozu das nützlich sein soll, weiß aber niemand so genau.

Neben den Carhartt-Hosen werden natürlich immer noch Bundeswehr-Hosen getragen, wenn auch mit rapide sinkender Tendenz. Hier setzt sich zunehmend die unglaubliche Farbe Beige durch, Schwarz ist schon fast peinlich. Der Schnitt wird enger, die Seitentaschen rücken immer höher. Hingen sie früher neben den Knien, finden wir sie 1999 schon an der Hüfte. Das dürfte die Endmarke sein, und das Ende der BW-Hose damit besiegelt. Oder es fängt wieder unten an den Füßen an. Das könnte durchaus passieren. In sind – man glaubt es kaum – baumwollene Anzughosen mit Bügelfalte. Bei Antifas, ja! Basic-Style eben. Back to parents‘ roots. Irgendwann sind dann auch Krawatten cool, oder Schürzen. Vielleicht schon im Jahr 2000.

So out wie Springerstiefel sind bei den Beinkleidern die Lederhosen. Wer noch eine hat, sollte sie schleunigst verkaufen. Noch kann man sie vielleicht auf dem Flohmarkt einem Altrocker für ’nen Zehner andrehen. Bald schon wird es Strafsteuern auf den Besitz dieser Dinger geben.

Was Antifas unter der Hose tragen, läßt sich wegen des mangelnden Einblicks des Autors schwer beurteilen. Das war einmal anders. Nicht, weil der Autor früher bessere Einblicke gehabt hätte, sondern weil die Calvin-Klein-Briefs früher häufig aus der Hose herausblickten. Das hat sich mit dem Durchbruch der an der Taille hochgeschnittenen Arbeitshose in Zusammenspiel mit dem Wintereinbruch im Oktober letzten Jahres erledigt. Besser so. Hoffen wir, daß die Hosen im Frühjahr nicht wieder unter die Äquatorlinie rutschen.

Bei den T-Shirts setzte sich ’98 endgültig der V-Ausschnitt durch. Ein Trend, der sich ’99 fortsetzen wird. Aufdrucke sind nur als einfache Schriftzüge in Brusthöhe erlaubt. Dabei muß es sich um einen Markennamen handeln. Eine politische Parole wie „Smash fascism“ ist nur tragbar, wenn sie als Markenname getarnt ist. Das gelingt Antifa-Modemachern inzwischen ganz geschickt. Hat hier jemand nach Aufnähern gefragt? Vergiß es! Geh Nena hören!

Kapuzenpullis gehören eh und je zur Standardkleidung eines zünftigen Antifas. Doch auch der „Kapuzi“, wie das gute Stück liebevoll genannt wird, erlebt seine letzten Tage. Nur im aus der Techno-Szene stibitzten megateuren Surfstyle haben sie eine Chance – oder als weißer oder hellgrauer Kragenersatz, was allerdings ziemlich eklig ist. Schwarz und Rot sind aber abgeschafft. ’99 wird man Kapuzenpullis vermutlich nur noch auf Demos antreffen, wo sie ihren eigenen Zweck erfüllen. Statt dessen setzt sich der Basic-Style fort. Schlichte ein-, höchstens zweifarbige Rollkragenpullover – früher Haßobjekt Nr. 1 – erleben ein Comeback. Grober Rippstrick bevorzugt.

Vor allem BO-Kader lieben dieses Kleidungsstück, zunehmend setzt es sich aber auch beim Fußvolk durch, und selbst bei der unabhängigen Antifa scheint der Trend zum Rolli zu gehen. Auch hier zeigt sich die AA/BO wieder einmal als Trendsetter. Naja, Modeerscheinungen unter sich … Insgesamt bleiben die Pullover wie die T-Shirts körperbetont eng. Wer L braucht, kauft sich M (früher XL). Und auch hier wird wieder V-Ausschnitt gezeigt. Wie Anfang der Achtziger, als wir an der Straßenecke den Poppern mit ihren beknackten V-Pullis und Schlüpfschuhen ihre Walkmänner vom Kopf rissen. Wir, das waren die mit den Lederjacken. (Inzwischen haben auch wir ’nen Walkman, klar.)

Der Trainingsjacken-Boom scheint hingegen langsam abzuebben. Für ’99 wird der Todesstoß erwartet. Auch die Bomberjacke hat inzwischen in der Antifaszene das Zeitliche gesegnet. ’98 war definitiv ihr letztes Jahr. Und da sah sie schon gar nicht mehr gut aus. Höchstens die edlen Alpha-Jacken (Alpha Industries) mit dem Fellkragen werden noch aufgetragen. Naja, waren auch teuer genug! Die 1998 aktuellen stabileren Arbeitsjacken mit Fellkragen und Stifthalter am Arm werden sich wohl noch bis zum Sommer 1999 halten. Beliebt sind hier die Farben Dunkelblau und Grau und bei ganz besonders hippen Typen auch Knallrot. Es dominieren Workwear-Firmen wie Carhartt und Dickies. Die Jacken sind hüftlang ohne Bündchen, uni, schlicht – quadratisch, praktisch, gut. Sehr unauffällig und sehr teuer.

Wirklich hip sind in der Antifa-Szene diesen Winter jedoch dicke Daunenjacken in allen Farben, in denen man wie das Michelin-Männchen aussieht – also ziemlich dämlich. Damals haben uns unsere Eltern in solche Dinger gezwängt, und wir wären fast gestorben vor Scham. Heute ist das der Megaknüller. So geht’s … Die Antifa ist hier allerdings dem Trend zwei Jahre hinterher. Bravo und die Technos pushten diese Plusterteile schon 1996. Selbst Gore-Tex-Jacken, die schon mal bis zu 400 Mark kosten dürfen, werden inzwischen in Antifakreisen getragen. Aber das hat im Frühling Gott sei Dank ein Ende. Da wird ein zweites (oder zweihundertstes?) Jeansjacken-Revival erwartet – im James-Dean-Style diesmal. Na, mal sehen … Völlig out sind Lederjacken. Zusammen mit der Lederhose kann man sie höchstens noch mal zu einer Sex-Bizarr-Party ausführen. Oder besser einem Motorradfahrer schenken.

Out sind bei den Kopfbedeckungen endlich die Basecaps – egal, wie herum getragen. Es reichte ja wohl auch! Es reicht auch schon seit Jahren mit den Wollmützen, doch deren Beliebtheit scheint ungebrochen. Sie sind natürlich schwarz und einfarbig, ebenso wie die Hassis (Sturmhauben), bei denen sich die rote Naht nicht durchsetzen konnte. Schals, die wir früher – kaum waren wir aus dem Blickfeld der Mama – ganz unten in der Schultasche versteckten, sind wieder in. Nur schwarze allerdings. Paßt ja irgendwie auch zu Roll- oder V-Kragenpullovern: Die stille Eleganz des u.a. in der Hamburger Schule wiederbelebten, auf exzessivem und offensichtlichem Understatement beruhenden kreativen Existentialismus der Generation X – oder wie wir Punkrocker sagen: Intellellischeiß.

Palitücher sind – ein Segen! – nun auch im Osten der Republik endgültig wieder out, nachdem wir jahrelang bei Besuchen in der Provinz mit diesem totgeglaubten und nur durch einen dummen Zufall wie der Wiedervereinigung aus der Versenkung hervorgeholten Steinzeitrequisit konfrontiert wurden. Das gibt’s – muß man anerkennen – in der BO jedenfalls nicht. Für den Fall, daß in irgendeinem verschneiten Ostkaff noch jemand so ein schwarz-weiß-kariertes Monstrum trägt: Laß es sein!!!

Was gibt es noch? Taschen. Immer noch aktuell sind Gürteltaschen, wenngleich es das Eastpack am Hosenbund ’99 schwerer haben wird. Dafür boomen nun auch in der Antifa-Szene Plastik-Umhängetaschen, die man quer über die Brust trägt. Sie sind quadratisch im LP-Format, weil ja heute jeder irgendwie DJ ist. Doch während die Technos ihre Platten-Taschen knallbunt lieben, bevorzugen Antifas dezente Farben. Das ist ja klar, wenngleich der manische Zwang zu Schwarz ein Ende gefunden zu haben scheint.

Insgesamt bleiben die Farben aber unauffällig, passend zum Stil. Gab man früher etwas darum, mit der Kleidung die Zugehörigkeit zum Subproletariat kundzutun – Poor-Look eben – und mit der aufgeschrammten Lederjacke den Bonzen und Yuppies ein klares „Fuck You“ entgegenzuschleudern, so ist heute auch in der Antifa-Szene guter Geschmack gefragt. Und den läßt man sich etwas kosten. Das hat zu einem erheblichen ästhetischen Schub geführt, wofür man den Mode- und Geldmachern eigentlich dankbar sein muß.

Dennoch bleibt die Frage, ob der Trend, sich nicht mehr über die Klamotten als Antifa outen zu wollen, ein erster Schritt zu einer Distanzierung ist?! Oder ist Kein Outfit das Pendant zu Kein Inhalt? Läßt unverspielte Kleidung auf ernsthafte Politik schließen? Ist das modische Anpassen an die Masse der Versuch, sich bei dem revolutionären Subjekt der Begierde einzuschmeicheln? Woher haben Antifas eigentlich so viel Kohle? Wer denkt sich das alles aus?

Das Gute am Jahresanfang ist, daß man Fragen ruhig einmal offen stehen lassen kann. Vielleicht findet sich im Laufe der kommenden zwölf Monate ja die eine oder andere Antwort. Das Problem ist nur – wie immer bei Mode -, dann ist es zu spät. Mannomann, das war doch früher alles anders, oder?!

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