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Aufruf zum Verstärker Kongress

Aufruf zum Verstärker Kongress / Juli 1999
Vom 22.-24. Oktober findet in Leipzig ein Kongreß zu den Themenkomplexen Nazidominanz in öffentlichen Räumen, kulturelle Hegemonie und Möglichkeiten linksradikaler und antifaschistischer Strategien statt. Organisiert vom Bündnis gegen Rechts (Leipzig) richtet er sich bundesweit an linksradikale Zusammenhänge und Antifa-Gruppen.

Wir wollen nicht unken. Bei der Antifa geht wenigstens noch was. Aber geht es gut?
Der eine oder andere Aufmarsch der Nazis ging aufgrund der Gegenmobilisierung gründlich in die Hosen. Nun ja, verhindert wurde keiner so richtig, aber wenn er nicht mit Verweis auf das Antifa-Potential verboten wurde, so wirkte wenigstens der Publicity-Effekt für die Nazis wie ein Bumerang. Hinter Schlagzeilen von „Chaoten, Randale und Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Extremisten“ erkannte die angestrebte Massenbasis nicht die disziplinierte Ordnungsmacht. Wenn die NPD gerade an dieser Frage zerbrechen sollte, dann könnte sich die Antifa einen schönen Erfolg ans Revers heften. Die rechte Alltagskultur ist aber leider damit kaum weniger dominant, reproduziert sie sich doch unabhängig von Parteistrukturen in Cliquen, auf der Straße, bei Nazi-Rock-Konzerten und in der Schule. Und schon sieht es mit dem Einfluß der Antifa mau aus. Und völlig in den Sternen steht ihre gesellschaftliche Relevanz angesichts solcher Ausformungen der Nach-Rechts-Entwicklung wie dem DVU-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt, der rassistischen Unterschriftenkampagne der CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft oder der antisemitischen Walser-Rede….
Die Gesellschaft ist schuld, natürlich. Und die hat sich ganz schön geändert. Dies meint nicht nur, daß der Kapitalismus in Ausformung und Ideologie wieder mehr zu sich selbst findet – auch das spielt eine Rolle, wobei zu klären ist, welche. Augenscheinlicher ist, daß die Linksradikalen und mit ihnen ihr heute noch einzig wahrnehmbarer Teil – die Antifas – ihre Attraktivität und Dynamik als „Bewegung“ eingebüßt haben. Auf diese Feststellung wird meist geantwortet, daß mit dem Ende des Realsozialismus auch jede linke Alternative, jede Gesellschaftsutopie auf dem Müllhaufen der Geschichte landete. Aber auch diese Meta-Erklärung ist so allgemein wie nichtssagend.
Wie funktionierte die radikale Linke der Nach-68-BRD als es ihr gut ging, ihre Interventionsmöglichkeiten nicht mehr oder weniger staatlich akzeptierten, sondern erkämpften Freiräumen entsprachen? Jugendliche Protesthaltung, Gerechtigkeitsempfinden, und Generationenkonflikte kanalisierten sich irgendwie automatisch in unterschiedlich links politisierten Jugendkulturen. So richtig zum Konzept machten dies die Autonomen im Rahmen der in den 60er Jahren erfundenen „Gegenkultur“, mit der sie in den 80ern groß raus kamen und in den 90ern untergingen. Spätestens seit dieser Zeit ist das Verhältnis der Linksradikalen zu Jugend- und Subkulturen ein gespaltenes. Die MTV und VIVA-Generation erscheint als kritiklose Masse der Konsumgesellschaft, und ebenso fällt auf, daß es nicht gelingt, mit einer Kritik am Warenfetisch die VertreterInnen von Hip-Hop- und Skateculture zum politischen Intervenieren zu verleiten. Aber so richtig verlassen wollen die Linksradikalen die Kulturschiene dann doch nicht. Keine Demo ohne Mucke, kein Benefiz ohne Hits. Und läßt sich nicht beobachten, daß überall dort, wo nicht-rechte Jugendkulturen ein Zentrum haben, meist in den Metropolen, die dumpfe Dröhnung der Nazis auf viel weniger Sympathie stößt?
Vielleicht sind die Subkulturen ja die zukünftigen BündnispartnerInnen der Antifa von Morgen. Von der „liberalen Öffentlichkeit“ und dem „linksliberalen Politikspektrum“ hat jedenfalls schon lange niemand mehr gehört. Doch bevor die Frage nach der Bedeutung der Kultur für linksradikale, antifaschistische Politik geklärt, bevor Strategien und Gegenkonzepte entworfen werden, müssen noch ganz andere, hausgemachte Defizite und Probleme der Antifa auf den Tisch. Wie sieht es eigentlich mit der eigenen Darstellung aus? Welche Symbole ermöglichen die Identifikation? Welchen Stellenwert hat Rebellion? Spielen gesellschaftliche Gegenmodelle, die aufs Ganze gehen, anstatt im tagespolitischen zu versacken, auf Dauer keine Rolle mehr?
Postbananische Zustände
Zehn Jahre nach der Wende hat sich im Osten das Verhältnis zu exotischen Früchten nachhaltig normalisiert. Würde heute ein Symbol für die gesellschaftlichen Zustände in den neuen Bundesländern gesucht, käme die Banane nicht mehr in Betracht, das Bild vom Nazi mit Baseballkeule in der Hand hat da schon einiges mehr an Aussagekraft.
Zwischen Rostock und Dresden bestimmen junge Nazis die Jugendkultur. Politische und kulturelle Alternativen zum Nazisein werden – so sie denn überhaupt existierten – Schritt für Schritt verdrängt. So ist in den ostdeutschen Gemeinden – mit hoher Wahrscheinlichkeit – der kommunale Jugendtreff auch das lokale Nazizentrum. Gut behütet von SozialarbeiterInnen, die dumm und ahnungslos zu BieröffnerInnen bei Kameradschaftsabenden avancieren oder sofort aus tiefster Überzeugung mit ihrer Klientel eine Sprache sprechen. Doch damit ist die Lobby für die Nazis im Osten alles andere als vollständig. Wird nur ein bißchen im braunen Sumpf gestochert, so stellen sich öffentliche Meinung, Kommunalverwaltung und -politik vor „ihre Jugendlichen“ und bilden eine fast unüberwindliche Phalanx gegen antifaschistisches Engagement. Die positive Einstellung der ostdeutschen Bevölkerungsmehrheit gegenüber den deutschen Sekundärtugenden und der rassistische Konsens tun ein übriges im Zusammenspiel einer sich als Avantgarde gebärdenden Nazijugendkultur mit ihrer Elterngeneration, die ihr an Radikalität nur nachsteht, wenn es darum geht, selbst gewalttätig das eigene Weltbild praktisch umzusetzen. Ergebnis dieses Prozesses ist eine Realität, in der das offensichtliche Nazisein so normal ist wie der Erwerb von Südfrüchten im Supermarkt. Diese Art der Normalisierung beschränkt sich natürlich keinesfalls auf die breite Akzeptanz gegenüber den äußerlichen Codes der Nazis, sondern nach und nach werden die Elemente der Naziweltanschauung zum Alltagswissen.
Bei soviel Fürsorge gedeihen die braunen Zonen prächtig. Der Ort, wo sich gestern Punks und MigrantInnen noch relativ geduldet fühlten, ist vielleicht schon morgen für sie tabu. Der gehört den Rechten, heißt das dann. Wurzen, Guben, Schwedt, Hoyerswerda – kein Kommentar. Magdeburg-Olvenstedt, Leipzig-Grünau, Berlin-Lichtenberg…, die Liste ließe sich mit fast jeder Gemeinde und jedem Stadtteil im Osten ergänzen. Und auch dann noch wäre sie unvollständig, denn mit den braunen Zonen scheint der Osten endlich wieder mal einen originären und beliebten Exportschlager zu haben. In der bayrischen Provinz oder in der Abgeschiedenheit des westdeutschen Nordens ist die rechte Alltagskultur nicht unbedingt ein Newcomer, aber immer mehr lassen sich im Westen auch „ostdeutsche“ Zustände beobachten. Und eines ist jetzt schon klar, klopfen Nazis an die Türen westdeutscher SozialarbeiterInnen, so werden diese genauso problemlos aufgestoßen wie im Osten, ist doch die Grundlage sozialarbeiterischen Umgangs in Ost und West völlig identisch. Was gleich die Frage nach sich zieht, an welchen Stellen der zivilisatorische Schutz westlicher Demokratie- und Kulturerfahrungen vor einem Erfolg der Nazibewegung in ähnlicher Weise ein Mythos ist, der sich in naher Zukunft als überholt erweisen wird. Wachsender Alltagsrassismus, die „Normalisierung“ Deutschlands und zunehmende antiwestliche Ressentiments weisen in diese Richtung.
Trübe Aussichten. Es scheint so, als bliebe nur die Frage zu klären, in welcher Art und Weise sich die Rechtsentwicklung fortsetzt. Erringen die Nazis bundesweit die kulturelle Hegemonie, oder stellen sie nicht viel mehr als eine gefährliche, aber funktionalisierbare Legitimationsgrundlage für die Rechtsentwicklung des bundesdeutschen Politikmainstreams dar?
Selbstbezichtigung
Seit einigen Jahren ist das BgR in Leipzig und im Umland aktiv. Einiges konnte bewegt werden, es gibt ein ganz passable Antifa- und Alternativszene, nicht jeder Stadtteil ist für MigrantInnen, Punks etc. eine „No Go Area“. Doch bezeichnend ist, daß auch die Arbeit des BgR sich stark nach den Aktivitäten der Nazis richtete. Gegenmobilisierungen machten zumindest einen großen Teil davon aus. Und wenn wir ehrlich sind, so müssen wir feststellen, daß wir gegenüber den Nazis nie so richtig in die Offensive gelangt sind. Den Nazis keine Räume zu lassen, ihnen keinen Fußbreit zu gönnen, sie rauszuwerfen, sie zu schlagen, wo wir sie treffen, dies blieben auch bei uns Maximalforderungen, die sich in der Realität alles andere als verwirklichen ließen. Ganz aktuell zeigte sich dies bei den antifaschistischen Interventionen im Leipziger Stadtteil Grünau. Eine brauen Zone von vielen, in die wir Unruhe brachten, in der wir sogar (ja, es muß leider gesagt werden: sogar) die vorläufige Schließung eines Nazitreffs erzwingen konnten. Das Kräfteverhältnis umzukippen, gelang uns allerdings nicht. Am konkreten Beispiel zeigte sich zum wiederholten Male (wie schon in Wurzen) die Begrenztheit des allgemeinen antifaschistischen Repertoires und damit die Notwendigkeit grundsätzlicher Überlegungen.
Ein plumper Taschenspielertrick, der nur notdürftig die eigene Machtlosigkeit verdeckt, möchten da vielleicht einige meinen: Bloß weil wir vor „unserer Haustür“ nichts auf die Reihe kriegen, zetteln wir gleich großtrabend bundesweite Kongresse an und erwarten schlaue Gedanken von anderen Leuten. Ja, na und?
Das BgR sieht sich als Teil einer linksradikalen antifaschistischen Bewegung und genau jene ist sowieso dazu verdonnert, sich den Fragen nach der Analyse des Gegenwärtigen und daraus folgenden Interventionsmöglichkeiten zu stellen. Diskussionsbedarf gibt es, nicht nur das BgR ringt um Grundannahmen und Perspektiven. Mit dem Verstärker-Kongreß existiert ein Rahmen für die fällige Auseinandersetzung auf breiter Ebene.
Ach so. Falls sich gefragt wird, woran die Teilhabe an der oben beschriebenen Bewegung, und damit die „Zugangsberechtigung“ für den Kongreß erkannt wird? Ganz einfach: Betrachtest du die rechte Alltagskultur, die Dominanz von Nazis in öffentlichen Räumen und ihre Hegemoniebestrebung als ein unbedingt zu lösendes Problem. Möchtest du dabei nicht auf den Staat und aufs bürgerliches Feuilleton, sondern viel eher auf autonome Organisation setzen? Lösen Begriffe der Totalitarismustheorie Ekelanfälle aus und bist du gelangweilt von den Statements sogenannter „RechtsextremismusexpertInnen“? Werden alle Fragen mit „ja“ beantwortet („weiß nicht“, geht auch), dann bist du herzlich eingeladen.
Warnung: Was der Verstärker-Kongreß soll
Der Kongreß soll angesichts der verschiedenen Konzepte der Vergangenheit, die der beschriebenen Situation alle nicht gerecht wurden (traditionelle Antifapolitik, Wohlfahrtsausschüsse usw.), über den Stand der Dinge hinaus weisen. Es ist nicht unser Ziel, einfach nur richtige Fragen zu stellen, es ist auch nicht unser Ziel, die alten Erfahrungen endlos wiederzukäuen. Was wir uns von dem Kongreß erhoffen, sind neben der Diskussion gegenwärtiger Ergebnisse verschiedener Analyseansätze in Bezug auf die Entwicklung einer zeitgemäßen antifaschistischen Politik, Synergieeffekte. Es soll zusammenkommen, was in linksradikalen Paralleluniversen, an partiellen Ergebnissen vorliegt, um das Fundament der zukünftigen Politikansätze zu vertiefen, zu stärken und zu verbreitern. Auch wenn ein solcher Kongreß keine fertigen Konzepte bringen wird, soll die an der Entwicklung politischer Praxis orientierte Analyse, die notwendige inhaltliche Diskussion ermöglichen.

Quelle

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