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Keine Position keine zu haben

Kritischer Beitrag zur Broschüre »Das Konzept Antifa« in CEEIEH #51 / Juli 1999Die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) hat eine „Informationsbroschüre“ über Sinn und Unsinn von Antifa als Konzept herausgegeben.
Der Politikansatz autonomer Antifagruppen ist seit den Achtzigern, also seitdem man überhaupt von autonomer Antifa sprechen kann, mal mehr mal weniger ein offenes Geheimnis geblieben. In meist anonymer Art und Weise, zu gerne unterschrieben mit „einige AntifaschistInnen aus da und da oder von dort und dort“, wurden Partikel und Splitter des eigenen politischen Denkens und Handelns einer ausgewählten, vornehmlich linksradikalen Öffentlichkeit, offenbart. Über die Perspektive und kontinuierliche Arbeit machte man sich kaum Gedanken. War man doch eingebettet in eine von Dynamik gekennzeichnete Autonomen-Bewegung, die die soziale Andockung im Selbstlauf für einen erledigte. Mit dem Wegbrechen und dem Niedergang der autonomen Bewegung durch die Ereignisse 1989, die die meisten nicht reflektierten geschweige denn verarbeiteten, zerbrach auch der fast als natürlich begriffene Bezugsrahmen einer linksradikalen Bewegung mit guter Infrastruktur und einer Menge Leute, die sich in der Szene tummelten. Es flog nun auf, daß die wenigsten der Autonomen wirklich konfliktfähig waren. Sie waren es vielleicht gegenüber dem Staat, wenn auch da vornehmlich auf der symbolischen Ebene der Riots und der Randale, jedoch nicht mit sich selbst. Dem Eingehen ihrer Bewegung sahen sie im großen und ganzen hilflos zu. Heutzutage findet man da und dort noch verknöcherte und vereinzelte Relikte, die sich an punktuellen sogenannten Teilbereichen abarbeiten.
Zu denjenigen, die aus diesem Niedergang der autonomen Bewegung ein neues Modell entwickelten, gehört die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB). Anfang der Neunziger aus der Berliner Antifa A+P entstanden, versucht die Gruppe seit Jahren unter den Vorsätzen einer organisierten und kontinuierlichen Antifa-Arbeit eine politische Praxis zu entwickeln, die auf entsprechende gesellschaftliche Veränderungen seit der sogenannten Wiedervereinigung und dem postulierten „Ende der Geschichte“ (Fukujama) reagiert.
Nun liegt von der Gruppe eine „Informationsbroschüre“ vor, die unter dem Titel „Das Konzept Antifa – Grundsatztexte und Konkretes“ auf über siebzig Seiten eine „Bestandsaufnahme aus einem noch längst nicht abgeschlossenen Diskussionsprozeß über Möglichkeiten und Perspektiven antifaschistischen Engagements“ darstellt. Das mit der Herausgabe der Broschüre verbundene doch etwas realitätsferne Ziel der „Begründung konsequenter linker Politik“, soviel sei schon mal vorweggenommen, kann eine Broschüre, egal wie gut oder schlecht der Inhalt nun sein mag, so oder so nicht leisten. Schon gar nicht, wenn, wie die AAB schreibt, „die inhaltlichen Grundlagen (…) auf die grobe Orientierung begrenzt (bleiben)“. Aus der weltweiten Niederlage der Linken wird in der Broschüre der Schluß gezogen, daß „der theoretische Linienkampf die falsche Konsequenz“ ist. Da es der AAB „als ersten Schritt“ darum geht, „viele Leute zu eigener Beteiligung anzuregen und Dauerhaftigkeit zu beweisen“, ist diese
cover, 19.4k
Das Konzept Antifa – Grundsatztexte und Konkretes; Informationsbroschüre der Antifaschistischen Aktion Berlin 1995-98; 73 S. broschur, DM 7,-; erhältlich u.a. im Infoladen im Conne Island
Schlußfolgerung folgerichtig. Daraus jedoch abzuleiten, die AAB vertritt die Position, erst gar keine zu haben, ist grundlegend falsch. Ihr „Konzept“, wie sie schreiben, ist „Revolutionärer Antifaschismus“, wobei das für sie bedeutet, daß es eine politische „Ausrichtung auf (eine) grundsätzliche, fundamentale Umwälzung der bestehenden Lebensverhältnisse“ geben muß, die die „Weigerung, sich auf die Spielregeln des Bestehenden einzulassen“ explizit einschließt.
Es ist insgesamt auffällig, daß die AAB in der Broschüre versucht, eigene theoretische Positionen zu vermeiden und stattdessen nur auflistet, was sie für relevante Positionen hält. Mit dem Wissen um diese verschiedenen Positionen sticht sie aber schon weit aus der Antifa-Landschaft heraus, denn tatsächlich sind die meisten deutschen Antifa-Gruppen – in alter Autonomen-Tradition – theoretisch so unterbelichtet, daß es eigentlich zum Himmel schreit. Wenn es um linke Praxis der Vergangenheit geht, die in der Broschüre abgehandelt wird, bezieht die AAB kräftig Position, jedoch ist es auffällig, daß insbesondere an den Autonomen keinerlei Kritik geübt wird. Aus den bezogenenen Positionen folgen dann solche oder ähnliche Schlüsse: „Wer politisch wirken will, muß Einfluß nehmen, muß also eine Richtung und eine eindeutige Stellungnahme vorgeben. Deshalb hat auch eine platte Aussage wie ‘Hinter dem Faschismus steht das Kapital’ – so problematisch ihre Verkürzung der historischen Realität auch sein mag – ihre Berechtigung als Demoparole nicht verloren.“ Aus solchen Platitüden bastelt man sich aber auch die eigenen Fundamente. So heißt es: „Die Ablehnung des kapitalistischen Systems bleibt als Lehre aus dem Nationalsozialismus unmstößlich.“ Daß das völliger Bullshit ist, fällt der AAB gar nicht auf. Ein tieferer Blick ins Marxsche „Kapital“ tut da oft wunder. Zum einen könnte damit hier der Nachweis erbracht werden, daß die Ökonomie des Nationalsozialismus letzendlich einer optimierenden Kapitalakkumulation abträglich war und zweitens finden sich dort genügend Gründe, die aureichend sind, den Kapitalismus scheiße zu finden und abzulehnen. Dafür bedarf es nun wirklich nicht erst einer „Lehre aus dem Nationalsozialismus“. Anhand obiger Zitate mutet es auch kryptisch an, was die AAB wohl damit meint, wenn sie feststellt, daß „wer politisch wirken will (…) eine Richtung und eine einduetige Stellungnahme vorgeben“ müßte. Doch damit nicht genug. Es finden sich auch geistig tieffliegende Sätze wie: „Antifaschismus stellt zwangsläufig den gewünschten Bezug zur Geschichte her, ohne den keine sinnvolle politische Orientierung möglich ist und der zunehmend verteidigt werden muß“. Oder: „Denken ist prinzipiell antiautoritär und sperrt sich gegen vorgefaßte Denkmuster“.
Trotz dieser Ausrutscher ist den Autoren der Broschüre ein akademisch belastetes Diktat anzumerken. Das drückt sich in einer nahezu unkritischen bis wertneutralen Verwendung von als wissenschaftlich anerkannter Termini und Ansätze aus (z.B. die Verwendung der Begriffe Postmoderne oder Distinktionsgewinn).
Im besonderen geht die Broschüre auf das Verhältnis der Linken zur Kultur ein. Dabei wird auch hier der Fehler begangen, tatsächlich davon auszugehen, es hätte jemals eine linke Kultur gegeben oder es würde jemals eine reine linke Kultur geben können. Richtig ist, daß es die Chance immer gab, bestimmte Kulturobjekte, -strömungen oder -bewegungen links zu codieren. Das war zu Zeiten der Arbeiterbewegung nicht anders wie in den Zeiten der Jugend- oder Popkultur. Vermutlich sitzt die AAB hier dem weitverbreiteten Mißverständnis auf, daß eigene Symbolik schon als eigene Kultur durchgehen kann. Nur so ist zu erklären, wie sie beispielsweise zu folgender Feststellung kommt: „Nach dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus hat linke Kultur ihre soziale Sprengkraft verloren“.
Zuzustimmen aber ist dem folgenden: „Neben der Schaffung eines eigenen Umfeldes geht es darum, politische Bewegung zu entwickeln, also verbindliche Punkte zu erarbeiten und zu verbreiten, auf die sich möglichst viele Milieus einigen können (…)“.
Die interessantesten Gedanken für die antifaschistische Praxis finden sich in dem Abschnitt zur „Jugendbewegung“. Die AAB zählt zu den wenigen Antifa-Gruppen, die begonnen hat, explizite Jugendarbeit zu leisten. Damit zieht sie die einzig richtige Konsequenz aus der völligen Entpolitisierung jeglicher Jugendsubkulturen: „Da auf diesen Gebieten keine Eindeutigkeit mehr besteht, ist die Jugendszene inzwischen notwendigerweise zersplittert und die eigenen Position zufällig. Darum kann heute in einer atomisierten gesellschaftlichen Realität der sammelnde, kollektivierende Charakter einer linken Strömung einen ganz anderen Stellenwert haben als in den frühen 70ern, als die Gemeinschaftlichkeit in der Jugendbewegung als eine Grundstimmung bereits vorhanden war. Die radikale Linke muß ihre Jugendarbeit erheblich ausweiten, statt über ihre eigene vermeintliche Beschränktheit als ‘Jugendkultur’ zu jammern“.
In ihrer Gesamtheit stellt die Broschüre gerade wegen ihrer inhaltlichen Widersprüchlichkeit eine gute Ausgangsbasis dar, über Grundlagen und -orientierungen einer linksradikalen autonomen Antifa zu debattieren.
Was die AAB als Organisation betrifft, macht ja schon seit längerem der Begriff von der MTV-Antifa die Runde. So falsch er letztendlich auch sein mag, widerlegt dieser sehr eingängig die plumpe Unterstellung, es gehe der AAB um einen tradierten Massenansatz. Spätestens nach dem Lesen der Broschüre müßte dies eigentlich klar werden. Ralf

Quelle

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