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Nachbereitungstext zum Verstärkerkongreß

Nachbereitungstext zum Verstärkerkongreß vom Bündnis gegen Rechts Leipzig / Herbst 1999
Die unmittelbare Wahrnehmung des Kongresses läßt diesen als einen Erfolg erscheinen. Der im bundesweiten Antifazusammenhang bemerkbare Wunsch nach inhaltlicher Auseinandersetzung konnte eingelöst werden. Die Form des Kongresses ermöglichte sowohl die Teilnahme als auch die Repräsentation verschiedener Strömungen innerhalb der bundesdeutschen Antifa. Vom 22.-24.Oktober wurde dieses Angebot von ca. 400 TeilnehmerInnen wahrgenommen. In 18 verschiedenen Arbeitsgruppen sollte auf die von uns gestellten Fragen zu der „Politischen Bedeutung der Kultur“, der „Option selbstverwaltung für Linksradikale und Nazis“, den „Staatlichen Strategien“, und den daraus erwachsenden „Konzepten und Strategien“ Antworten gefunden werden. Zu fragen bleibt aber, ob mit dem Ergebnis nicht einige der selbst gestellten Ansprüche verloren gingen oder in umgekehrter Richtung, ob die im Vorfeld formulierten Ansprüche nicht unnötiger Ballast bei der Vorbereitung gewesen sind, ohne den sich eine genauso angenehme „Ideenmesse Antifa 2000“ hätte ausrichten lassen. Nachfolgend stellen wir einige Nachbetrachtungen zu den uns wichtigen Punkten vor.
Schwerpunktsetzung
Obwohl festgehalten werden muß, daß die Vorstellungen der Vorbereitungsgruppe und der ReferentInnen, was bei den einzelnen Themen und ihrer Skizzierung der Gegenstand des Vortrages sein würde, teilweise erheblich voneinander abwichen und sich in der Nachbereitung entsprechend kein in sich stimmiges Bild des Themenkomplexes „Nazihegemonie – rechte Alltagskultur“ abzeichnet oder gar do it yourself Anleitungen für die Beseitigung einer dominanten Naziweltanschauung zu erkennen sind, schätzen wir die thematische Eingrenzung als erfolgreiche Maßnahme zur Strukturierung der Zusammenkunft ein.
Die konkrete Vorgabe von Fragen ist Voraussetzung dafür andere Theoriefragmente und politische Praxen in einen antifaschistischen Kontext zu überführen. Gleichzeitig stellt sie eine Fokusierung der Diskussion dar, orientiert diese an Problemen und verlangt so eine Diskussion, die weniger von der Darstellung grundsätzlicher Positionen bestimmt ist, als vielmehr vom geteilten Interesse an der Lösung eines gemeinsamen Problems. In all diesen Punkten kann der Verstärkerkongreß nicht den Anspruch erheben mustergültig gewesen zu sein. Vielmehr stellen sie eine Orientierung dar, die von einer vorgenommenen Schwerpunktsetzung unterstützt wird.
Die noch klarere Benennung der Probleme und eine engere Zusammenarbeit mit den Referierenden im Kongreßvorfeld erscheinen uns als der richtige Weg. Dabei ist vor allem die Zusammenarbeit mit den ReferentInnen entscheidend, um deren Potentiale nicht durch zu einseitig vorgegebene Analyserichtungen zu beschneiden.
In diesem Zusammenhang hat sich die Auswahl der ReferentInnen für den Verstärkerkongreß im Nachhinein als nicht vielseitig genug herausgestellt. War die Begrenzung der Themen durch die Vorgabe eines Schwerpunktes gewollt, hätte gleichzeitig noch stärker als geschehen die Differenzen linksradikaler Ansätze bei der Analyse deutlich werden müssen. Mit Differenz sei hier die die verschiedenen Herangehensweisen an ein und dasselbe Problemfeld gemeint. Das bereits vollzogegene Auffächern in diverse partkularen Ansätze innerhlb der Linken und dem damit einhergehenden Ignorieren weiterer Ansätze muß aufgelöst werden. Nicht im Sinne eines neuen“unity“- Bestrebens, sondern durch die Feststellung daß durch das Zusammengehen der verschiedenen praxisorientierten Ansätze und Gesellschaftsanalysen eine neue effektive Antifapolitik möglich sein kann.
Zur Verbesserung der Konstruktivität der Debatte im Plenum wäre die intensivere Vorbereitung der Teilnehmenden ein entscheidender Schritt. Dazu bietet sich die öffentliche Debatte einiger Kernthemen des Kongresses durch ReferentInnen und Gruppen im Vorfeld an. Auch aus diesem Grund bedauern wir das Scheitern unserer Bemühungen inhaltliche Positionen vor dem Verstärkerkongreß in bundesweit relevanten Publikationen veröffentlichen und diskutieren zu können.
Vorschläge, die Diskussion in kleineren Arbeitsgruppen zu führen, sind zwar sicher ebenfalls geeignet, die Diskussionskultur besser gestalten zu können, stehen allerdings im Gegensatz zu dem Anliegen, eine höchstmögliche Transparenz der aktuellen Diskussionsstände von allen für alle zu erreichen. Schon während des Kongresses, spätestens aber bei der Auswertung wurde deutlich, daß die Referate innerhalb der Arbeitsgruppen das zentrale Moment waren- und oft auch blieben. Die Diskussionen bestanden eher aus Nachfragen, eine dialektische Auseinandersetung unter den TeilnehmerInnen blieb leider die Ausnahme. Wir sehen darin aber nicht das Scheitern des Anliegens des Arbeitsgruppenkonzeptes. Für ein weiteres Kongressvorhaben aber bleibt der Charakter der Arbeitsgruppen weiterhin zu klären.
Die ReferentInnen
Die Strategie, nach einer Diversifizierung theoretischer und praktischer Ansätze zu streben, halten wir für richtig. Allerdings mußten wir eine Vielzahl von Absagen bei dem Versuch, ReferentInnen zu gewinnen, hinnehmen. Wobei sich zwei Hauptgründe abzeichneten: Zum einen die Frage der Finanzierung, da wir von den Referierenden – wie von allen am Kongreß Beteiligten – den Verzicht auf eine Vergütung ihres Engagements verlangten und nur Unkosten erstatten konnten/wollten. Der ein oder andere zusätzliche interessante Vortrag hätte sich sicher einkaufen lassen. Zum anderen stellte sich für Referierende, die sich selbst nicht der Antifa zurechnen, die Frage,ob sie mit ihren Themen vor dem zu erwartenden Publikum richtig seien. Wer da war, wird diese Angst sicher verloren haben. Daß sich fast alle relevanten Strömungen der der Antifa bereit fanden ihre Postionierungen aufzuzeigen war wenig erstaunlich- trotzdem sehr erfreukich. Leider war aber gerade in diesem Spektrum festzustellen, daß das Propagieren der eigenen Ansätze im Vordergrund stand, nicht aber der Versuch aus der Unzulänglichkeit praktizierter Handlunden der letzten Jahre ein Fazit zu ziehen. Darüber hinaus weist diese Sorge aber auf den Zustand der Linksradikalen in der BRD hin, die sich inzwischen völlig in ihre Teilbereiche partikularisiert und dort zum Teil aufgelöst hat. Die Antifa hat ein daraus resultierendes Imageproblem und wird sich Strategien einfallen lassen müssen ihr unterstelltes umfassendes Interesse an politischen Strategien, Gesellschaftsanalysen und Widerstandspraxis in die pulverisierte Linke zu tragen.
Daß dazu das unterstellte Interesse ein reales werden muß, zeigt die Vorbereitung des Verstärkerkongresses in ihrem Unvermögen dem im Einleitungsreferat benannten Anspruch, feministische Positionen in Theorie und Praxis einzubeziehen, bei der Vergabe der Referate zu berücksichtigen. Wo de facto keine oder eine marginale Auseinandersetzung mit aktuellen feministischen Positionen stattfindet, ist die personelle und thematische Einbeziehung solcher Standpunkte, wie demonstriert, zum Scheitern verurteilt. Für andere – in ihrem Fehlen noch nicht einmal benannte – Themenfelder gilt diese Analyse analog. Sind die Reaktionen des Audtitoriums ein Spiegel der momentanen inhaltlichen Postionierung der antifaschistischen Linken, wird deutlich, daß einige Themenfelder wie Ökonomie oder antinationale Kritik sich als relevant durchgesetzt haben. Sie werden bereitwillig diskuttiert. Andere Ausgangspunkte der Analyse werden weiterhin ignoriert.
Die TeilhmerInnen
Die Einladung zu dem Kongressvorhaben hauptsächlich auf Antifagruppen auszurichten und deren sehr gute Ressonanz betrachten wir als Erfolg. Die Unterteilung in Arbeitsgruppen, die sich -etwas vereinfacht- in Analyse und Strategiedisskussionen aufteilen lassen, ist im Rückblick ebenso ein Konzept, das sich bewährt hat. Die Arbeitsgruppen sollten Bereiche der Rechten Alltagskultur beschreiben, bestimmte Begriffe in den Diskurs einbringen. Daraus sollten sich konkrete Strategien entwickeln, mithilfe derer sich linke antifaschistische Politik umsetzen läßt. Dabei waren die bereits entfachten Diskussionen wie antifaschistische Jugendarbeit, Organisierungsdebatte, antifaschistische Öffentlichkeitsarbeit etc. inbegriffen. Nach dem Kongreß fühlen wir uns in unserer Einschätzung bestätigt, daß diese Gruppen eine gemeinsame Diskussionsstruktur jenseits praktisch orientierter Arbeitstreffen benötigen. Die Frage ob die von uns festgelegten Themenschwerpunkte auf Interesse stießen, kann die TeilnehmerInnenzahl nur teilweise Aufschluß bieten. Der weitere bundesweite Diskurs wird aufzeigen ob die von uns gestellten Fragen als relevant betrachtet werden. Die Anwesenheit einzelner VertreterInnen anderer Politikbereiche hätte vielleicht durch die inhaltliche Präsenz des Kongresses in der Öffentlichkeit gesteigert werden können, wir sind uns aber recht unsicher, wer alles da draußen eigentlich noch ist
Kongreß und antifaschistische Organisierung
Warum die Antifa inhaltliche Auseinandersetzung benötig liegt auf der Hand. Als bundesweit immer wieder gemeinsam agierende Szene, die sich auch in bundesweiten Organisierungsansätzen strukturiert, werden verschiedene Strategien und Bewertungen der einzelnen Gruppen und Zusammenhänge miteinander konfrontiert, ohne daß die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Aktionen den Raum inhaltlicher Diuskussion bildet. So bleiben Eindrücke und Äußerungen in konkreten Situationen, die sich zu Bildern zusamennsetzen, welche den Umgang miteinander mehr bestimmen als die aktuellen Positionen. Hier bietet inhaltliche Auseinandersetzung Konflikte zu versachlichen, Bilder und Positionen mit aktuellen Gruppenstandpunkten zu vergleichen und Entwicklungen transparent zu machen.
Zum anderen ermöglicht es die inhaltliche Auseinandersetzung differente Positionen klarer zu artikulieren und gleichzeitig die Analysen verschiedener Gruppen zu Problemen überhaupt ersteinmal mitzuteilen. Im Gegensatz zur praktischen Ebene bietet die inhaltliche Auseinandersetzung so die Möglichkeit eines Austausches, der nicht von der Notwendigkeit zum konsensualen Ergebnis geprägt ist.
Die konkreten Interessen der jeweiligen Gruppen an inhaltlicher Auseinandersetzung sind sicher verschieden. Geht es einigen Gruppen darum ihre Positionen transparent zu machen und zu vertreten, sind ander auf der Suche nach Hinweisen, Analysen und Lösungen.
Der Verstärkerkongreß kann in dieser Hinsicht nur ein Anfang gewesen sein. Wünschenswert wäre seine Wiederholung in jährlichen Abständen, wobei deren Erfolg von übergreifenden Teilnahme der sich als antifaschistisch verstehenden Gruppen und der fortbestehenden Bereitschaft zur gemeinsamen inhaltlichen Diskussion abhängt. Ob sich eine solche Praxis als ausreichend erweist, um inhaltliche Diskussionen innerhalb der bundesweiten Antifaszene zu ermöglichen, wird sich zeigen müssen.
Das Auftauchen neuer Handlungsansätze
Es wäre eigentlich verwunderlich gewesen, wenn sich auf dem Kongreß bisher im Verborgenen entwickelte Ansätze linker, antifaschistischer Intervention gezeigt hätten. Entsprechend gering ist die Ausbeute bei der Sichtung der neu präsentierten Methoden. Wesentlicher war die als Gesamttendenz beobachtbare Verschiebung der antifschistischen Ansätze weg von den Nazis und hin zur Thematisierung gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse.
Dem korrespondiert ein gewachsenes Interesse an „Inhalten“. Ein einheitliches Schwerpunktthema dieser Fortsetzung von Antifapolitik in Zeiten abnehmender gesellschaftlicher Bedeutung der Nazis war jedoch nicht auszumachen. Da sich derzeit kein quasi natürliches Folgethema abzeichnet, ist der Spielraum der Möglichkeiten vom Spektrum der linksradikalen All-time-favourits aufgespannt.
Durch diesen Trend wurde die Ausgangsfrage nach langfristig erfolgreichen Interventionsmöglichkeiten gegenüber einer dominanten Naziszene bzw. gegen deren Akzeptanz im Rahmen von rechtem Konsens/rechter Alltagskultur zur Seite gedrängt.
Neue Schwerpunktdiskussionen
Gleichzeitig ergaben sich quer zu den Einzelvorträgen liegende Schwerpunkte der Diskussion, die Programm nicht ausgewiesen worden waren:
die Rolle der Arbeit für Identitätsbildung und als politische Kategorie in der BRD (unter Berücksichtigung der Traditionslinien aus dem Nationalsozialismus und der DDR).
die Bedeutung der kapitalistischen Verfaßtheit der Gesellschaft für die Entwicklung, Akzeptanz und den Kampf gegen Nazis
Weiterhin wurde als fehlende Diskussion mehrfach angemahnt (ohne das eine entsprechende Diskussion auf dem Kongreß von ReferentInnen oder Publikum begonnen worden wäre):
die Bedeutung rassistischer und sexistischer Katgeorien für die den antifaschistischen Konzeptionen zugrunde liegenden Analysen von Macht und Herrschaft
Eine Aufnahme dieser Themen wäre wünschenswert. Da sich abzeichnet, daß kaum eine der referierenden Gruppen oder Personen bereit waren die Themen implizit mitzuverhandeln, wird es nur die Möglichkeit einer seperaten, expliziten Darstellung geben.

Quelle

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