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Surfing the Antifa

Jungle World Nr. 52, 22. Dezember 1999

Am Ende des Jahrtausends ist die Antifa im Cyberspace angekommen. Zeit für einen gründlichen Jungle-Check der Homepages.

von Ivo Bozic

Wenn sich das Leben zunehmend in virtuellen Räumen abspielt, gehört natürlich auch die Antifa ins Netz. Der Jungle-Check zeigt jedoch, dass dort bisher kaum tatsächliche Antifa-Arbeit geleistet wird, etwa indem man Nazi-Seiten kaputt hackt. Das Web dient bisher vor allem der medialen Vermittlung dessen, was sich angeblich außerhalb des Netzes abspielt.

Zumindest aber bekommt man so einen Eindruck von den Gruppen, die sich da www präsentieren. Wenn man in die Suchmaschine fireball.de den Suchbegriff Antifa eingibt, kommt man auf 4 370 Treffer. Vom Antifaschistischen Arbeitskreis Gebelsberg über die Antifa Oberfranken/Arzberg, Eckernförde, Linz, Hannover, Pforzheim bis zur Antifaschistischen Aktion Berlin. So schlecht kann es um die außerparlamentarische Linke also gar nicht stehen. Naja, schauen wir mal genauer.

Fangen wir an mit dem Antifaschistischen Infoblatt. Dort konzentriert man sich offenbar aufs Wesentliche. Die Startseite (www.nadir.org/nadir/periodika/aib) ist sehr übersichtlich. Außer den Titelbildern der einzelnen AIB-Nummern nur das AIB-Logo mit dem roten Dreieck. Hintergrund weiß. »Wer wir sind, was wir wollen«, das ist es auch schon. Dann kann man die einzelnen Hefte von 1997 bis heute anklicken und bekommt ein sehr übersichtliches Inhaltsverzeichnis. Volltext-Versionen der Artikel gibt es jedoch nur im Ausnahmefall und auch nur bei den neueren Heften. Insgesamt steht das Interesse, Abos für die Papierausgabe zu halten, vor der Online-Dienstleistungsbereitschaft. Die Grafik ist schlicht.

Immerhin baut sich so eine Seite auch bei langsameren PCs recht flott auf. Ach, und eine Suche gibt es. Man kann wählen, ob man ein Stichwort im AIB-Angebot suchen möchte, oder im gesamten nadir-Infosystem, das für linke Recherchen ein ganz ausgezeichnetes Archiv darstellt.

Auch andere Antifa-Zeitungen haben sich im Web eingenistet. So etwa die Gamma aus Leipzig (www.free.de/infotelefon/gamma). Untertitel: »Newsflyer des Antifa-Infotelefons«. Modernes Layout. Auf der Startseite werden keine großen Worte gemacht. Wir finden dort einfach eine Aufzählung der Ausgaben aus dem Jahr 1999. Klickt man die an, bekommt man die jeweils komplette Gamma-Ausgabe mit kurzen Nachrichten und Terminen vor allem aus der Region Leipzig.

Auch der Blick nach Rechts hat ein Online-Angebot mit der Nobeladresse: www.bnr.de. Schlichtes Layout in Gelb und Schwarz. Bei den linken Links gibt es auch internationale Adressen. Schwerpunkt bilden dort aus dem bürgerlichen Spektrum kommende Antifa-Gruppen. Wir finden ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis der aktuellen wie auch der alten Ausgaben, wobei ungefähr die Hälfte der Texte komplett nachzulesen sind. Ein interessantes Angebot verbirgt sich hinter dem »Service»-Button: Eine Übersicht über aktuelle Nazi-Termine und eine Auswertung verschiedener Nazi-Zeitungen, dazu eine umfangreiche Bücherschau mit Rezensionen.

Es gibt auch merkwürdige Angebote im Internet. Unter der Adresse www.antifa. net/autoantifa finden wir z.B. die Homepage der außerhalb des Cyberspace vollkommen unbekannten Gruppe Autonome Antifas Berlin. Oben links dreht sich ein schwarz-roter Stern. Hübsch! Unter der Rubrik Antifa-Infos steht lediglich ein Brief von jemandem, der »starke Probleme mit jüngeren und älteren Nazis« hat, weil er in Berlin-Hohenschönhausen wohnt und in der S-Bahn immer die Hosen voll hat. Die Terminübersicht der Homepage beweist, dass hier seit Oktober niemand mehr nach dem oder den Rechten geschaut hat. Aber auch vorher wurde geschludert. Rechtschreibfehler noch und nöcher. Dafür kann man das ganze Angebot auch auf Englisch oder Türkisch lesen.

Kommen wir zu unserem Sorgenkind, der AAB. Als Nummer eins hat man sich natürlich die Schlossallee unter den Webadressen gesichert: www.antifa.de. Typisch: .de und nicht .com. Die Startseite ist total überladen, dafür findet man gleich das gesamte Angebot der AAB-Seiten auf einen Blick. Und das ist sehr umfangreich. Aber Quantität war noch nie das Problem dieser Organisation. Auf der linken Seite eine ganze Latte an Buttons, in der Mitte ein Bombardement von Buchstaben: Aktionsberichte, Termine, Demo-Aufrufe usw. – alles jeweils kurz angerissen, dann der Link zum ausführlichen Text.

Selbst das Jingle von der Silvio-Meier-Demo kann man sich anhören. Es gibt ferner eine Selbstdarstellung, einen Überblick über alle AA/BO-Publikationen und -Gruppen und eine Volltextsuche auf den Seiten der AAB. Außerdem Plakate, Titelbilder, Fotos, Grafiken, einiges davon durchaus als Bildschirm-Hintergrund geeignet. Klicken wir mal den Button »Jugend-Antifa« an: Ein paar schöne Grafiken und die Titelbilder des Antifa Jugendinfos. Von dort kommt man auf die Volltext-Versionen der jeweiligen Hefte. Kontakte zu den AAB-Nachwuchsorganisationen.

Der Button »Aktuell« führt uns zu einer aktuellen Terminübersicht mit Links zu Hintergrundtexten. Sehr gut! In der Abteilung Archiv kann man sich informieren, womit sich die Antifa-Partei zuletzt so beschäftigt hat – nur die in Berlin heftig eskalierte Debatte um den Vergewaltigungsvorwurf in den Reihen der AAB findet sich überhaupt nicht wieder. Die attraktivsten Seiten der AAB sind die über die Kampagne Offensive 99 mit schönen Fotos, Grafiken; fehlt nur der Link zum realen Leben.

Wer’s noch härter mag und sich Druckvorlagen, Bildschirm-Hintergründe oder animierte Mauszeiger in Form eines flatternden AA/BO-Symbols herunterladen möchte, sollte die Homepage der Autonomen Antifa (M) aus Göttingen besuchen. Abstürze holt man sich mit Sicherheit bei der Billig-Homepage der Antifa Aktion Ravensburg – schade, denn diese Seite ist so schrottig und hässlich, dass es sich echt lohnt, dort vorbeizusurfen.

Interessant auch die Homepage der Antifaschistischen Jugend Brandenburg an der Havel (AJB). Sehr hübsch gemacht! Wer sich vor lauter Nazis nicht auf die Straße traut, hat halt viel Zeit am Computer. Es gibt einen Link zu einer antifaschistischen Zeitung für die Stadt Brandenburg namens Anton, die noch gar nicht zu existieren scheint. Die erste Nummer soll an einem »wunderschönen Apriltag« erscheinen. Aber welches Jahr?

Der Button »Action« führt zu Fotos vom 1. Mai in Berlin, brennende Barrikaden und so. Weitere Straßenkampfbilder unter der Rubrik »Gallery«. Dann viele Termine, Aufrufe zu Demos und Aktionen – aber alles vom Frühling bzw. Sommer des Jahres. Auch ein Foto von den Recken der AJB ist dabei. Drei Jungs mit Hassmaske, schwarzen Klamotten, Handschuhen, breitbeinig mit verschränkten Armen bei irgendeiner Kranzniederlegung. Echt cool! Adresse: www.antifa.net/ajb.

Das beste Angebot ist eindeutig das der Antifa KOK aus Düsseldorf (www.zakk.de/kok). Sehr hübsche Startseite im aktuellen Sechziger-Design, übersichtlich und unaufdringlich. Blau auf weißem Hintergrund, bewegte Bilder. Und bester Service: Wirklich schöne Bildschirm-Hintergründe zum Runterladen. Hinter dem Button »Galerie« finden wir Demo-Fotos aus dem Rheinland. Außerdem gibt es eine Übersicht über die aktuellen Termine in der Region. Der Button »Hintergrund« bringt uns zu übersichtlichen Kurznachrichten jeweils mit der Möglichkeit, sich zu umfassenderen Beiträgen weiterzuklicken. Auch eine eigene Linkseite mit einem guten Angebot zu linken Gruppen aus der Region ist vorhanden. Note eins.

Eine eher unschöne Seite hat die VVN-BdA (www.vvn-bda.de). Aufdringliche Farben. Alles recht unübersichtlich. Immerhin kann man die Satzung der VVN nachlesen, das wollte man ja schon immer mal. Ganz anders die Homepage der Antifa A2 aus Stuttgart (www.nadir. org/nadir/initiativ/aquadrat). Das Layout ist originell. Gute Idee: Der Rahmen bleibt immer stehen. Allerdings im Oktober zuletzt aktualisiert. Die Selbstdarstellung ist kurz und prägnant. Gut geschriebene Nachrichten aus der Region. Auf eine eigene Linkseite hat man verzichtet und verweist stattdessen auf das nadir-Angebot. Besser als eine ungepflegte eigene Linkseite.

Aber nicht nur eine Homepage sagt etwas über die jeweiligen Gruppen aus, auch ihr Fehlen. Wenn man etwa unter den nadir-Links auf die Antifa AG von FelS (»Für eine linke Strömung«, Berlin) klickt, erscheint die Meldung: »Datei nicht gefunden, file not found«, was eigentlich alles über diese Antifa-Gruppe aussagt. Ok, ok, man kann das auch anders sehen, so nach dem Motto: Wer wirklich was zu sagen hat, braucht keine Homepage im Internet. Die RAF hatte auch keine! Stimmt. Aber sie hat den Sprung ins neue Jahrtausend ja auch nicht geschafft. Antifa heißt HTML lernen!

Quelle

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