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Antifa, was geht? Teil 2

Referat Hamburger Antifa-Gruppen für das Bundesweite Antifa-Treffen (BAT)

1. Autonome Bewegung

Mit dem Ende der 70er Jahre trat in der BRD ein neues Subjekt in die bis dato von eher traditionalistischen Gruppen dominierten gesellschaftlichen Kämpfe ein.
Gab es bereits seit den frühen 70er Jahren „Spontis” genannte Zusammenhänge und Personen, die wesentlicher Teil verschiedener sozialer Kämpfe bspw. der Jugendzentrums- und Hausbesetzungsbewegung waren, so entstanden in der Anti-AKW-Bewegung und parallel dazu in der neuen Hausbesetzerbewegung Gruppen, die sich selbst als „Autonome” bezeichneten. Unter diesem Sammelbegriff subsumierte sich bei aller Unterschiedlichkeit fortan alles, was mit orthodox-marxistischen Kaderorganisationen nicht vereinbar schien.
Wesenszüge dieser entstehenden autonomen Bewegung waren vor allem

  • Eine radikale Abkehr von Klassenkämpfen zugunsten von Kämpfen im Reproduktionsbereich
  • Ein starke Betonung des Topos von der individuellen Befreiung
  • Eine Verlagerung von der Theorie auf die Praxis, d.h. auf die unmittelbare Erlebbarkeit von Befreiung und Widerstand
  • Eine Verschiebung kollektiver Gesellschaftsentwürfe auf Formen individuierter Subkulturen im Jetzt

Gerade das aktionistische Element der Autonomen, die Voraussetzungslosigkeit, mit der sich Menschen – vor allem Jugendliche – in ihrem Frust auf die alltäglich erlebte Unterdrückung und Zwänge an Formen direkt gelebter Utopie beteiligen konnten und ihre direkte Verkoppelung mit verschiedenen subkulturellen Strömungen, machte sie in ihrer Epoche zu einer nicht mehr hintergehbaren öffentlich agierenden Kraft.
Zwar blieben sie inhaltlich schmalbrüstig und diffus, weil sich in der Bewegung eine Vielzahl anarchistischer, sozialrevolutionärer und auch undogmatisch-kommunistischer Vorstellungen und Theorien wiederfanden, ihren gemeinsamen Ausdruck fanden sie aber in einer bis dato nicht gekannten Spontaneität und Militanz. Auch angesichts des zunehmenden Verfalls orthodox-kommunistischer Grüppchen und Parteien mit ihrem elitären Habitus wurden die Autonomen zu einem – wenn nicht dem – bestimmenden Faktor linksradikalen Widerstands in der BRD.

2. Autonomer Antifaschismus als linksradikaler Teilbereich

So wie in vielen gesellschaftlichen Konfliktfeldern im Reproduktionsbereich Autonome auftraten, entstand auch im Bereich „Antifaschismus” eine Vorstellung von „autonomer” Politik. Ihre Entstehung basierte auch in diesem Fall zunächst einmal auf einer Abgrenzung gegenüber den bis dahin dominierenden kommunistischen Gruppen – hier vor allem dem KB der nach Ansicht der Autonomen verbissen an seinem Alleinvertretungsanspruch in Sachen Antifaschismus festhielt.
Zwar hatte auch der KB eine qualitativ hochwertige Antifapolitik in Sachen Recherche und Konfrontation betrieben und selbst einen militanten Antifaschismus propagiert und zuweilen praktiziert, dennoch geriet er in die Kritik derjenigen, die sich seinem Führungsanspruch und der von ihm vertretenen Politik mitsamt der ihm eigenen Parteidisziplin nicht länger unterwerfen wollten.
Die Kritik am Dogmatismus verband sich spätestens Anfang der 80er Jahre mit immer heftiger werdenden Angriffen auf die „bürgerliche Haltung” des KB, dem vorgeworfen wurde, das Ziel „revolutionärer” antifaschistischer Politik völlig zu verfehlen.
Bis dahin war die inhaltliche Vorstellung des autonomen Antifaschismus durchaus von theoretischen Grundannahmen geprägt, die der KB in den 70er ]ahren mitentworfen hatte und deren hauptsächliche Stoßrichtung darin lag, die BRD als ein prä-faschistisches System zu analysieren, das sich faschistische Gruppen als Krisenreaktionskräfte heranzieht, um eine eigene autoritäre Politik gestalten und Widerstandpotential in Schach halten zu können. Dabei darf nicht vergessen werden, daß ein erheblicher Teil der ersten autonomen Antifa-Generation selbst aus ehemaligen KB-Mitgliedern bestand.
Im Prinzip überspitzten die nunmehr als „Autonome” auftretenden Antifas die KB-Theorie lediglich weiter, so daß das bürgerlich-kapitalistische System letztendlich als umfassender und quasi-faschistischer Herrschaftszusammenhang erscheinen mußte, in dem faschistische Aktivitäten aktiv gefördert werden, um die staatliche Politik zu verschleiern.
Im Umkehrschluß sei ein Antifaschismus, der die offensten und reaktionärsten Vertreter dieser Politik angreife, demzufolge gleichzeitig deshalb revolutionär, weil er die grundlegenden Strukturen der Gesellschaft in Frage stelle.
Aus dieser Überlegung heraus ist es wenig verwunderlich, daß sich autonome Antifaschistlnnen kontinuierlich darum bemühten, ihre Politik, die oft auch nicht über den Kampf gegen Nazistrukturen hinausging, mit anderen sozialen Kämpfen zu verklammern. Zum Vorteil geriet ihnen dabei, daß es solche Kämpfe immerhin gab, was sicherlich nichts über den Wahrheitsgehalt einer solchen theoretischen Konstruktion aussagt.
Als qualitativ neu erwies sich in der autonomen Rezeption auch die eigentümliche Verbindung mit den Perspektiven individueller autonomer Politik und einem Verständnis von Militanz, das über die bisherige Praxis weit hinausging.
Dieser Punkt ist entscheidend, denn zum Markenzeichen autonomer Antifa-Politik wurde eben nicht etwa eine besonders originelle Analyse faschistischer Organisierung und ihrer Relevanz für bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften, sondern ihre offen praktizierte Militanz gegen Rechtsextremisten.

3. Brüche: z.B. Fallingbostel

1983 kam es zum offenen Bruch zwischen „alten” und „neuen” Antifa-Strukturen. Beim NPD-Parteitag in Fallingbostel hatten sich Autonome bewußt über Bündnisabsprachen hinweggesetzt und versucht, am Ort des Parteitags eine militante Entscheidung herbeizuführen. Die Folge war eine Straßenschlacht, bei der 1000 Menschen sich anschickten, zur Halle vorzudringen. Dieses Vorgehen brachte den Autonomen nicht nur beim KB den Vorwurf der sinnlosen und damit unpolitischen Konfrontation ein.
Die Reaktion der Autonomen war entsprechend scharf, indem sie den Antifaschismus des KB’s als bürgerlich denunzierten und die ehemals entworfenen Grundzüge der KB-Politik nunmehr gegen den KB selbst wandten.
War autonome Politik seit jeher kein Hort der Theorieproduktion, so gilt dies in noch größerem Maße auch für die autonome Antifa. Dennoch kann die Grundposition, die Autonome nach Fallingbostel dem KB ins Lehrbuch schrieben, durchaus exemplarisch gesehen werden, zumal es kaum abweichende Papiere zu dieser Position gibt.
Die Herrschenden, so die Verfasserlnnen, bedienten sich in ihrer Politik der faschistischen Gruppen mit ihrer Ideologie der Volksgemeinschaft, um die ökonomische und politische Krise zu verhindern. Die Faschisten dienten dabei der Bourgeoisie in doppelter Weise: Zum einen als theoretische Herrschaftsreserve in Krisenzeiten, zum anderen als Rollkommando gegen gesellschaftliche Radikalisierung von links.
Für sich allein genommen hätten neofaschistische Aktivitäten zwar weder für die Herrschenden noch für den Widerstand eine Bedeutung. Ihre Gefahr liege jedoch in der engen Verflechtung mit der faschistischen Entwicklung von Staat und Gesellschaft.
Faschistische Gruppen „…entwickeln das reaktionäre Bewußtsein der Massen, das die Herrschenden für die Spaltung der Arbeiterklasse und Ablenkung von ihren Interessen brauchen.”wiederum erweiterten autonome Antifaschistlnnen ihren Ansatz dahingehend, Politik gegen neofaschistische Organisierung in einen größeren Zusammenhang sozialer Kämpfe zu stellen. „Wer nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist, denn er hat nicht begriffen, daß nicht besondere Kapitalinteressen, nicht besondere Herrschaftscliquen, nicht besondere Massenbewegungen faschistisch sind; faschistisch ist das System.
Selbstreflexiv nahmen sich andere Autonome auch der eigenen Praxis an, indem sie feststellten, daß der Zusammenhang zwischen antifaschistischer Arbeit und anderen Bereichen autonomer Politik „unklar” und „schlecht entwickelt” sei.
„a) Die Antifaschisten haben sich bisher darauf beschränkt, Organisationsstrukturen der Neofaschisten zu erkennen, ihre Aktivitäten zu verhindern und ihre ideologische und organisatorische Rekrutierung aufzuhalten. Sie haben es bisher versäumt, ihren Kampf gegen offene faschistische Strukturen mit dem Widerstand gegen integrierten Faschismus der Gesellschaft und des imperialistischen Herrschaftsapparates zu verbinden. Sie haben bisher nicht versucht, die Bedeutung ihrer Arbeit im antiimperialistischen Widerstand zu klären und die Auseinandersetzung mit Form und Inhalt autonomer Politik zu führen. Das sind die wichtigsten Ursachen der Isolation antifaschistischer Politik.
b) Die Autonomen haben bisher die Funktion faschistischer Organisationen für die reaktionäre Entwicklung der Bevölkerung und damit die Durchsetzung brutaler Herrschaft nicht erkannt (…).”
Die Ausdrucksweise ist anders, der Inhalt jedoch kommt seltsam vertraut vor, folgt er in seiner Logik letztendlich doch genau den Grundannahmen, mit denen autonome Antifas auch heute ihre Existenzberechtigung als linksradikaler Teilbereich diskutieren.
Ein wesentlicher Unterschied liegt dabei jedoch offensichtlich auf der Hand: Während die theoretische Konstruktion eines linksradikalen Teilbereichs Antifaschismus in den 80er ]ahren angesichts real vorhandener linksradikaler sozialer Kämpfe in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zumindest nicht ganz grotesk erschien, muß sie heute sogar ohne andere relevante linke Kämpfe auskommen. Autonomer Antifaschismus wird dabei nicht nur auf sich selbst zurückgeworfen, er wird (nicht nur) in der eigenen Wahrnehmung sogar tendenziell zum alleinigen Ausdruck linksradikaler Politik.

Quelle

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