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Antifa, was geht? Teil 3 und Schluß

Referat Hamburger Antifa-Gruppen für das Bundesweite Antifa-Treffen (BAT)

4. Neue Antifabewegung

In den 80er Jahren entwickelten autonome AntifaschistInnen vor allem eine recht ansehnliche militante Praxis, die sich in einer Vielzahl von Anschlägen auf faschistische Strukuren niederschlug. Angesichts eines sich zunehmend verschärfenden sozialen Klimas, in dem auch die bürgerlichen Parteien verstärkt auf autoritäre Versatzstücke bishin zu offenem Rassismus gegen Flüchtlinge zurückgriffen, konzentrierte sich der autonome Antifaschismus darauf, den Organisationsprozeß der Faschisten empfindlich zu stören, waren doch gerade sie in den Augen der Antifa der militante Ausdruck des sich abzeichnenden gesellschaftlichen Rechtsruckes.
Mit dem Aufstieg der “Republikaner” schlug sich 1989 zum ersten Mal seit Ende der 60er Jahre diese fortschreitende Rechtsentwicklung in der BRD in parlamentarischen Erfolgen nieder. Klassischem autonomem Antifaschismus, der bis dahin seine Aufgabe vorrangig in der physischen Bekämpfung militanter Nazi-Strukturen und einer Politik der „Aufklärung“ gesehen hatte, wurde in diesen Erfolgen, die auf eine fortschreitende Verankerung und Artikulation rechtsextremer Positionen in der Bevölkerung schließen ließen, die engen Grenzen seines theoretischen und praktischen Ansatzes aufgezeigt.
Offenbar hatte das Integrationspotential der etablierten Parteien nicht mehr ausgereicht, um eine Wahlentscheidung zugunsten offen rassistischer Parteien zu verhindern. Konfrontiert wurde die Antifa-Bewegung mit einer Form von „normalem“ Rassismus der gesellschaftlichen „Mitte“, mit einem politischen Klimawechsel, der nicht direkt auf Organisation in einer der diversen Nazi-Kleinparteien basierte.
Dem unmittelbaren Schock, den die Wahlerfolge der Reps in Berlin und auch der DVU bei der Europawahl und den Bürgerschaftswahlen in Bremen, auslösten, folgte zunächst jedoch ein Boom in der Gründung antifaschistischer Gruppen. Flankiert von Naziterror, der sich auch auf den Straßen zunehmend offener artikulierte, begannen vor allem Jugendliche aus direkter oder moralischer Betroffenheit, sich in Antifagruppen zu organisieren. Das grundsätzliche Dilemma, in dem sich diese neue Generation „autonomer“ AntifaschistInnen befand, läßt sich stichpunktartig skizzieren. Da ihr Ursprung anders war, kam es nicht einmal mehr verbal zu einer Koppelung der Begriffe „Antifaschismus“ und „sozialer Revolte“. Weitergehende politische Ansprüche oder sogar linksradikale Inhalte spielten eine oft nur marginale Rolle, so daß der Ein- und Ausstieg sich meist völlig voraussetzungslos vollzog.
Neben einem weitaus höherem Maß an moralisch hergeleiteter Politik arbeitete sich die Antifabewegung zuallererst an den offenen Erscheinungsformen von Rassismus und Faschismus ab, den Parteien und Organisationen und der Klientel, die auf der Straße Terror ausübte. Politisch höhlte sie sich dabei weiter aus, ohne wirklich mit den in den 70er Jahren rezipierten Faschismuskonzeptionen zu brechen. Die Einordnung der eigenen Politik und der den Faschisten bemessenen Relevanz folgte prinzipiell – wenn überhaupt – weiterhin in sehr klassischer Art und Weise, nunmehr allerdings auf oft erschreckend niedrigem Niveau oder so allgemein, das sie die Ebene von Parolen gar nicht mehr verließ.

5. Großdeutschland revisited: Wiedervereinigung und Pogromwelle

Daß diese Einschätzung der Antifa am Ende der 80er nicht ganz falsch sein kann, machen zwei relevante Brüche in der jüngeren Geschichte des autonomen Antifaschismus deutlich. Mit der politischen Wende in der DDR und der folgenden Wiedervereinigung wurde die deutsche Linke mit einer nationalistisch aufgeladenen gesellschaftlichen Stimmung konfrontiert, die selbst die fatalistischsten Befürchtungen in den Schatten stellte. Die Mobilisierung von Nationalismus und Rassismus, die vor allem im Osten in offenen Pogromen gegen Flüchtlinge mündete, ließ eine verunsicherte und hilflose antifaschistische Bewegung zurück.
Die Pogromwelle, die Anfang der 90er ]ahre in Hoyerswerda ihren Anfang nahm und in Rostock-Lichtenhagen ihren Höhepunkt fand, konfrontierte die Antifa nicht nur mit einem neuen Typus des rassistischen Gewalttäters, sondern mit einer gesellschaftlichen Situation, in der es zunehmend problematisch wurde, sich an die Bevölkerung als Adressaten von Forderungen und potentiellen Verbündeten im Kampf gegen Faschisten zu richten. Vielmehr wurde deutlich, daß die Bevölkerung es selbst war, die auf der Straße ihrem Rassismus einen gewalttätigen Ausdruck verlieh. Diese Erosion sichergeglaubter Kräfteverhältnisse führte zunächst nicht zu einer theoretischen Neubestimmung. Vielmehr offenbarte sich das gesamte Repertoire an Hilflosigkeit in gängigen Erklärungsmustern, nach denen Rassismus nicht nur eine von oben eingesetzte Waffe sei, um Menschen mit „objektiv gleichen Interessen“ gegeneinander auszuspielen, sondern allgemein gesprochen ein pervertierter Protest gegen soziale Ungleichheit. Mit diesem inhaltlichen Rüstzeug, das prinzipiell von der Unschuldigkeit der Bevölkerung ausgehen muß, gelang es der antifaschistischen Bewegung nicht, in die Anschlagswellen und das gesellschaftliche Klima nachhaltig zu intervenieren.
Auch in Bezug auf die Wiedervereinigung gelang es autonomen Antifaschistlnnen nur unzureichend, inhaltliche Akzente zu setzen. Meist ging es ganz im Sinne von Analysen der 70er ]ahre über die Denunziation einer „ungebrochenen Tradition des Faschismus“ und ein drohendes „4. Reich“ nicht hinaus. Die Krise, in der sich die gesamte undogmatische Linke – und auch die Antifa – infolge der gesellschaftlichen Veränderungen nach 89 wiedergefunden hat, ist insofern zu einem nicht unerheblichen Teil hausgemacht.

6. Organisierungsdebatte

Vor diesem eigenen krisenhaften Hintergrund begannen Anfang der 90er Jahre innerhalb der Antifa-Bewegung erste grundsätzliche Diskussionen über eine Neubestimmung antifaschistischer Politik. Bei aller Unterschiedlichkeit der vertretenen Standpunkte bleibt allerdings festzuhalten, daß sie weiterhin von einem technischen und strategischen Determinismus durchzogen waren.
Aus einem zunächst gemeinsam geführten Diskussionsprozeß, der an der Beliebigkeit von Organisierungsansätzen und politischer Praxis ansetzte, entwickelten sich zwei Strömungen, die sich somit vor allem anhand der Reichweite von Organisierungsmodellen schieden.
In Fragen der politischen Einschätzung waren die Unterschiede hingegen nicht unbedingt unüberbrückbar. Auch Anfang der 90er blieb die autonome Antifa somit weitestgehend den theoretischen Grundlagen der 80er Jahre treu.
Weiterhin vorherrschend war die Sicht, Staat, Faschismus und faschistische Parteien als eine zumindest theoretisch unzertrennliche Einheit zu begreifen.
Die Autonome Antifa (M) als maßgebliche Kraft eines „neuen“ Organisierungskonzeptes schrieb dazu 1991: „Die BRD organisiert selbst faschistische Praxis. Das gleiche System, das sich hier demokratisch gebärdet, ist für Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen in anderen Teilen der Welt verantwortlich (…) Der Imperialismus ist faschistisch. Wenn die kapitalistischen Interessen gefährdet wären, so würden auch hier zu ihrer Verteidigung faschistische Potentiale eskaliert werden. Faschismus ist integraler Bestandteil westeuropäischer Demokratien. Die Herrschenden haben ein Interesse an der Existenz (neo)faschistischer Gruppen als Herrschaftsreserve, Abgrenzungsmöglichkeiten gegen Rechts, Testballon für repressive Maßnahmen, Bindung des Widerstandes usw.“ Die demotaugliche Reduktion dieser Analyse findet sich auch heute noch in der Parole „Kampf dem Faschismus heißt Kampf dem imperialistischen System.“
Daß vor allem die Vertreter des „neuen“ Organisierungsansatzes hier explizit kritisiert werden, spricht die Gruppen, die sich später im BAT organisierten, keinesfalls von der politischen Kritik aus. Da das BAT sich jedoch bis heute nicht derart klar positionierte wie die Gruppen der AA/BO, kann eine inhaltliche Kritik nachvollziehbarerweise schwerer greifen.
Da Auseinandersetzungen zwischen den beiden Organisierungsansätzen sich jedoch im Laufe der Zeit eher an organisatorischen als an Fragen der Analyse entwickelten, können bestimmte von Gruppen der AA/BO vertretene Positionen als durchaus exemplarisch für den Stand der Diskussion innerhalb der Antifa-Bewegung gesehen werden.
Positionen, die weiterhin den Staat als Organisator faschistischer Politik denunzierten, wurden zunächst scheinbar unterfüttert durch die auf der Straße erlebte Praxis: Naziaktivitäten wurden auch weiterhin von der Polizei geschützt und autonome Antifas mit der ganzen Bandbreite polizeilicher Maßnahmen bedacht. Die Wahrnehmung selbst wurde zum Argument, sich in den analytischen Ansätzen der 80er Jahre einzurichten. Der Staat war faschistisch, die Bullen waren es auch und der eigene Anspruch war antiimperialistisch. Trotzdem blieb der autonome Antifaschismus in seiner Praxis weiterhin überwiegend auf die organisierte Naziszene reduziert.
Dieser sogenannte Fahndungsantifaschismus, der teilweise die Braunzone zwischen Konservativen und Nazis in die eigene politische Analyse und Arbeit mit einbezog, war angesichts der ständigen Verharmlosung von faschistischen Aktivitäten seitens der Medien und staatlicher Organe von großer Wichtigkeit. Die nicht ganz unwesentliche Frage, ob sich ein gesellschaftlicher Trend nach Rechts über die Konspiration von wie auch immer vernetzten klandestinen rechten und konservativen Kräften vollzieht oder ob nicht die erreichte Diskurshegemonie rechter Positionen einer gänzlich anderen Dynamik unterliegt, wurde jedoch nicht einmal ansatzweise geklärt.
„Calamity Jane und die abgestürzten Flugblattsammler“ aus Hamburg schrieben dazu: „Daß die reduktionistische Anti-Nazipolitik so einflußreich wurde, hat seine Ursache auch im Faschismus- und Kapitalismus-Verständnis von weiten Teilen des autonomen Spektrums: Faschismus, der nur als eine Stufe kapitalistischer Entwicklung begriffen wird, gerät darin zu einer reinen Funktion des ‘Kapitals’. Der Staat erscheint als dessen interessenloser Verwalter. So wird Faschismus zu einem anonymen Verhältnis, das außer ‘dem System’ keine Subjekte mehr kennt – kein Wunder also, wenn Polizei im Rahmen des autonomem Antifaschismus zu einer Art Ersatz-Subjekt wird: Die Polizei schützt nicht nur tatsächlich die Faschisten und verfolgt Antifaschistlnnen, in ihr materialisiert sich “das System” wie nirgendwo und niemand sonst – außer den Nazis natürlich“
Diese theoretische Verwandtschaft zu der Faschismus-Analyse der Komintern läßt sich vielfältig belegen. Ihr Manko blieb aber, daß mit ihr Rassismus nur als Bestandteil faschistischer Ideologie verstanden und eine rassistische Mobilmachung weiter Teile der Gesellschaft schon gar nicht erfaßt werden konnte. Dies zeigt sich exemplarisch auch in der Rolle, die Hamburger Antifas organisierten Faschisten in den Pogromwellen 91 und 92 anhand eines Wunsiedelplakates zudachten. Auf dem Plakat wurde – natürlich entsprechend des Mediums Plakat verkürzt – eine Kausalkette zwischen den Demonstrationen der Nazis 1991 in Bayreuth und 1992 in Hof und den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock sowie den rassistischen Brandanschlägen in Mölln und anderswo hergestellt. Die Aussage des Plakates „Keine Heßmärsche – keine Pogrome“ war bezeichnender Ausdruck autonomer Analyse, in der eben nur organisierte Faschisten und Bullen als Ausdruck von Staats- und damit eigentlich Kapitalinteressen vorkamen. Eine rassistische Stimmung, die ihren Ausdruck auf der Straße findet und in der natürlich auch Faschisten mitmischen, die sich aber in erster Linie nicht entlang traditioneller Feindbilder erfassen ließ, traf die Antifa Anfang der 90er Jahre fast völlig unvorbereitet.

7. same procedure than ever

Die realen Erfahrungen mit dem mörderischen Rassismus aus der Mitte der deutschen Gesellschaft hätten innerhalb der Antifabewegung wenn nicht einen radikalen Bruch mit der bisherigen Praxis, so doch den Beginn einer ausgiebigen Diskussion über die Grundlagen der eigenen Politik markieren müssen. Wenngleich dies geschah und sich beispielsweise in den zwei relevanten Büchern der autonomen lupus-gruppe inhaltlich niederschlug, zeichnete sich das Gros der aktiven Antifagruppen doch weiterhin durch einen Rückgriff auf traditionelle Erklärungsmuster und Politik aus.
Traditionell wurde Rassismus in der autonomen Diskussion lange Zeit nur als Spaltungsinstrument der Herrschenden wahrgenommen. So schrieb das AIB in seiner zweiten Ausgabe: „Gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, wachsender Armut und vermehrter Konkurrenz an den Arbeitsplätzen ist der Rassismus ein extrem gefährliches Spaltungsinstrument. (…) Dieser Rassismus wird durch die Presse, hier mal wieder Springer vorneweg, und durch staatliche Maßnahmen geschürt und verbreitet. (…) Mit Hilfe des Rassismus soll abgelenkt werden von den Gründen der Wohnungsnot, der Arbeitslosigkeit usw. Dem Volk werden Sündenböcke präsentiert. (…) So ist Rassismus das Hauptthema der Nazis, die die geschürte Ausländerfeindlichkeit dankbar aufnehmen und organisieren“
Zwar wurde hier bereits erkannt, daß Rassismus eben auch bzw. gerade in der Mitte der Gesellschaft entsteht, diese Mitte wurde jedoch reduziert auf Medien und staatliche Organe. Das „Volk“ – ohnehin eine eher bedenkliche begriffliche Konstruktion – kam nur als Opfer von Wohnungsnot und Armut und damit per se als besonders anfällig für Rassismus vor.
Die bereits erwähnte Orientierungslosigkeit, mit der auf den rassistischen Aufbruch in ein neues Großdeutschland reagiert wurde, hatte seine Grundlagen in eben diesen Analysen. Die verzweifelte Selbsttäuschung, die sich Anfang der 90er in Parolen wie „Ausländer sind die falsche Adresse, haut den Politikern auf die Fresse“ offenbarte, war neben der Hilflosigkeit eben auch Ausdruck der mangelnden Bereitschaft, sich damit abzufinden, im großen Deutschland noch isolierter und beschissener dazustehen als vorher.
So lieferte noch der Demonstrationsaufruf unabhängiger Antifagruppen zur Großdemonstration in Rostock-Lichtenhagen nachträglich eine Erklärung für das Pogrom und las sich teilweise wie eine Solidaritätserklärung an die Lichtenhagener Bevölkerung: „Vor dem Hintergrund der überwältigenden Probleme wie zunehmender Arbeitslosigkeit, der Zerstörung ganzer Industrien, dem Abbau von Arbeitnehmerlnnenrechten, der seit ]ahren vorprogrammierten Wohnungsnot, dem zunehmenden Abschaffen von sozialen Errungenschaften und, entgegen aller Versprechungen, der Verschlechterung der Lebensbedingungen in den östlichen Bundesländern, sind wir nicht bereit hinzunehmen, daß sich die Hilflosigkeit der betroffenen Menschen in brutalen Angriffen gegen Flüchtlinge und Ausländerlnnen entlädt.“
Die Verfasserlnnen des Flugblatt stellten sich nicht etwa rückhaltlos hinter die Angegriffen. Vielmehr wurde der bürgerlichen Veständnisheuchelei ein linker Entschuldigungsansatz hinzugefügt. Dies zeigte sich auch während der Demonstration in Lichtenhagen, als die deutsche Bevölkerung, die sich das linke Treiben aus sicherer Entfernung auf ihren Balkons ansah, mit „Schämt Euch“-Parolen bedacht wurde. Dazu schrieben „einige Frauen aus der RADIKAL“ sehr treffend: „Wofür soll sich die so angesprochene Bevölkerung denn schämen? Etwa dafür, daß sie mit ihrer tatkräftigen Unterstützung beinahe 150 VietnamesInnen verbrannt hätte? Die Aufforderung scheint angesichts der bewußt in Kauf genommenen Gefährdung von über 150 Menschen etwas unangemessen, wenn nicht gar lächerlich. Sie verniedlicht geradezu den Terror der deutschen Bevölkerung, indem sie so tut, als würde man mit dummen Jungen schimpfen. Nimmt die Linke die Bereitschaft rassistischer Gewalt der ganz normalen Durchschnittsbevölkerung immer noch nicht ernst?“
Café Morgenland schrieb dazu: „Das, was sich vor dem Flüchtlingsheimen zusammenrottet, Nacht für Nacht, das, was das Leben der Flüchtlinge zur Hölle macht, das sind doch keine Zombies, die über Nacht – weil das versprochene Video oder die Tischtennisplatte im Jugendzentrum nicht ausgeliefert wurden – zu Bestien werden. (…) Hier wird von handelnden Subjekten geschichtliches Bewußtsein artikuliert: Die Gewißheit artikuliert: Die Gewißheit, daß es auf diese Weise schon mal geklappt hat; und zwar mit Erfolg, der bis heute anhält.“
Solche Erkenntnisse sind an den maßgeblichen Diskussionen innerhalb der Antifa zwar nicht unbedingt spurlos vorübergegangen, haben aber bis heute kaum Konsequenzen für die praktische Politik gehabt. Weiterhin ist eine gefährliche Tendenz zu beobachten, nicht über eine grundsätzliche Neuausrichtung der eigenen Politik zu verhandeln, sondern die Handhabung der alten Konzepte zum Ausgangspunkt der Überlegung zu machen. Das offensichtliche Scheitern von Politik wird somit auf seine technisch-formale Dimension reduziert und noch mehr Organisation zum Heilmittel von Krisen verklärt. Dabei resultieren die großen Niederlagen zuallererst eben nicht aus mangelnder Organisation, sondern aus der mangelnden Bereitschaft, die Inhalte an der Realität abzuprüfen. Oder plakativ gefragt, was nützen die besten Verpackungen, wenn der Inhalt nicht stimmt?
Der Inhalt wiederum bemißt sich aber vor allem darüber, ob es der Antifa gelingt, sich (wieder) als linksradikaler Teilbereich zu positionieren. Das bedeutet, über inhaltliche Ansätze zu verfügen, die der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation wenigstens entfernt genügen. Gerade Erfahrungen, wie die antifaschistische Mobilisierung gegen den NPD-Aufmarsch in Rostock im September 98 zeigen, daß eine Mentalität vorherrscht, in der sich oft genug nicht einmal mehr darum bemüht wird, überhaupt eigene Inhalte zu entwickeln

8. Ausblicke

Die antifaschistische Bewegung ist heute mit einer faschistischen Konsolidierung konfrontiert, die keinesfalls gleichförmig verläuft, sondern erhebliche vor allem lokale Unterschiede aufweist. Gerade im Osten des Landes herrschen Bedingungen, die nach einer konkreten Anti-Nazi-Politik verlangen. Parallel setzt sich ein Rassismus des Mainstreams durch, dessen Begleitmusik zwar einerseits Anschläge, Angriffe und Hetze sind, der aber nicht grundsätzlich eine faschistische Mobilisierung benötigt.
Staatliche Politik heute ist keinesfalls faschistische Politik, sie ist nicht einmal die Vorstufe davon und auch nicht darauf angewiesen, sich Spannungspotentiale zu halten. Wer dies unterstellt, unterschätzt die Integrationskraft bürgerlicher Herrschaft, deren formaler Kern eben nicht Mord und Totschlag sind, sondern eine eigentümliche Verkoppelung von Freiheit und Zwang. In diesem Spannungsfeld spielen sich die Diskurse über die Teilhabe an dieser Gesellschaft, nationale Identitätsbildung, Sicherheitskonzeptionen und Diskurse gegen gesellschaftliche (Rand-)gruppen ab.
Natürlich wirken Faschisten per se als essentielle Scharfmacher dieser Diskurse und selbstverständlich ist die Entstehung faschistischer Bewegungen ursächlich verknüpft mit den herrschenden Verhältnissen und hegemonialen gesellschaftlichen Vorstellungen. Aber gerade dieser Umstand bedeutet, daß reale faschistische Organisierung in den Hintergrund tritt und tendenziell ersetzt wird durch diffuse Stimmungen, die jederzeit mobilisierbar sind. Eine linksradikale Antifapolitik, die dies realisiert, kann sich zum einen nur noch schwerlich positiv auf die Bevölkerung beziehen und zum anderen nicht darin erschöpfen, faschistische Organisierung in den Mittelpunkt ihre Praxis stellen.
Es ist bezeichnend, daß gerade Ansatzpunkte, in denen solche Politik gefragt wäre, zu den eher schlecht bearbeiteten Themen der Antifa gehören. In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, daß insbesondere der jüngsten Kampagne der CDU von Seiten der Antifa kaum etwas entgegengesetzt wurde, und das weder praktisch, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene nur noch selten im Denken vorhanden ist, noch inhaltlich, was den Schluß nahelegt, die Antifa hat dazu inhaltlich nichts zu sagen, weil in dem Spiel keine Nazis vorkommen.
Dabei ist es gerade diese Kampagne, die einen entscheidenden Schub zur Integration eines gesellschaftlich integrierten Rassismus geleistet hat, ohne daß darin organisierte Faschisten eine relevante Rolle spielen.

9. Streuobst

Antifaschistische Politik, die sich einer grundsätzlichen Selbstreflexion versperrt, muß sich mindestens an ihren eigenen bescheidenen Ansprüchen messen und messen lassen. Selbst dies ist heute keine Selbstverständlichkeit.
Publikationen, Veröffentlichungen und auch das eigene inszenierte Auftreten unterstellen heute viel zu oft Kräfteverhältnisse und Möglichkeiten der 80er ]ahre, die offensichtlich nicht mehr gegeben sind. Eine Antifa, die sich faktisch als Antipode der Nazis geriert, kann sich womöglich gegen äußere und innere Kritik als resistent erweisen. Wenn jedoch selbst diese reduktionistische Politik, in der weitergehende politische Vorstellungen oft nur noch wie ein Feigenblatt vor sich hergetragen werden, immer wieder an ihre Grenzen gerät, muß zumindest auf dieser niedrigsten Ebene ein Umdenken einsetzen. Statt dessen sind die maßgeblichen Diskussionen der jüngsten Zeit auch weiterhin davon geprägt, strategische und militärische Planspiele zu entwerfen.
An der Peripherie der autonomen Antifa haben sich in den vergangenen ]ahren verschiedene Diskussionen entwickelt, die in diesem Sinne durchaus kritisch mit der bisherigen Politik abgerechnet haben. Nicht immer hatte diese Kritik etwas endgültiges, dem nur noch der Ausstieg aus der antifaschistischen Politik folgte. Insofern ist es erfreulich, daß gerade in den letzten Jahren wesentliche inhaltliche Kritikpunkte auch Eingang in die aktive antifaschistische Bewegung gefunden haben und dort zuweilen diskutiert werden.
Die Selbstreflexion über die eigene Politik ist ein Anfang, an dessen Ende die positive Bestimmung als linksradikale (Teilbereichs-)bewegung stehen könnte. Wir sind realistisch, ein Schritt ist besser als keiner, aber noch lange nicht genug, es als Weg zu bezeichnen. Der wird aber zu finden sein, wenn sich die jetzige autonome Antifabewegung nicht der Historie überantworten will. Gerade deswegen ist es entscheidend, nicht über die Bruchpunkte und Niederlagen der jüngsten Zeit hinwegzugehen, sondern an genau den Punkten Streit zu suchen und Diskussionen zu provozieren, die wieder im besten Sinne politisch sind.

Quelle

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