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Antifaschismus und Militanz

Ende der 90ziger Jahre existierte in Bochum die antifaschistische Jugendgruppe F.A.U.S.T. In ihrer Zeitung „Bambule“ dokumentierten sie ein älteres Papier über Militanz, das auch wir hier dokumentieren wollen:

Nach mehreren Pogromen, über 35 Morden an Angehörigen von Minderheiten allein in den letzten zwei Jahren und unzähligen rassistischen und faschistischen Angriffen, diskutieren viele Menschen über Selbstverteidigung und Gegenwehr, um den Terror zu stoppen und Faschisten und Rassisten Einhalt zu gebieten. Dies Flugblatt ist ein Beitrag dazu.

Oft erleben wir, daß in Diskussionen über antifaschistische Politik der Verzicht auf physische Gewalt gefordert wird. Wir sehen darin das Bemühen und Interesse vieler AntifaschistInnen an gewaltfreien Auseinandersetzungen in der Gesellschaft. Selbst mit Faschisten und Rassisten. Diesen Wunsch teilen und respektieren wir. Doch es bleibt ein Wunsch.

„Ach der Mensch wär lieber gut statt roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“
B.Brecht, Dreigroschenoper

Wir leben in einer Gesellschaft, in der uns permanent Gewalt begegnet. Persönlich ausgeübte körperliche Gewalt ist dabei eher selten. Überall und jederzeit anwesend ist dagegen strukturelle Gewalt – in Form des Staates, des Kapitals, des Patriachats oder in Gestalt von moralischen Normen.

– Der offensichtlichste Ausdruck struktureller Gewalt ist die Gewalt des Staates. Sie drückt sich in seinen Gesetzen und seiner Rechtssprechung, in seinen Organen und Institutionen aus. Dazu gehören Polizei, Armee und Geheimdienste, Knäste und Schulen, aber auch Sozial-, Ausländer- und Arbeitsämter etc.

– Der Staat funktioniert im Sinne des Kapitals, dessen oberstes Gebot es ist, aus allem, Natur und Menschen, Profit herauszuschlagen. Zu diesem Zweck wird jedeR einer Erziehung und Ausbildung, dann dem Zwang zur Arbeit unterworfen. Und wenn er oder sie verbraucht ist, alt oder krank, wegen eines Unfalls, einer Behinderung oder aus sonstigen Gründen keinen Profit mehr abwirft, wird mensch ausgesondert und kommt auf den Müll. Für die Menschen der sogenannten ´Dritten Welt`, die von den Industrienationen und ihren Handlangern im eigenen Land unterdrückt und ausgebeutet werden, bedeutet die Gewalt des Kapitals zudem Vertreibung, Hunger, Elend und Tod.

– Das ganze basiert auf dem subtilen Gewaltverhältnis des Patriachats, das den Männern grundsätzlich die Macht über Frauen zuspricht und jeden einzelnen Mann in seiner Machtausübung gegenüber Frauen absichert, unterstützt und legitimiert. D.h. die patriachale Gewalt ist weltweit Stütze der HERRschenden Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme.

– Letztendlich sind auch Normen, Sitte, Anstand, – halt alles, was von der Mehrheit als ´normal` angesehen wird – Ausdruck struktureller, nämlich moralischer Gewalt. Wobei sich die Moral nach den Gesetzen der Herrschenden richtet. Schwulen und Lesben, LeistungsverweigerInnen, Behinderte und angeblich ´Verrückte` werden mit Hilfe solcher Kategorien ausgegrenzt und ins Abseits gedrängt. Während die sogenannte ´Normalität` scheinbare Stärke und Sicherheit liefert, das Selbstwertgefühl stärkt und vor allem einen Anteil an der Macht verspricht, indem sie es uns ermöglicht ´Andere` abzuwerten und auszugrenzen. ´Normalität` ist der Feind, ist die Schere, in unserem Kopf.

So sieht, kurz zusammengefaßt, die Realität aus, die unserem Wunsch nach Gewaltfreiheit gegenübersteht. Und dieser Realität müssen wir uns stellen, wenn wir Faschisten und Rassisten bekämpfen wollen. Denn was sie vertreten, ist nichts anderes als die Fortsetzung und Zuspitzung dessen, was jetzt schon der alltägliche Horror ist: Einen totalitären Staat, der das Leben bis in Kleinste bestimmt und überwacht. Eine kapitalistische Wirtschaftstruktur, in der die Einen gewinnen, die Anderen verlieren. Die totale Verfügungsgewalt über Frauen. Und eine Norm für alles und jedeN.

Mensch muß nicht das ´Dritte Reich` heranziehen, um das zu wissen. Es reicht, sich die Worte und Taten von Faschisten und Rassisten heute anzugucken. Ihr ganzes Denken und Handeln ist bestimmt von Gewalt und Unterdrückung, von Abwerten und Ausgrenzen, von Hierarchien, von Befehl und Gehorsam. Sie haben Angst vor Freiheit und Selbstverantwortung; vor allem was fremd und anders ist; vor Eigeninitiative und Solidarität.

Unser Bestreben dagegen ist:

„Frei zu Leben wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald.“
Nazim Hikmet

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Ausbeutung und Unterdrückung nicht mehr existiert, in der ´der Mensch nicht mehr des Menschen Wolf ist`, in der die Würde und Selbstbestimmung des Menschen genauso selbstverständlich ist wie das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf, in der die Freiheit der Anderen die eigene ist.

Diesen Zielen steht das kapitalistische System genauso entgegen wie die Faschisten. Mögen die sogenannten ´demokratischen Staaten` in den Gewalttaten der Neonazis auch einen Angriff auf ihr Gewaltmonopol sehen, so sind sich doch Faschisten und ´Demokraten` doch in einem einig: Sie wollen einen starken, gewaltbereiten Staat. In diesem Sinne sind Staat, Kapital und Faschisten Verbündete. Im Zweifel arbeiten sie Hand in Hand, wie z.B. die aktuelle Auseinandersetzung um die Flüchtlinge zeigt. Denn es waren die PolitikerInnen, die mit ihrem Gerede von einem ´Asylproblem` die Lunte gelegt haben, die von den Neonazis angezündet wurde.

Wer ein freies und selbstbestimmtes Leben will, kann deshalb seine Verantwortung im Kampf gegen Faschismus und Rassismus nicht abgeben, delegieren oder gar in die Hände des Staates legen. Ein solches Verhalten würde vielmehr dazu führen, den Staat und die von ihm ausgeübte strukturelle Gewalt zu stärken. D.h. unser Kampf muß auf Eigeninitiative und Selbstorganisation, auf das Vertrauen in die eigene Stärke und Militanz basieren.

Wir verwenden für Gewalt, die von unserer Seite ausgeht, den Begriff ´Militanz`. Wir tun dies deshalb, weil das Wort ´Gewalt` als Begriff für Zerstörung steht, ohne auszudrücken, gegen was oder wen sie sich richtet, und welche Form sie hat. Unsere Gewalt soll aber das zerstörerische System stoppen, also zu Gunstem etwas Positivem die Zerstörung zerstören. (´Krieg dem Krieg` z. B.) Sie ist radikaler Ausdruck des Bemühens sich dem System zu verweigern, HERRschaftsfreie Strukturen zu entwickeln, zu leben und zu propagieren, so gegen das System zu agitieren, es zu sabotieren und anzugreifen.

Trotzdem birgt antifaschistische Militanz, die von Männern ausgeübt wird, die Gefahr in sich, keine neuen Wege zu beschreiten, sondern über das schlichte Recht des Stärkeren männliche Auseinandersetzungs- und Unterdrückungsformen zu erhalten und zu reproduzieren. Denn wir sind alle Teil des patriachalen Gewaltverhältnisses, und nicht zufällig ist die körperliche Gewalt handfester Ausdruck persönlicher Macht von Männern gegenüber Frauen. Dies sollten wir uns stehts vor Augen halten und bei allen unseren Aktionen mitdiskutieren.

„Wenn militant sein heißt, daß ich alle Möglichkeiten nutze, daß ich nur jeden erdenklichen Schritt nutze und alle nur möglichen Aktionen, um ein für allemal die natürliche Lebensweise des Menschen wieder einzuführen. Wenn das militant ist, dann bitte ich meinen Vater Sonne und meine Mutter Erde, daß sie mir Leben und Stärke geben, um von allen der Militanteste zu sein.“
(ein Medizinmann)

Weitere grundsätzliche Kriterien, die wir bei jeder Aktion berücksichtigen müssen, sind:

– Unser Ziel ist die Zerstörung von Machtstrukturen. Wir wollen rassistische und faschistische Propaganda und Praxis bekämpfen und nicht einzelne Faschos.

– Es muß klar sein, was mit jeder einzelnen Aktion bezweckt ist. Sie darf nicht beliebig, sondern muß Ergebnis genauer Überlegung sein.

– Aktionen müssen öffentlich gemacht werden, ihre Gründe und Ziele sind zu erklären.

– Es ist unbedingt darauf zu achten, daß Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen.

„Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.“
Kurt Tucholsky

Vor allem dürfen wir unseren berechtigten Haß nicht zur Leitlinie unseres Handels machen. Denn ein kühler Kopf und kalter Zorn bringen weiter als blinde Wut und unüberlegter Aktionismus. Ganz praktische Tips in dieser Hinsicht gibt Marighela, ein Revolutionär aus Südamerika. In seinem ´Handbuch des Satdtguerilleros` zählt er die ´Sieben Sünden` auf, die auch wir tunlichst vermeiden sollten:

1) Aus eigener Unerfahrenheit heraus, den Feind für dumm zu halten, seine Intelligenz zu unterschätzen, die Aktion für zu leicht zu halten, und im Ergebnis Spuren zu hinterlassen, die zu katastrophalen Folgen führen können. Oder – umgekehrt – den Feind zu überschätzen, ihn für stärker zu halten, als er ist, mit der Folge, daß mensch eingeschüchtert, unsicher und unentschlossen, gelähmt und initiativlos wird.

2) Mit Aktionen anzugeben und seine ´Heldentaten` auszuposaunen.

3) Aktionen unabhängig von dem Stand der eigenen Bewegung durchzuführen und damit u.a. die Sicherheit der eigenen Leute zu gefährden.

4) Sich selbst zu überschätzen und Aktionen zu machen, zu denen Fähigkeit und Infrastruktur nicht vorhanden sind.

5) Voreilig, ungeduldig und nervös zu sein.

6) Den Feind in einer Situation anzugreifen, in der er besonders gereizt und wütend ist.

7) Statt genau zu planen und zu überlegen, sich auf Improvisation oder gar das eigene Glück zu verlassen.

Zum Schluß möchten wir noch einmal betonen, daß dieses Flugblatt Denkanstöße geben und zur Debatte um antifaschistische Militanz beitragen will. Unberücksichtigt läßt es, daß sich die Probleme für Flüchtlinge, AusländerInnen, Juden und Obdachlose weniger theoretisch, sondern ganz praktisch stellen. Im Unterschied zu uns, können sich diese Gruppen der (gewalttätigen) Konfrontation nicht entziehen. Sie haben keine Wahl und müssen sich tagtäglich gegen rassistischen und faschistischen Terror zur Wehr setzen.

einige autonome Antifas aus dem Ruhrgebiet

Quelle

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