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Einige einleitende Worte…

Artikel in AIB 50 / 1.2000 / 22.03.2000
Was ist unter dem Begriff Antifaschismus zu verstehen? Eine Politik der radikalen Menschlichkeit, die sich die Verteidigung der Menschenrechte und der Demokratie auf die Fahnen schreibt, oder doch der Kampf gegen Faschismus, der gleich Staat und Kapital abschaffen will und den Blick auf die Revolution richtet?
Wir haben bundesweit Antifa-Gruppen und andere Organisationen nach ihren Perspektiven und Strategien gefragt. Einerseits wollten wir in diesem Heft einen Überblick über verschiedene Ansätze der Antifapolitik geben, andererseits haben wir Projekte gebeten, ihre konkrete Arbeit vorzustellen. Ersteres ist uns nur ansatzweise gelungen. Sehr deutlich wurde dabei, dass es strömungsübergreifend mehr Fragen als Antworten gibt, wie man gegen das Konglomerat von autoritär-rassistischer Entwicklung vorgehen könnte. Dies mag daran liegen, dass viele Gruppen mit der alltäglichen Arbeit ausgefüllt sind. Zugleich könnte es aber auch bedeuten, dass sich nur noch wenige Gruppen überhaupt mit langfristigen Perspektiven beschäftigen. Manchmal richtet sich der Blick vor allem nach »innen«, und es wird hauptsächlich über die Integrität und Moral der eigenen Gruppe oder des Projektzusammenhangs gestritten.

Auch im AIB haben die Debatten einen längeren Zeitraum als erwartet eingenommen und sind sicherlich noch nichtbeendet. Einen Teil der Ergebnisse wollen wir mit dem Schwerpunktartikel des AIB auf den nächsten Seiten zur Diskussion stellen. Schade ist, dass sowohl ein Beitrag einer Gruppe des Bundesweiten Antifa-Treffens (BAT) als auch eine Position, die Antifaschismus auf einer revolutionären Grundlage betrachtet, wie sie in der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) vertreten wird, fehlen. Über die zwei Organisierungsansätze ist Anfang der neunziger Jahre viel gestritten und diskutiert worden. Die Frage war, ob eine Organisierung der radikalen Linken anhand von Antifaschismus sinnvoll ist, oder ob Antifaschismus ein Teilbereich innerhalb der Linken ist. Wirsind nach wie vor der Meinung, dass Antifaschismus an sich nicht systemverändernd ist. Er ist ein Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, darf aber nicht mit Antikapitalismus oder mit einer übergreifenden revolutionären Organisierung gleichgesetzt werden. Uns ist es wichtig, dass sich eine antifaschistische Bewegung gegen einen bürgerlichen Antifaschismus behauptet, der diegesellschaftlichen Bedingungen für autoritäres, faschistisches Denken nicht thematisiert. Daraus kann aber nicht der Schluß gezogen werden, dass das Aufzeigen der Ursachen für rechte und nationalistische Entwicklungen, per se revolutionär ist. Antifapolitik richtet sich seit Jahren vor allem gegen die Auswirkungen autoritärer Gesellschaftsformen. Im Moment steht die Antifabewegung mit dem Rücken zur Wand, sie ist damit belastet, Angriffe auf allen Ebenen abzuwehren.

Unserer Ansicht nach hat ein revolutionärer Ansatz momentan in Deutschland keine Perspektive. Gerade den nicht profitierenden Teilen der deutschen Mehrheitsbevölkerung konnte bisher mit dem Hinweis auf rassistisch-nationalistische-faschistische Zusammenhänge wenig Bezug zu einem nach unseren Vorstellungen geführten Kampf für soziale, kulturelle und politische Interessen vermittelt werden. So gibt es weder eine breite Bewegung, die sich solidarisch unterstützt, die sich eine Vorstellung von einer besser herrschaftsfreien Gesellschaft macht, noch gerät das System so aus den Fugen, dass es eine Mehrzahl der Leute nicht mehr befriedigen oder zufriedenstellen könnte. Ein revolutionärer Kampf kann nicht unter dem Vorzeichen von Antifaschismus organisiert werden, auch wenn seine Unterstützung durchaus auch vonAntifaschistinnen mitgetragen werden sollte. Der Kampf in nicht-revolutionären Zeiten von linksradikalen Antifaschistinnen ist somit zunächst ein Abwehrkampf und doch mehr – selbstbewußt und phantasievoll die Idee einer »Gesellschaft der Freien und Gleichen« aufrecht zu erhalten. Wie dies organisiert und durchgesetzt wird, ist von Region zu Region verschieden, wie die verschiedenen Artikel im Schwerpunkt verdeutlichen. Dies kann z.B. zunächst die Schaffung von Räumen für alternative Jugendliche in einem rechten Bezirk sein, es kann antifaschistische Bildungsarbeit sein, antirassistische Arbeit an Schulen oder das nächste »Beats against Fascism«- Konzert.

Wichtig ist, dass Antifaarbeit und die Bewegung nicht bei ultralinkem Pop stehen bleiben, der mittels einer coolen Symbolik Jugendliche zu begeistern versucht und Lebensgefühl und Identität als wichtigstes Moment begreift. Oder ist das etwa der einzige Bereich, in dem wir uns noch Erfolge versprechen? Die Jugendlichen und die Versatzstücke von Subkulturen als Bündnispartner für die Antifa? Doch wie damit umgehen, wenn sich eine MTV- und VIVA- Generation als kritiklose Masse einer Konsumgesellschaft präsentiert und jede Suche nach einem kritischen Aufbegehren erfolglos bleibt? Die traditionelle Kulturarbeit der Antifabewegung, die mit der Organisation von alternativen Punk-Konzerten und »Volksküchen« lockte, ist in vielen Regionen überholt. Doch welche Grundpfeiler braucht eine Antifabewegung, und welche Konzepte sind in diesen Zeiten überhaupt umsetzbar? Auch wenn wir stets selbstbewußt für gesellschaftliche Bündnisse plädieren, in denen sich die Antifabewegung einbringt, wissen wir auch, dass Teile der sogenannten liberalen demokratischen Öffentlichkeit weggebrochen sind oder uns kein Gehör mehr schenken wollen.

Doch vor der Suche nach Bündnispartnern steht das Erarbeiten eines neuenGrundverständnisses. Uns scheint, dass dies in den letzten Jahren, auch aufgrund des notwendigen Abwehrkampfes gegen Nazi-Terror und der Rechtsentwicklung der Gesellschaft, vielerorts abhanden gekommen ist. Solange wir neben der Analyse gesellschaftlicher Strukturen nicht auch in der Lage sind, politische Strategien und Widerstandsformen zu verändern, bleiben wir defensiv.

(Wir haben anfangs auch die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) um einen Beitrag gebeten. Nachdem die AAB eine Stellungnahme zum Umgang mit Vergewaltigern veröffentlichte, hat sich das AIB-Redaktionskollektiv gegen den Abdruck des AAB-Strategiepapiers entschieden. Uns geht es nicht darum, den politischen Ansatz der AAB nicht darzustellen oder Euch vorzuenthalten. Die Nicht-Veröffentlichung ihres Strategie-Artikels bringt vielmehr unsere Ablehnung gegenüber den patriarchalen Positionen in ihrem Selbstverständnis zum Ausdruck. Aufgrund von Zeitmangel konnten andere von uns angefragte Gruppen der AA/BO diese Lücke leider nicht mehr füllen. Wir halten die Diskussion über den Umgang mit patriarchalen Strukturen und Vergewaltigungen auch für die Antifabewegung für wichtig.)

Quelle

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