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Die autonome Antifa – Jung und Dynamisch

Beitrag in CEEIEH #75 / März 2001
Die schönste Antifa ist gefangen: in ewiger Jugend und Symbolik

Im „Konzept Antifa“ (1999) der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) wird in dem Text „Zusammen gehört uns die Zukunft!“ von dem revolutionären Subjekt Jugendliche/r ausgegangen. „Jugendrebellion ist eine historische Konstante“, weil sie, die Jugendlichen, noch nicht „in die Logik der Notwendigkeit“ eingebunden sind und sich somit auf die Suche nach „Alternativen zu der offensichtlich erbärmlichen Existenz des Altgewordenen“ begeben. Aus dieser Position schlußfolgernd, forderte die AAB die Antifa(1) auf,
Jugendarbeit zu machen, weil sich sonst jugendliche Rebellion in unpolitischen oder rechten Subkulturen auslebt. Dieser Ansatz ist so richtig(2) wie prekär.
Die Politik der Autonomen Antifa hat fast ausschließlich auf Jugendliche identitär gewirkt. Hier ist der Verfassungsschutz als Quelle dienlich, der das Ausstiegsalter bei den Autonomen auf unter dreißig datiert. Eltern und zu alt gewordene Linke werden das damit begründen, daß halt jeder mal erwachsen wird. Richtig dabei ist, daß mit dem Erwachsenwerden die existentiellen Anforderungen steigen und damit die „Logik der Notwendigkeit(en)“ zunehmend anstrengender wird.
Jugendarbeit dafür zu machen, daß diese, bevor sie aus der Jugenbewegung aussteigen, wieder Jugendarbeit machen, ist aber so betrachtet Sysiphusarbeit. Schlußendlich ist die Antifa dann nur noch dazu da, Leute teamfähig, selbstbewußt, konsensfähig, selbskritikfähig, flexibel und durchsetzungsfähig für ihre späteren Aufgaben in der Gesellschaft zu machen. Und das wollen wir nicht.

Die Radikale Linke wird solange eine Jugendbewegung bleiben, solange sie
Erstens: in Bewegungspolitik verharrt. Bewegungspolitik heißt, sich immer wieder auf Gegenstände zu stürzen, anhand derer gerade Politik machbar scheint. Ist es Antira-, Antifa-, Antirepressions- oder Anti-Globalisierungspolitik, solange anhand dieser Politkfelder immer wieder rumgedokteort wird, ohne die radikale Gesellschaftskritik in den Vordergrund zu stellen und zu betonen, erledigt sich radikale Politik dann, wenn der Atem kürzer wird oder die eigene Politik durch die Gesellschaft eingeholt wird, wie es im Antifa-Sommer mit der Antifa geschah. Dann hilft es auch weniger, den Antifaschismus-Begriff für sich soweit aufzublähen, daß er linksradikal wird. Dann hift nur noch einzusehen, daß Antifaschismus eine Begrifflichkeit innerhalb der Radikalen Linken bleibt. Das Jugendliche darin ist, daß durch die Bewegungspolitik immer wieder Labels geschaffen werden, die identitätsstiftend wirken, ihre Bedeutungen aber nicht ewig ausreizbar sind. Und zudem werden immer wieder die gleichen Reaktionsmuster an den Begriffen ausgeführt. Plenum, Thema, Analyse des Gegenstandes, Demo und Kampagne. Das kann über Jahre ganz schön anstrengend werden. Das Fatale ist, daß die permanente Praxis dazu führt, zu denken, die Bewegung müsse den Gegenstand der eigenen Politik auf Biegen und Brechen verändern. Entweder sie schafft es, dann hat sie etwas erfolgreich reformiert (und macht an dem Gegenstand weitere Verbiegungen oder wechselt den Gegenstand) oder sie schafft es nicht und verzweifelt. Im erfolgreichen Fall, besonders wenn sich der Erfolg wiederholt, kann man Außenminister werden, im Falle der Verzweiflung wird man entweder erwachsen oder verrückt. Diese Form der Politik verharrt in Jugendlichkeit, weil das Label sich zum Selbstzweck macht („Es lebe die Antifa“(3)) und Erfolg verspricht. „Radikal Links“ hingegen muß keine Politik sein, die sich nur mit Erfolgen legitimiert. Die Radikale Linke sollte sich Themenfelder wählen, um die eigene Gesellschaftskritik wahrnehmbar werden zu lassen, und nicht um daran die eigene Macht walten zu lassen.
Zweitens: Die radikale Linke wird solange Jugendbewegung bleiben, wie sie die Praxis als oberstes Gebot beibehält. Antifa heißt Aktion, manchmal auch „left-action“. Natürlich muß die Radikale Linke wahrnehmbar sein. Sie selbst muß aber auch die Außenwirkung kritisch reflektieren. Und wenn wir irgendwelche Leute fragen, was sie von Antifa mitbekommen, wird es wahrscheinlich heißen: Demos, Schwarzer Block, Militanz, militante Symbolik, radikale Inhalte und viele AktionistInnen. Das ist natürlich nicht schlecht, aber nur wenige Gruppen haben es geschafft, eigene inhaltliche Akzente zu setzen. Diese Akzente haben inhaltliche Positionen zumeist aber nur erweitert und nicht vertieft. Ganz im Sinne der Bewegungspolitik wird ein Gegenstand genommen und umfangreich beschrieben. Linke Theorien und Diskurse werden meist mit dem Argument, es ginge dabei um akademische Spitzfindigkeiten und Selbstzerfleischung, verabscheut. Anstatt sich damit zu beschäftigen und von ihnen zu partizipieren, ist man sich zumeist darüber einig, daß es über die eigene Wahrnehmung zu erklären ist. Dann kommen entweder Analysen heraus, die die Erscheinung umschreiben oder auch hinter der Erscheinung den bösen Kapitalisten finden, der dann zum Wesen alles Bösen wird. Innerhalb der Antifa hat sich bisher alles anhand der Praxis entwickelt. Themen, die über die aktuelle Praxis hinausgehen und die vielleicht nicht mehr vermittelbar sein könnten, werden geschnitten. Diese Diskursfeindlichkeit wird an nachrückende Generationen weitergegeben. Für die, die mehr wollen, geht es dann ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter, sie machen dann Zeitung oder ihre Uni-Karriere. Die inhaltliche Außenwirkung bleibt jugendlich.(4)
Drittens: Die radikale Linke wird solange eine Jugendbewegung bleiben, wie ausschließlich auf jugendliche Codes und populäre Subkulturen gesetzt wird.
Subkulturhypes wechseln beständig. Und wenn das Kulturelle mehr als das Politische eine „Revolutionäre Bewegung“ konstituiert, dann wechseln auch die Fans. Denn an Jugendlichkeit orientierte identitäre Politik ist dann für Jugendliche interessant, solange sie jugendlich ist. Pippi Langstrumpf verkörperte in den 80ern den Lifestyle der Autonomen. Heute wirkt sie lächerlich. Ähnlich wird es dem Mangacomic gehen, welches den (Kinder)- Jugendstyle und den militanten Gestus der Antifa der 90er ausdrücken soll. Erstens muß reflektiert werden, daß solche Bildsprache nicht für immer und ewig zementierbar ist, zweitens, daß solche Codes nicht per se links rezipiert werden und drittens, daß die Autonomen und die Antifa in den letzten 20 Jahren immer nur Jugendliche mit ihrer Ästhetik angesprochen haben. Eine wichtige Anziehungskraft der Antifa war die Straßenmilitanz, die auf sämtlichen Plakaten gehypet wurde. Vermummte DemonstrantInnen, Molli-werfende StraßenkämpferInnen oder die HeldInnen aus den Science-Fiction-Comics. Und dann erwarten die Jugendlichen, wenn sie zur Antifa kommen, daß sie Heldisches erleben. Aber!: Riots kommen nur noch in Liedern vor, Mollis gibt es nur als schlechte Cocktails in Autonomen-Kaschemmen und die einzigen Vermummten sind die zu vielen Bullen, die bei Demonstrationen übermächtig wirken. Symboliken sind im Gegensatz zu Codes mehr inhaltlich als durch Style besetzt. Obwohl auch hier keine Eindeutigkeit dem Symbol immanent ist. Ein Beispiel ist ein Gespräch des letzten Jahres zwischen dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse und VertreterInnen des Fußballvereins Roter Stern Leipzig. Während Thierse in einem roten Stern den Stalinismus symbolisiert sah, fanden es die Fußballer irgendwie links und kultig. Einige Fans in Leipzig verbinden mit dem roten Stern wahrscheinlich einfach Fußball. Und wenn der Rote Stern Leipzig Rote Fahne Leipzig getauft worden wäre, dann wäre die rote Fahne unter einigen LeipzigerInnen heute wahrscheinlich die Fahne des Fußballs. Nichtsdestotrotz wissen auch ältere AnwohnerInnen überall, was für eine Demonstration auf sie zukommt, wenn die rote Fahne ersichtlich ist. Ohne inhaltliche Verbindung ist die rote Fahne aber auch schnell nicht mehr zu verteidigen – sei es gegen „Normalos“ oder gegen „GenossInnen“, die inhaltlich woanders stehen. In einigen Symboliken werden hingegen schon Bilder vermittelt, die nicht verteidigt werden sollten, wie die Arbeiter-Faust, die einen Arbeits-Mythos alter Schule transportiert.
Ich will nicht dafür plädieren, Codes und Symboliken sein zu lassen. Erstens geht das nicht, weil sich Vermittlung auch ohne eigenes Dazutun über Bilder transportiert. Zweitens ist es meines Erachtens unmöglich, Identität zu vermeiden, weil sich diese auch innerhalb der Linken in diesem Gesellschaftssystem zwangsläufig bildet. Die eigene Identität sollte aber kritisch reflektiert werden (wie eben die der Jugendlichkeit) und nicht zum Selbstzweck auftrumpfen.
Es geht nicht darum, eine möglichst fetzige Jugendkultur aufzubauen, sondern darum, Diskurse zu prägen. D.h. es geht mehr um Inhalte als um Jugendkulturen und Codes. Kulturelle Hegemonie entsteht nicht aus der Beliebigkeit geschichtlich vergänglicher Jugendkulturen und Codes heraus. Genau dieser Jugendbewegungsmythos wurde aber in den letzten Jahren permanent neu produziert. In den 80ern hat das super funktioniert und viele Jugendliche angesprochen. Die Autonomen waren Rebellen, wie es heute die Retorten-Hardcorebands auf MTV und Viva sind, die Autonomen nahmen Drogen, wie es heute bei der Love-Parade passiert, Autonome lebten selbstbestimmt, wie es heute SnowboardfahrerInnen verkörpern und Autonome zerstießen sich mit Piercings, wie die ModeratorInnen heutiger Lifestyle-Sendungen.
Jugendliche an sich sind ebensowenig zeitlos, wie Jugendbewegungen. Und die Kulturindustrie weiß die Impulse scheinbar subversiver Jugendkulturen mittlerweile als Innovationspotential aufzunehmen, um die Bedürfnisse der KäuferInnen zu erneuern. Es müßte längst klar sein, daß es im Kapitalismus keine nicht-kommerziellen Bereiche gibt, über die Politik gelebt werden kann. Subkulturen sind der Marktlogik nicht diametral entgegengesetzt, sondern sind schlichtweg Erscheinungen, die zeitweise subversives Potential bündeln, die so revolutionär für die Kultur, wie Linux und Internet für die Computerindustrie sind. Deswegen ist die Autonomenbewegung in Nischen angekommen, genauso wie einige Antifas nur noch Hardcorekonzerte oder Fußballvereine organisieren. Wenn die Räume, die Subkulturen erkämpfen, nicht permanent politisch gefüllt werden, erwächst daraus bereichernde systemimmanente Jugendkultur. Der radikalen Linken sollte klar werden, daß die enge Koppelung an und das Hypen von Jugendbewegungen neben erhöhter Wahrnehmbarkeit eigener Positionen auch eigene zeitliche Begrenzung und Entpolitisierung bedeutet.
Zuguterletzt gibt es dann die existentiellen Notwendigkeiten, die mit dem Älterwerden den Leuten zusetzen. Während der Schule oder des Studiums haben die Leute noch Zeit. Danach wird es prekär, zumal nicht jede/r an der Uni oder in einem Projekt wie dem Conne Island eingestellt wird. MittelschulabsolventInnen bekommen schon mit 17 Jahren die tägliche achtstündige Prozedur des Arbeitens zu spüren. Der BfB, diese Scheißinstanz, tut in Leipzig mit ehrhaften SozialhilfeempfängerInnen das gleiche(5). Es ist schwer für die Radikale Linke, damit umzugehen. Einerseits ist vielen klar, daß die radikale Linke nicht permanent vom Himmel fällt, andererseits eröffnet sich daraus die fatale Logik, funktionieren zu müssen – funktionieren im Sinne dieser jetzigen Gesellschaft. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und andere Kategorien der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft werden innerhalb der Linken zumeist sehr unkritisch (das ist das eigentlich Fatale) verlangt. Diese Arbeitsmentalität auszusparen, wird innerhalb dieser Gesellschaft schwer möglich sein. Konsensprinzip, so hoch es auch zu schätzen ist, verstärkt noch die Permanenz, mit der jede Person innerhalb der radikalen Linken bei der Sache sein muß. Um mitzuwirken und zu entscheiden, muß jede Person ständig auf der Hut sein, an sämtlichen Plenas teilzunehmen. Dem entgegenzuwirken könnte durch strukturelle Diskussionen in Angriff genommen werden, wird es bisher aber nicht. Da herrscht eher Ignoranz und der zynische Umgang mit dem Verlorengegangenen. „Es ist schade aber was soll’s, wieder jemand in den Fängen der bürgerlichen Gesellschaft gelandet. Nächster Tagesordnungspunkt….“

logge

Fußnoten:
(1) Das Wort „Antifa“ wird in diesem Text zurückblickend verwendet.
(2) Dies ist kein Beitrag gegen Jugendarbeit. Übrigens im selben AAB-Text: „Wichtig dabei (Jugendarbeit; A.d.V.) ist nur, nicht aus den Augen zu verlieren, daß die Leute zwar aus verschiedenen Motivationen in die Linke kommen, aber nur durch die inhaltliche Weiterentwicklung bleiben.“
(3) Überschrift des Redebeitrages der Autonomen Antifa [M] zur „Save the Resistance“-Demo
(4) Ausnahmen gibt es, wie die Thematisierung des Rechten Konsens Mitte der 90’er (BGR) oder einige der letzten Aufrufe der AAB, die versucht haben, Antifa weiter zu entwickeln.
(5) Andererseits: Volly Tanner, der Triumphator des „Social“-Beat und „linke“ Leipziger „Pop-Ikone“, ist in diesem Verein als Marketingleiter glücklich geworden.

Quelle

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