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Vom Kampagnenheinz zur Antifa Partei

Artikel in Jungle world / 18.04.2001
Eine kurze Geschichte der autonomen Organisationsversuche.

von Ivo Bozic

Vor zehn Jahren läutete eine Debatte in der Berliner Szene-Zeitung Interim, die sich über Monate hinzog, die postautonome Ära ein. Unter dem Pseudonym Heinz Schenk und unter den Namen anderer TV-Stars wurde nicht nur ungewohnt drastische Kritik an der autonomen Bewegung geäußert. Auch ein Neuanfang jenseits traditioneller autonomer Politikkonzepte wurde gefordert. Wegen der Ablehnung jeder Organisation seien informelle, undemokratische Strukturen in der Szene entstanden, so die KritikerInnen, zudem sei das Bewegungsmodell »gesichtslos« und führe nicht zu einem kollektiven Gedächtnis. Die Autonomen seien nicht mehr als eine unverbindliche subkulturelle Jugendbewegung ohne Kontinuität und theoretische Grundlage.

»Ich bin doch kein Kampagnenheinz!« lautete ein damals viel zitierter Satz, der die Kritik an autonomer Kampagnenpolitik ausdrückte. Noch deutlicher waren Sätze wie: »Die Autonomen haben keine Fehler, sie sind der Fehler.« In Berlin gründete sich im Zuge dieser Debatte die Gruppe Für eine linke Strömung, kurz Fels, die bis heute aktiv ist. Unter anderem gibt Fels die Zeitschrift Arranca! heraus. Die Bemühungen der Arranca! um eine bundesweite Organisation scheiterten jedoch. Gleichzeitig diskutierte auch die Autonome Antifa (M) aus Göttingen über eine bundesweite Organisation linksradikaler Politik. Die AA (M), die sich bereits 1990 gegründet hatte, setzte mit schwarzen Blöcken und roten Fahnen auf autonome, aber auch auf kommunistische Symbole. Sie versuchte unter dem Antifa-Label, revolutionäre Politik populär zu machen. So entstand 1992 auf ihre Initiative die Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation (AA/BO).

Zu dieser Zeit kam es immer wieder zu gewalttätigen rassistischen Ausschreitungen in Deutschland, die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen waren die schlimmsten Beispiele. In der folgenden Debatte um das Asylrecht wurden die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern gemacht; 1993 beseitigten CDU, CSU, SPD und FDP faktisch das Asylrecht. Antifa-Politik war aus diesem Grund nicht mehr nur modern, sondern auch für traditionelle Autonome unumgänglich, schon aus Notwehr und als Schutz für AusländerInnen im Osten Deutschlands.

Wie viele andere Antifa-Gruppen schloss sich auch Fels der AA/BO an, die anders als die Autonomen auf Wiedererkennungseffekte und Öffentlichkeitsarbeit, auf Ansprechbarkeit und eine aktive Bündnispolitik setzte. Das Zeichen der AA/BO mit der kommunistischen roten und der anarchistischen schwarzen Flagge wurde schnell zu einer Marke, die bei keiner Demo oder Aktion einer AA/BO-Gruppe fehlen durfte. Aktionen wurden bundesweit zwischen den AA/BO-Gruppen abgesprochen, man mobilisierte gemeinsam zu Demonstrationen. Im Osten jedoch verzichteten die meisten Gruppen darauf, sich in der AA/BO zu organisieren, nicht zuletzt weil sie deren unkritischer Bezug auf die KPD störte.

Auch jene, die im Unterschied zur postautonomen organisierten Antifa nicht nur vom Verfassungsschutz oft als Bewegungsautonome oder Traditionsautonome bezeichnet werden, lehnten die AA/BO von Anfang an ab. Eine Organisation, in der Entscheidungen nach dem Mehrheits- statt nach dem Konsensprinzip getroffen werden, und in der es PressesprecherInnen und Jugendgruppen-AnleiterInnen gibt, galt ihnen als hierarchisch und bürgerlich. Außerdem wurde den AA/BO-Gruppen »Militanzfetischismus« und Mackertum vorgeworfen. Kulturell orientierten sich die postautomen Antifas am Mainstream, da sie Politik nicht mehr in Nischen, sondern in der Mitte der Gesellschaft machen wollten. KritikerInnen bezeichneten das als »Massenansatz«.

An einer bundesweiten Zusammenarbeit kam jedoch wegen des neofaschistischen Rollbacks Anfang der neunziger Jahre auch das AA/BO-kritische Antifa-Spektrum nicht vorbei. Alternativ zur AA/BO gründete sich das Bundesweite Antifaschistische Treffen (BAT), in dem sich Gruppen zusammenschlossen, die dem Konzept der AA/BO eine Absage erteilten. Beim BAT handelte es sich nicht um eine feste Organisation, sondern eher um ein Netzwerk. Kritik an oder eine Abgrenzung von klassisch autonomer Politik gab es dort nicht.

1995, nur drei Jahre nach der Gründung der AA/BO, trat die Gruppe Fels aus der Organisation aus. Die AA/BO war entgegen ihrer ursprünglichen Auffassung, dass Antifaschismus zwar der Motor, nicht aber der alleinige Zweck einer linksradikalen Organisation sei, über bloße Anti-Nazi-Politik nicht hinausgekommen. Außerdem wurde kritisiert, dass die meisten Gruppen der AA/BO eher an der Quantität und Öffentlichkeitswirkung von Aktionen interessiert seien denn an inhaltlicher Profilierung. Auch dass sich in der AA/BO Gruppen mit stalinistischen Positionen breit gemacht hatten, stieß auf Missfallen. In der Tat pflegte ein Teil der AA/BO ein klassisch kommunistisches Antifa-Verständnis, demzufolge der Faschismus nur eine besonders aggressive kapitalistische Herrschaftsform sei. In der Praxis beschränkte sich der Antikapitalismus der AA/BO auf die Teilnahme an obskuren ML-Veranstaltungen wie der Luxemburg-Liebknecht-Demo in Berlin.

Ende der neunziger Jahre schließlich befanden sich alle Antifa-Zusammenschlüsse in der Krise. Weder BAT noch AA/BO schafften es, ihre Strukturen auszubauen. Das BAT büßte seine Interventionsfähigkeit immer mehr ein, zuletzt waren dort nur noch wenige Gruppen organisiert. Erfolgreiche bundesweite Mobilisierungen gegen Nazi-Aufmärsche gelangen dem BAT immer seltener. Auch die AA/BO war in den letzten Jahren mehr ein Firmenlogo als eine bundesweite Organisation. Zuletzt wurde sie nur noch von einzelnen Gruppen wie der AA (M) und der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) getragen.

Als im März 1999 bekannt geworden war, dass ein AAB-Mitglied eine Frau vergewaltigt hatte, und die AAB nicht bereit war, den dogmatischen autonomen Verhaltenskodex für solche Fälle umzusetzen, distanzierten sich zahlreiche Gruppen von der AAB, einzelne verließen sogar die AA/BO. Das Bündnis gegen Rechts aus Leipzig (BgR), eine der aktivsten Antifa-Gruppen im Osten, war bis dahin im BAT organisiert, weigerte sich jedoch, die Zusammenarbeit mit der AAB zu beenden. Das BAT schloss das BgR deshalb aus.

Der Sommer des letzten Jahres, als Medien und Staat den Neonazi zum Feindbild Nummer eins erklärten, stürzte die gesamte Antifa in eine Sinnkrise. Es wurde offensichtlich, dass Anti-Nazi-Kampf in dieser Gesellschaft nicht »revolutionär« sein kann. Endet mit dieser Erkenntnis ein zehn Jahre lang praktizierter linksradikaler Politikansatz in der Sackgasse?

Den Antifa-Kongress vom 20. bis zum 22. April in Göttingen, bei dem es um die Zukunft der postautonomen Antifa gehen wird, haben die AA (M), die AAB und das BgR gemeinsam vorbereitet. Es wird damit gerechnet, dass dort der Organisationsversuch AA/BO endet. Manche reden aber auch schon von einem Neuanfang. Kommt jetzt die Antifa-Partei? Oder gibt es ein basisdemokratisches Back To The Movement? Der Kongressverlauf wird die Antworten auf diese Fragen sicher mitbestimmen.

Quelle

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