Skip to content

Antifa hat Kontakt aufgenommen

Artikel in A&K zum Antifakongress / 10.05.2001

Ein Kongressbericht

Es sollte der Auftakt für die Neuorganisierung der gesamten linksradikalen Antifaszene in Deutschland sein. Erwartungsgemäß wurde daher auf dem Antifa-Kongress vom 20. bis 22. April in Göttingen die Auflösung der AA/BO bekannt gegeben. Vom angekündigten Gründungsprozess eines neuen linksradikalen Organisationsansatzes bleibt jedoch vorerst nur eine neue Zeitschrift.
Über mangelndes Interesse konnten sich die VeranstalterInnen sicherlich nicht beschweren: Mit weit über 600 TeilnehmerInnen waren die verschiedenen Kongress-Veranstaltungen meist überfüllt, bei den Auftaktveranstaltungen mussten im großen Hörsaal der Göttinger Universität viele Anwesende sogar auf dem Boden Platz nehmen. Die Erwartungen an den Kongress waren bei vielen der Angereisten im Vorfeld hoch gewesen. Schließlich versprach das Programm viele spannende Diskussionen zu Stand und Perspektiven der antifaschistischen Bewegung und der radikalen Linken in Deutschland: „Welche Organisationsform braucht die Antifa“, „Kann Antifa mehr als eine Jugendbewegung sein?“, „Wie kann die Antifa eine antikapitalistische Praxis entwickeln?“ oder „wie sieht eine europäische Perspektive des linksradikalen Widerstandes aus?“ waren nur einige von vielen Fragen, die auf dem Kongress behandelt werden sollten.

Diese hohen Erwartungen konnte der Kongress nicht erfüllen. Dazu lagen vielleicht auch die Ausgangspunkte zwischen TeilnehmerInnen und den veranstaltenden Gruppen zu weit auseinander. Die Autonome Antifa (M) Göttingen, das Bündnis gegen Rechts (BgR) Leipzig und die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) hatten nicht weniger erhofft, als mit dem Kongress eine inhaltliche und organisatorische Neukonstituierung der linksradikalen Antifa einläuten zu können. Nicht zuletzt deswegen hatten sie gleich zu Beginn des Kongresses nach einer Auswertung des autonomen Antifaschismus der letzten 15 Jahre die Auflösung der AA/BO bekannt gegeben. Das über viele Jahre festgeschriebene Image der BO sollte einer neuen Phase linksradikaler antifaschistischer Organisierung nicht im Weg stehen.

Doch sehr schnell zeigte sich, dass auf dem Kongress kaum eine gemeinsame Diskussionsgrundlage vorhanden war, zu unterschiedlich waren theoretische Standpunkte, politische Strategien und intellektuelles Niveau der anwesenden Gruppen: Von leninistischen und maoistischen über antiimperialistische und antideutsche bis hin zu autonomen und projektanarchistischen Vorstellungen war so ziemlich alles vertreten, was sich selbst als radikal links begreift. Die Diskussionen drohten daher immer wieder, ins ziellos Beliebige abzudriften.

Konsumhaltung statt
Engagement
Während die Diskussion über eine linksradikale Neuorganisierung im wesentlichen auf ein Forum der Antifa (M) beschränkt blieb, sorgten im Publikum vor allem diejenigen Veranstaltungen für Verwirrung und Widerspruch, auf denen die ReferentInnen offen eingestanden, über keine Erfolg versprechenden Patentrezepte für revolutionäre Prozesse zu verfügen. So versuchte z.B. das von Einzelpersonen aus der AAB organisierte Forum „Macht revolutionärer Antifaschismus dumm?“ die Entwicklung linker Revolutionstheorie anhand leninistischer, kritisch theoretischer und postmoderner Konzeptionen nachzuzeichnen. Ihre These: Die Geschichte der Revolutionstheorie ist keine Durchsetzungs-, sondern eine Zerfallsgeschichte: Denn während die leninistische Revolutionstheorie noch in der Lage war, ein revolutionäres Subjekt sowie ein klares Programm für die gesellschaftliche Umwälzung zu benennen, sieht die weitaus skeptischere Kritische Theorie nur noch die Möglichkeit, in der radikalen Kritik der herrschenden Verhältnisse, also in der Negation, einen revolutionären Gehalt zu bewahren. In der postmodernen Beliebigkeit schließlich verschwindet jegliche Form von Revolutionstheorie endgültig. Obwohl die beiden Referenten diese Entwicklung revolutionärer Theorie keineswegs begrüßten, sahen sie sich doch nicht in der Lage, ihren endgültigen Zerfall z.B. über eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem Postmodernismus zu hinterfragen. Für die politische Praxis forderten sie, den Antifaschismus vom revolutionären Impetus zu befreien. So problematisch die theoretische Unentschiedenheit der beiden Referenten und ihre Schlussfolgerungen für die politische Praxis auch waren, so gehörte die Veranstaltung zumindest dem intellektuellen Anspruch nach zu den Glanzlichtern des Kongresses.

Mit Spannung war auch jene Veranstaltung erwartet worden, auf der die AAB ihren heftig umstrittenen Umgang mit Vergewaltigungsvorwürfen innerhalb der eigenen politischen Zusammenhänge zur Diskussion stellen wollte. Letztlich verlief die Diskussion weniger tumulthaft, als viele zuvor befürchtet hatten. Lediglich einige „Revolutionäre KommunistInnen“, eine dogmatisch autoritäre Splittergruppe aus Berlin, sah in diesem Forum noch einmal eine Chance, sich durch Einhacken auf die AAB als ihren langjährigen politischen Hauptfeind zu profilieren.

Als eine unglückliche Programmgestaltung erwies sich die zeitliche Überschneidung zweier Podien, die sich beide mit verschiedenartigen inhaltlichen Neuansätzen einer linksradikalen Antifa beschäftigten: Die vom BgR Leipzig zusammen mit der bundesweiten Grenzcampvorbereitung organisierte Veranstaltung sollte dazu beitragen, die jahrelange Kluft zwischen antifaschistischen und antirassistischen Gruppen zu beseitigen. Diese Hoffnung bekam auf der Veranstaltung jedoch einen Dämpfer. So entzündete sich ein Konflikt zwischen Flüchtlingsinitiativen und linksradikalen Gruppen etwa an der Frage, ob eine Einzelfallbetreuung von Flüchtlingen ein notwendiger Bestandteil einer antirassistischen Praxis sei oder als perspektivloses Abarbeiten an Symptomen begriffen werden müsse.

Streit zwischen Antifa und Antira
Viel Lob erhielt dafür die zur gleichen Zeit stattfindende Podiumsveranstaltung der AAB zur sogenannten „Antiglobalisierungsbewegung“. Markus Wissen vom BUKO-Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft nahm die schillernde Protestbewegung etwas genauer unter die Lupe und arbeitete drei unterschiedliche Strömungen heraus: Zum Ersten systemkonforme Lobby-NGOs, die über ein enormes Detailwissen über die Abkommen und Regelwerke von Weltbank, IWF und WTO verfügen, aber nur Vorschläge zu marginalen Verbesserungen an einzelnen Punkten unterbreiten. Zum Zweiten eine linkskeynesianische Strömung, die zwar den Neoliberalismus scharf kritisiert, über Forderungen nach einer staatlichen Regulierung des globalen Kapitalismus jedoch nicht hinausgeht. Zum Dritten das antiinstitutionalistische Spektrum, das klar antikapitalistisch ausgerichtet ist, jedoch oft zum theoriearmen Eventhopping neigt. Michael Heinrich, Redakteur der PROKLA, versuchte im Anschluss, einige für viele GlobalisierungsgegnerInnen typische Fehleinschätzungen zu korrigieren. Entgegen der Annahme, die Globalisierung produziere eine besonders entfesselte Form des Kapitalismus oder bedeute gar dessen finale Krise, betonte Heinrich, dass der Kapitalismus lediglich zu seiner normalen Verlaufsform zurückkehre. Der nachkriegsbedingte Wirtschaftswunderkapitalismus, der zumindest in den Metropolen keine ernsthaften Krisen kannte, Vollbeschäftigung garantierte und eine stetige Reallohnerhöhung möglich machte, sei stets nur eine historische Ausnahmesituation gewesen. Ob es mit den „Antiglobalisierungsprotesten“ gelingt, eine breite antikapitalistische Bewegung zu reorganisieren, oder ob die Proteste zum routinierten Begleitprogramm eines jeden Gipfels verkommen, bleibt abzuwarten.

Wenig Interesse an einer Neuorganisation
Weitere Veranstaltungen zu „Widerstand in der Überwachungsgesellschaft“, „Wohin entwickelt sich die BRD?“ oder „Pop-Antifa, Mainstream und linke Kultur“ ergänzten das breite Themenspektrum. Doch so informativ einige Veranstaltungen auch waren, von einem wirklichen Neuanfang linksradikaler (Antifa-)Politik kann nach dem Kongress keine Rede sein. Die KongressbesucherInnen verharrten zumeist in einer abwartenden Konsumhaltung, so dass das einzige konkrete Ergebnis eigentlich schon vor dem Kongress feststand: Eine neue Zeitschrift mit dem Namen Phase 2 soll in Zukunft die Beiträge und Debatten zum angestrebten Neukonstituierungsprozess bündeln. Ob die Zeitschrift angesichts des anhaltenden Sterbens linker Zeitungsprojekte wirklich eine dauerhafte Perspektive hat, ist allerdings fraglich.

Gemessen am eigenen Motto „Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ war der Kongress dennoch ein Erfolg. So ist es den OrganisatorInnen zumindest gelungen, eine Vielzahl an antifaschistischen Gruppen zu einer Diskussion über die politischen Perspektiven der radikalen Linken zusammenzubringen. Der Kontakt ist wieder hergestellt, was sich daraus ergibt, wird sich auf dem Nachbereitungstreffen am 14. Juli in Leipzig zeigen.

Joachim Kolb

Quelle

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*