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Das Experiment – Über den Antifakongress in Göttingen

Artikel in CEEIEH #78 / Juni 2001
Unwürdig wie es sich gehört, besiegelte der autonome deutsche Antifaschismus mitte April mit einem Kongress sein endgültiges Ende – natürlich, wie immer in solchen Fällen, ohne großartig bemerkt, geschweige denn gar bewußt proklamiert zu werden.
Ralf war dabei.
„Wichtig soll vor allem Inhalt die Beziehung zum andern sein; dazu ist dem Jargon das abgeschabte Gemeinschaftsethos der Jugendbewegung gut genug, Zensur darüber, daß weder etwas weiter reiche als die Nase des Redenden noch über die Kapazität der neuerdings so genannten Partner hinaus. Der Jargon bändigt Engagment zur festen Einrichtung und bestärkt überdies die subalternsten Redenden in der Selbstachtung: sie seien schon etwas, weil aus ihnen ein jemand spricht, auch wo er ganz nichtig ist. Die mitschwingende Weisung des Jargons, ihr Gedanke solle nicht zu sehr sich anstrengen, weil er sonst die Gemeinschaft verletze, wird ihnen auch noch zur Garantie höherer Bewährung.“
(Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, S. 15)

Wie so immer bei offenherzig gestalteten, alle und niemanden einladenden bewegungslinken Großveranstaltungen, deren wohl letzter wirklicher Höhepunkt bis auf weiteres die sagenumwobene Auflösungsveranstaltung der Autonomen, der 95er Autonomiekongress mit über 2 000 teilnehmenden Viertel-, Halb- und Vollverrückten war, ist der Ausdruck des endgültigen Endes einer linken epochalen Bewegung gerade immer der trotzköpfig-naive Versuch der letzten Übriggebliebenen, ‘trotz alledem’ und zwar gerade ‘jetzt erst recht’ durchstarten zu wollen, wo der Lokomotive der Geschichte zwar gemäß Produktivkraftentwicklung nicht mehr der Dampf ausgegangen ist, dafür aber der Kontakt als Vorbedingung der Bewegung verloren ging. Entsprechend der blöden Metapher der Hip Hop-Gruppe Freundeskreis – „Leg Dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ – horcht und horcht man umso vehementer, wo denn diese verdammte Lokomotive bloß sei, die zumindest in die Richtung von Revolution düsen könnte. Daß diese scheiß Zugmaschine nicht ausfindig zu machen ist, erklärt sich, mit nötigem Abstand, recht einfach: Man verwechselt bei der Bewegungslinken grundsätzlich den komplizierten Schienenstrang des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft mit den Strängen von Modelleisenbahnen.
Unter den Bedingungen dieser grundsätzlichen optischen Täuschung trafen sich Mitte April diesen Jahres in Göttingen die Reste und Rümpfe, viele Freunde und wenige Feinde des autonomen Antifaschismus, um der Sache auf die Schliche zu kommen, warum man inzwischen gar schlechter als der Interessenverband von Modelleisenbahnern funktioniert. Das selbstverräterische Motto des sogenannten Antifakongresses, „Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“, verweist ungewollter Weise auf den selbsttherapeutischen Ansatz, der dem Kongress zu Grunde lag. Und so teilte dann auch gleich das Leipziger Bündnis gegen Rechts (BgR) im Eröffnungsreferat des Kongresses der kleinen Antifa-Welt seine Wehwehchen mit und bat alle Anwesenden um therapeutische Unterstützung – um „Organisierung“. Unangenehm von soviel Betroffenheit berührt, die vom BgR allen ernstes als „linksradikale Politik“ tituliert wurde, brannten gleich im Anschluß an das Referat einer Genossin der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) die Sicherungen durch. Kurz davor, den beiden Referenten an die Gurgel zu gehen, fragte sie wutenbrannt, ob das BgR auch noch andere Probleme unter dem Label linksradikal fassen würde, außer betroffen zu sein und sich wehren zu müssen.
Komisch war die Reaktion der Genossin insbesondere deshalb, weil das BgR dermaßen wirres Zeug zurechtstammelte, daß selbst bei aller Liebe zum Detail nicht nur eine einigermaßen stringente Diskussion im Anschluß schier unmöglich wurde, sondern auch nicht mal im Ansatz klar war, was in dem Referat nun überhaupt für ein Standpunkt bezogen wurde: ein Brei von allem möglichen und unmöglichen Sinn und Unsinn, der, kräftig verrührt, wahrscheinlich nur zustande kommen kann, wenn man sich ohne größere Bemühungen mir nichts dir nichts die Welt zurechinterpretiert, ohne auch nur im entferntesten sich Begriffe von den Dingen zu machen, die Gegenstand des Referates waren oder zumindest sein sollten. Inhaltlich glich das Referat einem Futtertrog, aus dem man sich herauspicken sollte, was man denkt darin zu finden. So kam unter anderem die alte aufgewärmte Brühe des Triple Oppression-Ansatzes zu neuen Ehren, obwohl gleichzeitig dann doch „irgendwie“ (O-Ton) eine gesellschaftliche Totalität – von was auch immer – vorherrsche. Darüberhinaus, so weiter im Referat, stünden alle möglichen und unmöglichen Herrschaftsverhältnisse als selbständige „Ordnungsmodelle“ schon für sich allein in der Gesellschaft, aber wiederum auch nicht, weil sie mit allem möglichem und unmöglichem verzahnt seien und zusammenhängen würden. Und überhaupt sei das Problem zwar schon der Kapitalismus selbst aber eigentlich auch wieder nicht, sondern vielmehr, daß er „immer noch“ Probleme, Hierarchien und Ungerechtigkeiten hervorbringe.
So blendend selbst vorgeführt, woran der autonome Antifaschismus zu Grunde gegangen ist, nämlich nicht etwa an der falschen Gesellschaftskritik, sondern wegen der fehlenden, nicht vorhandenen, nahm das Kongress-Drama seinen nicht gerade überraschenden Lauf. Hatten es doch die Göttinger Antifa M und das Leipziger BgR bravourös geschafft, jegliche kritischen Stimmen und Positionen auf dem Kongress außen vorzulassen. Einzig die AAB war sich – im Gegensatz zu den beiden anderen veranstaltenden Gruppen – bewußt, daß sie nicht allzuviel zum Thema zu sagen hat, und lud deshalb lieber Referenten – wenn auch nur strikt wohlgesonnene – ein: so den Ex-Grünen Thomas Ebermann zum Thema deutsche Spezifik und den Herausgeber der Prokla, den Fleißarbeiter Michael Heinrich („Die Wissenschaft vom Wert“), der, nicht zu Unrecht, insbesondere in Antifa-Kreisen beliebt ist, weil er ein vorzüglich gesammelter Referent ist, dem in seinen Ausführungen zu folgen fast schon verdächtig leicht fällt.
Daß der autonome Antifaschismus als linskradikales Konzept an seinem endgültigen Ende angekommen ist, ließ sich auf dem Kongress gerade dadurch begreifen – wenn man wollte –, daß die einsamen Kader insbesondere vom Leipziger BgR, sich redlich mühten, ja nichts offen zu gestalten, sondern die Ergebnisse schon vorweg zu nehmen. Wer nicht blöd oder naiv ist, bemerkte natürlich, was dahinter steckt: das Bewußtsein, daß alles vorbei ist, das man aber gerade deshalb verdrängen will. Genau jenes aber verschließt sich immer reflexartig der Offenheit. Das ist menschlich durchaus nachvollziehbar und akzeptabel, führt aber hier zu jener kollektiven Selbstherrlichkeit, gegen die kein Kraut gewachsen zu sein scheint, weil es die Selbstzurichtung, die Abdichtung gegenüber der Realität ist. Und es steht gar zu vermuten, daß das ausgerufene Zeitungsprojekt namens Phase 2 als unglaubliche überhöhte Selbstdarstellung und anmaßende Frechheit nicht zufällig gerade deshalb den Untertitel „gegen die Realität“ tragen soll. Wäre nämlich wenigstens jener Funke Realitätssinn ausgeprägt, so wäre sonnenklar, daß man es mit solchen herausgebenden Gruppen wie Antifa Bonn-Rhein-Sieg, Antifa M und BgR Leipzig bei allem Respekt über kurz oder lang nicht mal zur Klolektüre in Antifa-WGs schaffen wird, weil diese Gruppen für alles stehen, nur nicht für ernsthafte linke Gesellschaftskritik. Aller Wahrscheinlichkeit nach spekuliert man darauf, daß man unter den potentiellen Abonnenenten nur welche hat, die mit aktionistischer Blindheit geschlagen sind, vor denen man sich dann als Einäugige unter Blinden produzieren könnte. Doch diese Rechnung wird, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, in dieser Form nicht aufgehen. Wo dieses Zeitungsprojekt aber tatsächlich eine Lücke füllen könnte, ist da, wo früher das Antifa-Infoblatt anzusiedeln war. Jenes Blatt hat sich nun selbst und endgültig seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt und ist – wie es ein Genosse letztens im Gespräch feststellte – endgültig zum Kirchenblatt geworden. Die tragödienhafte Wiederholung am Ende einer jeweils linken Epoche, welche zumindest auch der Versuch vom autonomen Antifaschismus war, den Ausweg aus der eigenen Agonie mittels Publikation zu finden, ist ein linkes Trauerspiel, dessen sich nur jene naiv hingeben, die ohnehin das eigene Versagen kaum reflektieren, sondern die Schuld in erster Linie bei den anderen suchen. Geschichtlich gesehen ist das Zeitungsprojekt Phase 2 eine bodenlose Frechheit, die auch nicht damit in Gänze entschuldigt werden kann, daß die konstituierte Redaktion unglaublich naiv zu sein scheint. Wer allen Ernstes mit der Kampfparole „Für eine linksradikale Zeitschrift!“ hausieren geht, leidet an gefährlichem Größenwahn, der zumindest, und das ist wiederum das Glück im Unglück, die Plumpheit des ganzen Unterfangens so besser nicht selbst vorführen könnte. Und dennoch: zur Strafe sollte man ihnen ein Wochenendseminar in linker Zeitungsgeschichte verordnen. (1)
Man mußte sich zeitlebens nie explizit zum Konzept des revolutionären Antifaschismus bekennen, um sich von der vom Begriff ausgehenden Dummheit erfassen zu lassen. Das ist höchstwahrscheinlich auch das Mißverständnis des BgR, das wohl in der Annahme schwelgt, bisher von den verblödenden Auswirkungen des Konzeptes vom revolutionären Antifaschismus verschont geblieben zu sein, weil es nie ein explizites Bekenntnis dazu abgab.
Ohne Frage war die Veranstaltung von Einzelpersonen aus der AAB auf dem Antifakongress unter dem Titel „Macht der revolutionäre Antifaschismus dumm?“ oder, wie es, entsprechend anderer offizieller Ankündigungen, wohl treffender hieß: „Wie dumm macht der revolutionäre Antifaschismus?“, das Highlight schlechthin. Das mußte sogar der traditionell bewegungsverliebte ak (analyse und kritik) zugestehen, der damit unfreiwillig alle anderen Veranstaltungen des Kongresses abwertete. Nicht zufällig wurde diese Veranstaltung allerdings als ein „getarntes Philosophieseminar“ (Klarofix, monatliche Leipziger Autonomenpostille) denunziert. Denn wem grundsätzlich die Jacke näher ist als die Hose, ist auch nicht in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen, was hier nichts anderes heißt, als nicht zu begreifen, daß beides nun mal zusammen gehört, wenn es um linke Gesellschaftskritik und -analyse geht.
Das einzige, was den letzten Mohikanern des revolutionären Antifaschismus bleibt, ist das, was ihnen zum Verhängnis geworden ist: ihre Liebe zu den aktionistischen Massen der Bewegung – der Massenfetischismus. An ihm ergötzt man sich im Zweifelsfall. Und so taugen rund 600 Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer gut und gerne dafür, an sich und die richtige Sache fest genug zu glauben. Noch gekrönt vom Interesse an einer Neuorganisierung von sage und schreibe 25 Gruppen, ist das ganze typische Arsenal in Stellung gebracht: so wird man qua Masse immer zum Sieger über die eigenen leisen Selbstzweifel, die die letzen Kader des revolutionären Antifaschismus durchaus ums eine oder andere Mal beschleichen. Wen stört es da, daß 2/3 aller beim Kongreß die obligatorischen antiintellektuellen blindwütigen Aktionisten und Bekloppten sind, von denen sich die meisten wohl in genau jenen 25 Gruppen tummeln. „Kollektivität als blinde Wut des Machens“, so nannte es Adorno in der Minima Moralia in seinem Aphorismus sur l’eau und stellt damit auf das ab, was der Begriff des revolutionären Antifaschismus vom historischem Grunde her verschüttet: die Ohnmächtigkeit gegenüber den bürgerlichen Verhältnissen, deren Bewußtwerdung erst jenes Leiden offenlegen kann, aus dem dann Leidenschaftlichkeit für das Ringen um Befreiung erwächst. Und nicht umsonst hat Marx Kritik und Leidenschaft zusammengedacht, wenn er feststellte, daß „Kritik nicht die Leidenschaft des Kopfes (ist), sondern der Kopf der Leidenschaft.“
Das Dilemma fehlender Gesellschaftskritik offenbarte insbesondere eine Kongressveranstaltung, wo der unglaublich gefährliche Versuch der „Fusion“ von Antifa und Antira diskutiert wurde. Eine Frau aus „Antira-Zusammenhängen“ brachte da in ihrem Referat auf den Punkt, was linke Betroffenheit von radikaler Kritik der Verhältnisse unterscheidet. Im jammernder moralisierender Form beklagte sie, was das denn hier für eine Gesellschaft wäre, wo Waren zwar ungehindert nach Deutschland dürften, Menschen hingegen aber nicht. Symptomatisch wurde dort vorgeführt, wie das eigene Denken den kritischen Gehalt einbüßt, wenn man in die Falle der bürgerlichen Ideologie tappt und Menschen und Waren fein säuberlich auseinanderdividiert: würde die Antiraszene grundsätzlich ein Begriff von bürgerlicher Gesellschaft haben, wo der Mensch eben nur als variable Ware zählt, dann würde sich der konstitutive gefährliche Betroffenheitskitsch wie von selbst erledigen.
So aber kann einem nur angst und bange werden, wenn eine Gruppe wie das BgR nun großspurig ankündigt, sich diesen Sommer in die Schar derer einzureihen, die das für mehrere Tage stattfindende linke antirassistische Stanford Prison Project des Zusammenlebens auf dem Rücken der Migranten und Flüchtlinge unter dem Begriff „antirassistisches Grenzcamp“ durchführen. Und Experiment ist hier nicht etwa Polemik, nein, es ist ernstlich Selbstverständnis der Camper. So heißt es tatsächlich im Ankündigungsfaltblatt für das 4. Camp in der Umgebung des Frankfurter Flughafens: „Erneut soll das Camp ein spektakuläres Experiment sein.“
Zumindest das Experiment Antifakongress, so kann man konstatieren, ist zum Glück gescheitert – auch wenn das unsere aktionistischen Genossinnen und Genossen aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus – wie immer – erst ein wenig später merken werden, weil der Wunsch ihnen jener Vater des Gedankens ist, wo sich die ödipalen Verhältnisse nur so halluziniert werden, um an sich selbst ganz fest glauben zu können.

(1) Im übrigen sind diese kritischen Zeilen schon wieder der Garant dafür, daß das sichere Scheitern des neuen Zeitungsprojektes eben nicht als selbstverständliche Totgeburt begriffen wird, sondern, in guter alter Tradition, wohl dadurch als gescheitert betrachtet, weil es durch solche Arschlöcher wie mich nicht solidarisch unterstützt wurde, sondern auf ganzer Linie gedisst. Darauf läßt sich gut und gerne wetten.

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