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Antifa-Kongreß – wohin?

Diskussionsbeitrag im Wildcat-Zirkular Nr. 59/60 – Juli/August 2001

Vom 20. – 22. April fand in Göttingen ein Antifa-Kongreß statt, auf dem wir ein Flugblatt verteilt haben, dessen zentrale Thesen wir im folgenden nachdrucken (das komplette Flugblatt findet ihr auf www.wildcat-www.de, eine überarbeitete Fassung der Thesen zu Sozialstaat und Migration in diesem Zirkular). Nun ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass im Wildcat-Zirkular eine Auseinandersetzung mit dem Antifaschismus zu lesen ist – ganz im Gegenteil: die Kritik des Antifaschismus ist seit der ersten Nummer des Zirkulars kein geringer inhaltlicher Bestandteil unserer Diskussion. Im Kern ging es dabei immer wieder um drei Stränge, die auch der rote Faden für das Flugblatt waren:

der Antifaschismus als »Politisierungsfeld« für jüngere Leute, aber auch als »Politikfeld« für Ältere: immer wieder wird die Lust auf Veränderung, die Wut auf die Verhältnisse in das antifaschistische Politikverständnis kanalisiert.
der Versuch, diese »Kritik der Politik« inhaltlich zu machen: historisch als Kritik von »Volksfrontkonzepten«, aktuell ist der Antifaschismus eine der letzten ideologischen Säulen der demokratischen Verschleierung der Ausbeutung.
dagegen die Frage nach Praxis und Organisierung als Prozeß sehen, an dem viel mehr Menschen beteiligt sein werden, als sich auf so einem Kongreß die Frage nach der Organisierung stellen. Prozesse, die wir nur greifen können, wenn wir von einer aktuellen Untersuchung der Ausbeutung und den Kampf dagegen ausgehen.
Ungewöhnlicher als die Diskussion um antifaschistische Ideologie und Praxis ist aber doch die Teilnahme oder zumindest der »kritische Besuch« eines dreitägigen Kongresses. Die Ankündigung der Auflösung der AA/BO hat sicher eine Rolle gespielt, aber nicht in dem Sinne, schadenfroh dieser Auflösung beiwohnen zu wollen. Uns ging es darum mitzubekommen, wie diese Auflösung von den anwesenden Leuten diskutiert wird, ob es die Möglichkeit gibt, mit den oben kurz skizzierten inhaltlichen Punkten mit Leuten »in Kontakt zu kommen« (um das Motto der Veranstaltung mal aufzunehmen). Die Chance hierzu schien uns gegeben. »Der Antifaschismus als linker Schutzwall der Demokratie« (aus dem Flugblatt) bringt für nicht wenige die Erfahrung mit der »Staatsantifa« auf den Punkt: die Auflösung der AA/BO, das Bedürfnis, dies als Ausgangspunkt einer neuen Diskussion um Antifaschismus oder Kapitalismuskritik zu nehmen, hat wenig bis nichts mit der Kritik am Antifaschismus zutun, sondern ist vor allem Ausdruck der Erfahrung, dass die eigene doch so radikale Politik in »Abgrenzungsprobleme« gegenüber der aktuellen Politik des Staats kommt.

Was ist nun aus der Auflösung der AA/BO, bzw. der Neubestimmung der Antifa geworden?

Was sagen die Initiatoren des Kongresses zu dieser Frage? Ein Blick in die Auswertungspapiere (auf www.antifakongress.de) läßt eine nüchterne bis enttäuschte Einschätzung durchblicken: die erhoffte »Initialzündung« aus der Auflösung der B0 hat noch nicht zu einem organisatorischen Neuanfang geführt.

Erklärt oder begründet wird das mit den Schwierigkeiten, die es mit den beiden angebotenen Ansatzpunkten für solch eine Neubestimmung gegeben hat:

1. das Zusammenkommen mit der antirassistischen Bewegung

2. der Bezug auf die Antiglobalisierungsbewegung

Tatsächlich ist zu kritisieren, dass eine Neubestimmung der eigenen Politik über ein Zusammenkommen oder eine Addition von unterschiedlichen Politikfeldern zustande kommen soll: Inhalte sind dann nur funktional bestimmt, dienen dazu, die Breite für das nächste Organisationsprojekt auszuloten. Insofern trifft die im Flugblatt geführte Kritik. Vorstellungen von Politik und Kapitalismus, die immer wieder zu einer Aufteilung in »Politikfelder« führen, werden nicht wirklich hinterfragt, stattdessen kommt es zu ideologischen Gegenüberstellungen:

Das Zusammenkommen mit der antirassistischen Bewegung wird deshalb als schwierig erachtet, weil die Zusammenarbeit vieler antirassistischer Gruppen mit (halb)staatlichen Institutionen sich mit dem antifaschistischen Selbstverständnis einer »Nichtteilnahme am demokratischen System« nicht verträgt. Hier wird von der eigenen Praxis abstrahiert (Bündnispolitik) und den eigentlichen Fragen aus dem Weg gegangen.

Ähnlich wird der Bezug auf Antiglobalisierungsbewegung problematisiert, indem (zurecht) Tendenzen innerhalb dieser Bewegung kritisiert werden, den Kapitalismus nur reformieren zu wollen.

Anstelle solcher Gegenüberstellungen sollte es um eine Diskussion über die hinter diesen »Politikfeldern« liegenden Vorstellungen gehen: gemeinsam ist allen die Aufteilung der kapitalistischen Gesellschaft in »ideologische«, »soziale« und »ökonomische« Probleme. Und damit bin ich bei der Frage, was uns der Kongreß gebracht hat – dranbleiben! Wir müssen genauer rüberbringen können, was die Kritik dieser Trennungen theoretisch/praktisch bedeutet. Und wir müssen sie auch in der Form und in der Sprache verständlicher machen:

Es ist durchaus wahrgenommen worden, dass »wir« mit einem inhaltlichen Flugblatt präsent waren. Aber unsere Weigerung, bei dem organisatorischen Geklüngel mitzumachen, und unser Anliegen, mit Leuten zusammenzukommen, die eine »neue Praxis« aus einer inhaltlichen Auseinandersetzung entwickeln wollen, ist nur halb verstanden worden:

»(…) Welche Rolle spielt die Ökonomie bei den kritisierten Prozessen? Warum ist der Staat und die offizielle Politik keine Instanz, an die appelliert werden sollte? Und wo neigt eine radikale Kritik zur Vereinfachung der Verhältnisse? Neben diesen bereits im Vorfeld des Kongresses angestrebten Überschneidungen gab es aber auch ein weitergehendes Interesse anderer linksradikaler Ansätze an den Wegen, die eine Antifa-Bewegung einzuschlagen gedenkt, wenn sie ihr angestammtes Themenfeld erweitern will. So äußerten sich beispielsweise die Ökoli und Wildcat zu den Vorhaben des Kongresses in eigenen Papieren, ohne allerdings an einer direkten Zusammenarbeit Interesse zu signalisieren.« (aus einem Papier des »Bündnis gegen Rechts / Leipzig« in der Klarofix 5/2001)

Keine einfache Aufgabe, aber zumindest sollten wir es hinbekommen, nicht in einem Atemzug mit der Ökoli genannt zu werden.

 Quelle

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