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Das Bundesweite Antifa Treffen

Artikel in AIB / 13.10.2002

Ein Rhythmus – zwei Akkorde – drei Slogans:

Wenn Protestbewegungen »Organisation« und Organisationen »Politik« nur absondern, um Restprobleme zu lösen, wie einmal ein Bielefelder Soziologe meinte1, dann hat man schon einen recht guten Hinweis auf die Schwierigkeiten bekommen, die die »Organisierungsdebatte« Anfang der Neunziger begleiteten.
Es ging um genau jene »Restprobleme« – geteilte Vorstellungen, eine gemeinsame Praxis – die sich erst mit der Frage der »Organisierung« verbanden, als die Krise der autonomen Bewegung offenkundig wurde. Davor nicht über dieses Thema gesprochen zu haben, war kein Denkfehler der Autonomen, es war der typische Ausdruck einer Politik, die ohne Atempause »voran« ging. Und wo es voran geht, treten Differenzen in den Hintergrund. Wo organisiert wird hingegen, ist die Krise der gemeinsamen Vorstellungen nicht fern. Die »Organisierungsdebatte« und der Ort, an dem sie letztlich stattfand – die Antifabewegung – waren somit deutliche Hinweise auf die politische Defensive der Linken, ein Beweis für die Grenzen des autonomen Bewegungsmodells, das auch an der bis dato beispiellosen Freisetzung rassistischer und faschistischer Gedanken und Taten in Deutschland zerschellte.

Ein Angebot zur Überwindung dieser lähmenden Situation stellte die »Organisierungsdebatte« dar. Der Begriff der politischen und dann organisatorischen »antifaschistischen Einheit« folgte dabei weitgehend auf die Vorstellungen, die die Autonome Antifa (M) in ihrem 1991 veröffentlichten Diskussionspapier entwickelt hatte. Die AA/BO war in dieser Kritik am Bewegungsmodell als Resultat bereits vorweg genommen: Als eine Organisation, in der die politischen Fehler der Autonomen, ihre Unverbindlichkeit, ihre »Ghettomentalität«, ihr »beschränkter« Blick aufgehoben werden sollten. Die zum Teil massive Kritik aus der autonomen Restszene ist bekannt, Kritik aus der Antifabewegung hingegen kam selten.

Dort wurden die Vorschläge zum Aufbau gemeinsamer bundesweiter Strukturen zunächst begrüßt, was vor allem damit zusammen hing, dass »Antifaschismus« an sich bereits ein defensiv ausgerichtetes Themenfeld darstellt, die Frage der Organisierung unter dem Blickwinkel der Abwehr von Faschismus also immer schon einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Konflikte, die letztendlich zu einem zweiten Organisierungsansatz führten, traten erst später auf. Ihr Kern waren weder die konkrete Orientierung am Thema Antifaschismus noch die Einschätzung der politischen Situation, sondern das organisatorische Gewand, hinter dem sich die oft ähnlichen Inhalte verbargen.

Organisation vs Organisierung

Somit war das Bundesweite Antifa Treffen (BAT)2 Abgrenzungsprojekt und »alternative Version« zugleich. Es entstand zwei Jahre nach dem Beginn der »Organisierungsdebatte« und ein Jahr nach der Gründung der AA/BO. Der Kern der Gründungsgruppen hatte sich bis dahin an der Diskussion um eine bundesweite Organisierung beteiligt und die meisten inhaltlichen Eckpunkte mitgetragen. Das BAT war die Konsequenz einer Richtungsentscheidung zwischen »Organisation« und »Organisierung« – trotz grundsätzlich geteilter politischer Einschätzungen und trotz des geteilten Bedürfnisses, gemeinsame Strukturen auszubilden.

Faktisch nahm es damit eine Zwischenstellung ein. Einerseits sollte es diejenigen sammeln, die dem Konzept der AA/BO ablehnend gegenüber standen, andererseits verstand es sich als offenes Forum, an dem auch Gruppen aus der AA/BO teilnehmen konnten und lange Zeit teilnahmen. Dies – und die Tatsache, dass das BAT nicht im entferntesten so viele Papiere und Konzepte hinterließ wie die AA/BO – macht die Bewertung des Ansatzes entsprechend schwierig. Offenkundig wurden die entscheidenden Differenzen erst im Streit um die Gründungserklärung der AA/BO. Auch hier zeigte sich, dass es weniger um Einschätzungen der politischen Situation ging, als um die Art, in der einzelne Gruppen ihre Vorstellungen intern durchsetzten. Weniger standen Fragen der »Verbindlichkeit« und »Kontinuität« im Vordergrund, an denen die einen weniger und die anderen mehr interessiert waren, als die Frage der Form und Ausrichtung der angestrebten Organisierung.

»Gemeinsamkeit« bedeutete also Unterschiedliches. Mit der Gründung der AA/BO sollte es darum gehen, die autonome Restszene in einem gemeinsamen Projekt auf »antiimperialistischer« Basis zu organisieren, im Vordergrund stand die »antifaschistische Einheit« linksradikaler Gruppen. Die KritikerInnen hingegen legten ihren Schwerpunkt vor allem auf die Vernetzung und gemeinsame Diskussion von antifaschistischen Gruppen. Weil es um mehr ginge als darum, die Autonomen ins nächste Jahrzehnt zu retten, wie es ein Kritikpapier formulierte, müsse die Perspektive darin bestehen, auf andere gesellschaftliche Gruppen zuzugehen und sie einzubinden. Ausgangspunkt aller Organisierungsversuche sei damit nicht die »Einheit«, sondern die Akzeptanz von Unterschieden, die sich in einem gemeinsamen Prozess zusammenfügten.

Ähnlich beschrieb es auch das Selbstverständnis des BAT, das die Begriffe »Diskussion«, »Vernetzung« und »Offenheit«, den Willen zur Annäherung über einen konkreten Organisierungsansatz stellte. Dieser bewusste Verzicht auf »Einheit« hatte strukturelle und inhaltliche Konsequenzen. So entstand mit dem BAT nicht nur das deutlich weniger exklusive Organisierungsmodell, es eignete sich allein schon deshalb nicht für den Versuch, »linksradikale« Politik zu entwickeln oder einen Schwerpunkt auf die Durchführung gemeinsamer Kampagnen zu legen, wie sie für die AA/BO zur prägenden Politikform wurden. Andererseits begründeten gerade die Offenheit und Voraussetzungslosigkeit zunächst die eigentliche Stärke des Ansatzes, an dem sich zeitweise bis zu 50 Gruppen beteiligten.

Der AG Ansatz

Das BAT sprach gleichermaßen Gruppen an, die schon aufgrund ihrer inneren Struktur nicht die Anforderungen der Mitgliedschaft in einer Organisation erfüllten, Gruppen, die eine offene Auseinandersetzung führen wollten aber auch Gruppen, deren vorrangiges Bedürfnis darin bestand, Kontakte herzustellen. Die formale Entsprechung dieser unterschiedlichen Bedürfnisse war das AG-Prinzip, das die halbjährlichen Treffen prägte. Sollten in den AG’s praktische Fragen geklärt, Informationen ausgetauscht und inhaltliche Probleme diskutiert werden, wurden an dieser Stelle jedoch recht bald auch die Schwächen des Ansatzes deutlich.

Der Konsens lautete, die unterschiedlichen Formen des Widerstands gegen Rassismus und Faschismus und die Widersprüche zwischen einzelnen Positionen zunächst zu akzeptieren und die gleichberechtigte Zusammenarbeit von parteiunabhängigen Gruppen zu intensivieren, deren Ziel der Kampf für eine Gesellschaft ist, in der alle Menschen die selben Rechte und Chancen haben. Diese Vagheit, deren Ausdruck eben auch der bewusste Verzicht auf ein Programm war, begründete das Spannungsverhältnis, in dem sich das BAT befand. Charakteristisch wurde die dauerhafte Einforderung inhaltlicher Diskussionen. Zwar sei, so hieß es bereits 1995, das Ziel der Vernetzung erreicht, die (inhaltlichen) Ansprüche an Organisierung hingegen nur ungenügend formuliert.

Der aktuelle Zustand des BAT drohe mangels gemeinsamer Perspektiven in voneinander losgelöste Arbeitsgruppen zu zerfallen. Damit war die reale Situation recht genau beschrieben. Während sich manche AG ohne Kontinuität, in ewig wechselnder Besetzung nach dem Zufallsprinzip zusammenfand, entwickelten sich aus anderen AG’s feste Zusammenhänge, die zunehmend unabhängig vom BAT arbeiteten. Gleichzeitig setzte die dauerhafte Neuzusammensetzung der Treffen der Festlegung auf Positionen enge Grenzen. Auch der Umgang mit diesem Dilemma war oft pragmatischer Natur. So setzten sich faktisch meist Positionen durch, die zum offensiven Umgang mit der eigenen Inhaltslosigkeit rieten und das BAT als reinen Ort des Informationsaustauschs definierten.

Darin schwang die Ahnung mit, dass jeder Entwurf einer Plattform die heterogene Zusammensetzung des BAT schlichtweg gesprengt hätte. Die Bedürfnisse junger Gruppen nach Unterstützung, großstädtischer Gruppen nach bundesweiter Vernetzung, kleinstädtischer Gruppen nach lokaler Zusammenarbeit, mancher Gruppen nach gemeinsamen Inhalten, anderer Gruppen nach gemeinsamer Praxis – all diese unterschiedlichen Ansprüche mussten in einer Struktur, die gar nicht als Organisation konzipiert worden war, miteinander versöhnt werden. Dies gelang selten und so spiegelte sich im BAT ein Spagat zwischen inhaltlicher Vertiefung und personeller Vielfalt wider, in dem sich die fehlenden inhaltlichen Vorgaben, gedacht als Vehikel für einen Organisierungsprozess, zunehmend als Bremsklotz erwiesen.

Manifest wurde jene strukturelle Unfähigkeit zur Auseinandersetzung gerade am Thema Sexismus. Die Debatte mit ihrem konkreten Hintergrund begleitete eine Vielzahl von Treffen, führte aber in ihrer Sprachlosigkeit zu Spaltungen und dem Rückzug von Gruppen, ohne dass es gelungen war, irgendeinen Konsens zu schaffen. Die Art der Auseinandersetzung stärkte das BAT nicht, sie beschleunigte seinen Niedergang. Auch die Wortlosigkeit, die diesen Niedergang begleitete, dokumentierte, dass »Offenheit« oft größtmögliche Unverbindlichkeit bedeutete.

Zurück auf  los?

Was einem trotz aller Unterschiede zwischen den beiden Organisierungsansätzen nicht erspart bleibt, ist der Blick auf ihre Gemeinsamkeiten. Zwar integrierte der eine Ansatz Momente der Autonomen in eine Organisation, die mit autonomer Politik nicht mehr viel zu tun hatte, während der andere Ansatz politisch die enge Welt der autonomen Szene verlassen wollte, um organisatorisch in ihr verhaftet zu bleiben. Entscheidend für die Krise, die beide Ansätze betrifft, sind aber die inhaltlichen Grundlagen, auf denen sie sich bewegten. Hier zeigen sich erstaunliche Analogien, denn letzten Endes unterschieden sie sich kaum in ihrem Verständnis von Faschismus und »revolutionärem« Antifaschismus.

Beide bezogen sich in unterschiedlicher Deutlichkeit auf die autonomen Theorieversatzstücke der achtziger Jahre und waren auf ihre Art mit Ansprüchen überfrachtet. Die AA/BO erschien dabei oft lediglich als eine systematischere Version der konturlosen anderen »Fraktion«. Faktisch wurde das Dilemma der gesamten Antifabewegung in der AA/BO also lediglich augenfälliger als anderswo, während im BAT allein die Struktur garantierte, dass vorhandene Probleme nur zufällig oder gar nicht zur Verhandlung kamen. Wenn die Auflösung der AA/BO – wie behauptet – Ergebnis einer inhaltlichen Auseinandersetzung war, dann gründete sich die Krise des BAT darauf, dass es diese inhaltlichen Auseinandersetzungen kaum gab.

Diesem Problem wird sich jede noch folgende Diskussion um Organisierung stellen müssen, die sich nicht in der weitgehenden Ausblendung von Inhalten oder der blinden Orientierung auf Organisation verstricken will. Es käme statt dessen darauf an, Strukturen des Streits zu entwickeln und den Widerspruch zwischen theoretischen Ansprüchen und praktischen Bedingungen auszuhalten, ohne ihn akzeptieren zu müssen. Die wirkliche Funktion einer bundesweiten Organisierung – und damit wäre man im gewissen Sinne wieder am Ausgangspunkt – besteht also weniger darin, eine Praxis zu entwickeln, die Unterschiede einebnet oder ein Programm zu verordnen, das umgesetzt wird als darin, Stichwortgeberin zu sein, Auseinandersetzung zu initiieren, für die politische Praxis einen Background gegenseitiger Bezugnahme darzustellen. Diesen Kriterien genügten beide Ansätze nicht – weder inhaltlich noch formal. Was bleibt, sind Restprobleme – von erheblicher Bedeutung.
1. Luhmann, nicht Heitmeyer!
2. Lange Zeit blieb der Name »BAT« ein Arbeitstitel. Unter Mitwirkenden, die starken Wert auf die Abgrenzung zur AA/BO legten, kursierte auch das Kürzel »B1«.

Quelle

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