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Die Antifaschistische Linke Berlin – Zukunft und Perspektiven

Von Antifaschistische Linke Berlin in Arranca (2003)
Die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) ist eine Gruppe, die aus der Trennung der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) Anfang des Jahres hervorgegangen ist. Unser Interesse ist nicht, die verschiedenen Gründe noch einmal aufzuarbeiten – diese lassen sich in den Stellungnahmen zur Trennung nachlesen (www.antifa.de) – sondern nach den Perspektiven der weiteren Politik der ALB und ihrem Selbstverständnis zu fragen.

Intro
Die Perspektiven, die wir als Gruppe entwickeln, entstehen vor dem Hintergrund der Erfahrungen von ca. zehn Jahren antifaschistischer Bewegungspolitik. Unser Selbstverständnis und unsere Perspektiven ergeben sich aus der Reflexion der bisherigen politischen Arbeit, der Analyse bestehender politischer Verhältnisse, dem Herausfiltern der positiven Bezugspunkte und dem Versuch, sich die gemachten Fehler weder schön zu reden, noch voller Lethargie in ihrer Betrachtung zu versinken.

Perspektive Antifa
Die AAB ist vor zehn Jahren als explizit praxisbezogene Gruppe angetreten. Ziel der Politik war es, Räume für die radikale Linke zu öffnen. Adressatin sollte eine breite Öffentlichkeit, gerade auch außerhalb der eigenen Szene, sein. Erfolgreich waren wir damit an den Punkten, an denen es uns gelang, in die öffentliche Debatte einzugreifen und Diskussionen zuzuspitzen. Die bundesweite Organisierung im Bereich Antifa stellte über einen langen Zeitraum die Perspektive linksradikaler Politik für uns dar. Wir versuchten, existierende antifaschistische Gruppen unter einem Dach zu vereinen und erhofften uns dadurch die Möglichkeit, aus dem Nischendasein der radikalen Linken hervorzutreten. Was gelang war, dass Antifa bald mehr war als nur gegen Nazis zu sein und dass sie für einige Jahre zur wichtigsten linksradikalen Bewegung wurde, mit der sich gerade aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse im »wiedervereinigten« Deutschland viele junge Leute politisierten. Was nicht gelang war, die Zerfallsprozesse der Antifabewegung Ende der 90er Jahre aufzuhalten. Für einen Teil der Bewegung gestaltete es sich nach dem Staats-Anti-Nazi-Sommer 2000 schwierig, als Orientierung gegen Kapitalismus wahrgenommen zu werden. Schließlich verschob sich die vermittelbare Gegnerschaft zum Kapitalismus zunehmend auf die Antiglobalisierungsbewegung. Antifa ist trotzdem für uns immer noch notwendig, nicht nur aufgrund der unverändert hohen Zahl und Qualität der Nazi-Übergriffe, sondern auch, weil Antifaschismus immer noch ein wichtiger Punkt zur politischen Verortung in der BRD ist. Wir tragen dem Rechnung, nicht zuletzt durch unseren Namen.

Perspektive Organisierung
Wenn Organisierung aber weiterhin eine Perspektive für uns darstellt und die Antiglobalisierungsbewegung es schafft, die Gegnerschaft zum Kapitalismus auf die Tagesordnung zu setzen, zudem noch mit internationaler Perspektive, dann könnte man meinen, wir wollten die ganze Organisierung noch mal neu beginnen, nur nicht mehr unter dem Label Antifa. Wir sind jedoch nicht auf der Suche nach einem neuen Label für ein beendetes Projekt, sondern nach Entwicklungsmöglichkeiten der radikalen Linken und dabei stellt Bestandswahrung keine Perspektive dar. Unser Ziel ist nach wie vor, die Isolation der radikalen Linken aufzubrechen und, gemeinsam mit anderen Gruppen, verstärkt für die Gestaltung der Linken einzutreten.

Perspektive Antikapitalismus
Der Kapitalismus wird als zu Grunde liegendes Verhältnis erkannt, das alle Lebensbereiche durchzieht und somit konkrete Auswirkungen auf der globalen und alltäglichen Ebene zeigt. Die Schlussfolgerungen aus dieser Erkenntnis sind dann aber doch sehr unterschiedlich. Dies hat mit der Betrachtung der Gesellschaft und mit der eigenen Rolle darin zu tun. Besteht die Aufgabe der Linken darin, auf die Gesellschaft oder auf die Linke einzuwirken? Letzteres führt zu der Hauptbeschäftigung mit den falschen Politikansätzen der jeweils anderen und führt zur Isolation im selbst geschaffenen Mikrokosmos. Dem entgegen steht die Schlussfolgerung, für die Abschaffung des Kapitalismus möglichst viel Gehör zu finden. Die Widersprüche, die sich aus dem Glücksversprechen des Kapitalismus und der Wirklichkeit auftun, gilt es zuzuspitzen und zu einem Thema zu machen, über das sich Menschen Gedanken machen – und zu dem Schluss kommen, dass was anderes her muss. Jede Gruppe muss sich also fragen, welche Rolle sie einnimmt: Ob sie in der innerlinken Diskussion diskursive Schwerpunkte legt oder in der Handlungsfähigkeit der Linken; ob sie sich auf Intervention im bzw. gegen den linken Mikrokosmos oder auf den nachvollziehbaren Angriff auf die herrschenden Verhältnisse konzentriert. Das eine zu tun ohne das andere zu lassen ist ein schöner Anspruch, findet sich in der Realität aber kaum. Die meisten innerlinken Diskurse – über den Krieg, den Nahost-Konflikt oder die soziale Frage – haben nicht den Charakter einer gemeinsamen Perspektivfindung, sondern dienen eher der Identitätsfindung, die sich am liebsten und leichtesten in der Abgrenzung konstituiert. Keinerlei Perspektive sehen wir demnach in der Tendenz, dass sich Teile der radikalen Linken zunehmend von sozialen Bewegungen abkehren und sich in ihrer politischen Ausrichtung gegen die Bewegung als Gesamtheit stellen.

Perspektive Praxis
Wie sich Bewegungen weiterentwickeln, hängt maßgeblich von ihren AkteurInnen ab. Ob die radikale Linke abgehängt wird, liegt weder an Attac oder SozialdemokratInnen, sondern allein daran, ob sie selbst bei Protesten in Erscheinung tritt und einen radikalen Standpunkt vertritt oder ob sie sich weiterhin darauf beschränkt, die Geschehnisse schlecht gelaunt aus der Vogelperspektive zu kommentieren. In Bezug auf die Antiglobalisierungsbewegung denken wir, dass es wichtig ist, zu den Gipfeln zu mobilisieren, um dort einen sichtbaren Ausdruck des antikapitalistischen Teils der Bewegung mitzugestalten. Mittelfristiges Ziel ist dabei, diese Teile der Bewegung, die sich links von Attac verorten, zu stärken und dafür zu sorgen, dass generelle Kapitalismuskritik wahrnehmbar bleibt. Langfristig denken wir, dass es sinnvoll ist, sich mit anderen Linken auf gemeinsame Bezugspunkte zu einigen. Diese sollten lauten: Ablehnung jeglicher Art des Dialogs und der Kooperation mit der Macht, gegen die Formen der NGOisierung und für die Überwindung des Kapitalismus steht.

Perspektive Revolution
Wenn es schon um Perspektiven geht, sollte die große Perspektive der Linken, d.h. Revolution nicht fehlen. Die Revolutionsvorstellungen der radikalen Linken, damit auch von uns, waren lange auf einen Moment in der Zukunft gerichtet, der den Knall bedeutet. Zwar schon nicht mehr in Übereinstimmung mit der orthodox-marxistischen Vorstellung der Machtübernahme durch ein klassenbewusstes Proletariat, aber als ein historischer Moment, der die Übernahme der Macht bedeutet. Diese Vorstellung entwickelt sich im Kontext der Antiglobalisierungsbewegung weiter, in Anlehnung an die Zapatisten weg von den ursprünglichen Vorstellungen der Machtübernahme. Ziel ist demnach das Erreichen der Möglichkeit, sich überhaupt etwas anderes als die Wirklichkeit im Kapitalismus vorstellen zu können – und dies nicht zu einem festgelegten historisch zu bestimmenden Zeitpunkt, sondern als Option, die erreicht werden kann und für die gekämpft wird. Diese Entwicklung der Revolutionsvorstellung, die Bezugnahme auf die Zapatisten, zeigt die Entwicklung einer internationalistischen Sicht auf. Es ist zu früh, eine neue internationale Bewegung zu bejubeln, aber wir denken, dass es sich lohnt, diese Bewegung mitzugestalten, Diskussionen und Praxis mitzuprägen und zwar durch Anwesenheit und eine Praxis, die uns wahrnehmbar macht. Wir sind der Meinung, dass gerade auch die Praxis nach vorne weisen kann, Motor für inhaltliche Entwicklung ist, ohne dass der Weg bereits ausformuliert sein muss. Denn der Wunsch der Linken, erst die richtige Theorie zu entwickeln, aus der man dann die richtige Praxis ableitet, ist so alt wie sie selbst. Die meisten dieser Ansätze haben sich zersplittert, bevor sie überhaupt relevante Praxis, geschweige denn Einflussnahme entwickeln konnten. Wir wollen die Anknüpfungspunkte, die sich aus den gesellschaftlichen Widersprüchen ergeben, nutzen, um eine antikapitalistische Positionierung zu stärken.  Die Ansatzpunkte für Interventionen sind vielfältig, wir sehen sie dort, wo wir gesellschaftliche Fragen zuspitzen können.

Quelle

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