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Die radikale Linke in der Krise?

Eine Einschätzung des BgR Leipzig (Juni 2003)

here are too many questions – there is not one solution – there is no resurrection – there is so much confusion ::1 Wir teilen leider die pessimistische Einschätzung des Incipito. Die radikale Linke befindet sich in einer Krise. Gesellschaftliche Relevanz konnte sie seit der Wiedervereinigung nie erreichen. Dies kann aber derzeit auch nicht der Maßstab sein, obwohl die gesellschaftliche Marginalität durchbrochen werden müsste, um eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln. Da sich die radikale Linke jedoch nicht an einem solchen Punkt befindet, muss sie daraus ihre Konsequenzen ziehen, um nicht in der Hoffnung einer Massenbewegung (z.B. Antiglobalisierungs- oder Friedensbewegung) die eigene Kritik an der Gesellschaft und die Notwendigkeiten einer emanzipativen Position zu vergessen.
Seit der Wiedervereinigung ist es der radikalen Linken nicht gelungen, eine antideutsche Position stark zu machen, die die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft (Staat, Kapital, Nation) radikal in Frage stellt und sich und den Widerstand gegen die Zumutungen dieser Gesellschaft unter diesen Prämissen zu organisieren. Im Gegenteil, inhaltliche Unterschiede und verschiedene strategische Ansätze haben in den letzten 3-4 Jahren zu einer weiteren Fragmentierung der Überbleibsel der radikalen Linken geführt.

Trotzdem sehen wir derzeit keinen Sinn, permanent auf der Krise der radikalen Linken zu beharren. Sicher, auch uns sind mit dem Zusammenbruch der Antifabewegung Grundlagen und Notwendigkeiten unserer politischen Praxis weggebrochen. Da ist zum einen mit der Auflösung der AA/BO die linksradikale Organisierung gescheitert, welche der Rahmen war, in dem wir bundesweit agierten. Diese bundesweite Organisierung hatte – da sie sich von Anfang an explizit unter dem Label Antifaschismus konstituierte – nur bis zum Ende der Antifa Bestand und ist dann fast sang- und klanglos untergegangen. Auch die Auflösung bzw. Spaltung der Antifaschistischen Aktion Berlin steht exemplarisch für die derzeitige Situation der Postantifabewegung. Allerdings kann dieser zwangsläufige Schritt, welcher sich aus unserer Sicht sowohl aus den unüberbrückbaren inhaltlichen Differenzen innerhalb dieser Gruppe als auch durch persönliche Querelen ergeben hat, auch Hoffnung für die Zukunft geben. Die Spaltung erfordert und ermöglicht zugleich eine Neubestimmung und daraus folgend neue Perspektiven innerhalb der beiden Gruppen.

Mit dem Wegfall des für uns jahrelang dominierenden Politikfeldes Antifaschismus stand für uns auch eine inhaltliche und praktische Umorientierung auf dem Plan. Unser Fokus richtet sich aufgrund der geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse1 und durch das Aufkommen der Antiglobalisierungsbewegung, welche immerhin den Erfolg hatte, dass heute vom Kapitalismus nicht mehr als dem „Ende der Geschichte“ gesprochen wird, darauf, uns eine fundiertere Kapitalismuskritik2 zu erarbeiten. Wir hatten zwar schon seit dem Bestehen des BgR die verkürzte, personifizierende, plakative und floskelhafte Kapitalismuskritik großer Teile der Antifabewegung3 kritisiert und mit der Analyse der ideologischen Grundlagen für die starke Nazibewegung und deren gesellschaftlicher Akzeptanz – welche wir in dem Begriff des rechten Konsens4, später der rechten Alltagskultur5 fassten – auch eine ideologiekritische Gesellschaftsanalyse vorgelegt. Unsere Kapitalismuskritik äußerte sich aber primär über die Kritik an der verkürzten Kapitalismusanalyse der Antifabewegung und gab daher nur implizit unser damaliges Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft wieder. Die Beschäftigung mit der Frage, was neben den völkischen Elementen hinaus noch beherrschend war, spielte damals eine untergeordnete Rolle. Auch heute stellt sich noch immer das Problem, dass ein Großteil der Linken, insbesondere die Antiglobalisierungsbewegung, eine personifizierende Kapitalismuskritik artikuliert, welche sich zudem noch positiv auf den Staat bezieht und damit im doppelten Sinne ihren kritischen Gehalt verliert. Daher ist es auch weiterhin notwendig, Kritik an solchen Positionen nicht zugunsten eines breiteren Bündnisses zurückzustellen und sich nicht in der Hoffnung zu verlieren, dass die Antiglobalisierungsbewegung eine Bündnispartnerin für die radikale Linke sein kann. Hier ist, wenn sich nicht innerhalb dieser Bewegung die Kritik an solchen Positionen durchsetzt (was wir derzeit leider nicht erkennen können), der notwendige Bruch zu ziehen.
Die zivilgesellschaftliche Mobilisierung gegen die Standortgefährdung durch die Nazis und die gerade mit den Konsequenzen der Geschichte argumentierende weltweite deutsche Interessenvertretung ließ die Beschränkungen des Antifa-Themenhorizontes in den letzten Jahren jedoch immer deutlicher werden.
Aus der Krise der radikalen Linken hat sich für uns also auch eine notwendige Überprüfung der jahrelang vertretenen Positionen ergeben und wir haben unsere Kritik und Praxis an die geänderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst. Dabei hat uns die Reflexion der letzten Jahre auch vor einem Verharren an nur einem bestimmten Themenfeld (wie z.B. Antifa / Antira / staatliche Repression) bewahrt.

Das BgR verstand sich seit seiner Gründung und versteht sich auch heute noch als eine Gruppe mit bundesweitem Anspruch. Die Rückkoppelung und Diskussion mit anderen Gruppen und Initiativen verlangt eine Reflexion der eigenen Positionen und fördert damit eine inhaltliche Weiterentwicklung und weist über das Verharren in lokaler Politik hinaus. Lokale Politik soll für uns nicht nur auf das Erzielen von Erfolgen vor Ort (Realpolitik) angelegt sein, sondern die lokal geprägte Analyse muss sich auch immer an den bundesweiten Verhältnissen messen lassen. Voraussetzung für eine verbindliche, aufeinander bezogene und nachhaltige bundesweite Diskussion ist ein organisierter Rahmen, in dem diese Diskussionen geführt werden können. Dieser bundesweite Bezugsrahmen fiel für uns mit dem Ende der Antifa weg. Ein Projekt welches u.a. vom BgR getragen wird – die Zeitschrift „Phase 2“ – versuchte diese Unzulänglichkeit zu kompensieren und sollte eine Diskussionsplattform für inhaltliche Positionen und Perspektivdebatten der noch bestehenden politischen Gruppen sein. Diesem Anspruch konnte die Zeitschrift allerdings bis auf wenige Ausnahmen nicht gerecht werden und musste deshalb eine an der Realität der Fragmentierung der radikalen Linken ausgerichtete Neuorientierung vornehmen. Durch das Wegbrechen der bundesweiten Organisierung gab es kaum noch Bezüge der diversen Postantifagruppen aufeinander, von einer Diskussion gemeinsamer Perspektiven ganz zu schweigen. Demnach besteht zwar der anfängliche Anspruch (Forum für Diskussionen bundesweit agierender Gruppen zu sein) noch immer, aber in der Praxis orientiert sich die Zeitschrift derzeit zwangsläufig fast ausschließlich an den theoretischen Diskussionen innerhalb der Linken.
In den diversen bundesweiten Positionspapieren und Aufrufen zum Irakkrieg lassen sich aber – allem Pessimismus zum Trotz – auch erstmals seit geraumer Zeit wieder Bezüge auf andere Gruppen und deren inhaltliche Positionen finden. Dies führte zwar noch nicht zu einer gemeinsamen überregionalen linksradikalen Aktion, was angesichts der zahlenmäßig viel stärkeren Friedensbewegung Voraussetzung für ein Sichtbarmachen einer linksradikalen Antikriegsposition gewesen wäre, aber vielleicht zeichnet sich daran ab, dass in Zukunft wieder gemeinsame Initiativen bundesweiter Gruppen möglich sind.
Inhaltlich sehen wir derzeit diverse Ansätze, die unserer Position nahe stehen und die eine Bezugnahme auf andere Positionen erkennen lassen und somit wieder eine Verbindlichkeit in die Diskussion bringen. Sei es in der Positionierung zum Irakkrieg und der Friedensbewegung, zur Zivilgesellschaft oder in der Ablehnung jeglichen (linken) Antisemitismus und Antiamerikanismus. Auch wenn die teilweise unsäglich geführten „Diskussionen“ innerhalb der radikalen Linken zu diesen Themen einen anderen Eindruck vermitteln: die verschiedenen Positionen haben – trotz aller Abgrenzungsbemühungen – gemeinsame Grundpositionen, seien sie auch anfänglich noch so schwammig. Nicht umsonst haben alle antideutschen Gruppen den vielfach postulierten Abschied von der Linken bis heute nicht vollzogen. Es gibt z.B. in der Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaft und deren Zumutungen an die Menschen eine gemeinsame Grundlage, auf denen dann die Differenzen mit- und teilweise gegeneinander diskutiert werden können. Auch die prinzipielle Ablehnung jeglicher Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse kann trotz aller Streitigkeiten um deren Wertigkeit in der Gesellschaft und dem gesellschaftsstrukturierenden Prinzip als linksradikale Grundposition genannt werden, ebenso wie die grundlegende Ablehnung aller barbarischen und antiemanzipatorischen Erscheinungsformen gegen die herrschende Ordnung (z.B. 09-11 oder nationalrevolutionäre Befreiungsbewegungen), welche in dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, Konsens sein sollte. Wir halten es an diesem Punkt nicht für hilfreich auf diverse (antisemitische) Statements auf Indymedia etc. zu verweisen. Mit VerschwörungstheoretikerInnen machen wir uns nicht gemein, sondern kritisieren diese. Wir haben ganz klar einen eingeschränkten Bezugsrahmen in dem Geflecht was sich diffus als „Linke“ bezeichnet. Und um diesen Bezugsrahmen geht es uns.

Das BgR hält auch weiterhin an dem Konzept fest, dass radikale Kritik politikfähig sein sollte, sich also der Wirklichkeit stellen muss. Allgemeine Sachverhalte an aktuellen Themen aufzugreifen und zu vermitteln, ist für uns immer noch das beste Mittel um unsere Kritik sichtbar zu machen.
Ausgangspunkt jeder Gesellschaftskritik kann nur sein, sich selber als Teil der Gesellschaft zu begreifen und sich nicht außerhalb dieser zu wähnen. Die eigene Praxis unterliegt der immanenten Gefahr, als gesellschaftliche Vermittlungsform von Konflikten in der bürgerlichen Gesellschaft, in eine Affirmation der Verhältnisse umzuschlagen. Sobald sich die Linke an eine Öffentlichkeit wendet, bedient sie sich staatlicher Formen, indem sie z.B. mit Gesetzen konfrontiert ist und mit diesen umzugehen hat. Das eigene (politische und sonstige) Handeln spielt sich in den bestehenden gesellschaftlichen Formen ab und weist noch nicht über diese hinaus. Dies wäre erst der Fall, wenn linksradikale Politik auf die Abschaffung der Grundlagen der eigenen Politik hinauslaufen würde.
Dies kann aber nicht heißen, dass durch die relativ banale Einsicht, dass jegliches Handeln auf dem Boden der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft stattfindet, jegliche Praxis damit schon diskreditiert wäre. Auch eine grundsätzliche Kritik an der Gesellschaft muss praktisch werden, wenn sie etwas bewirken will, sie muss sich sichtbar machen, wenn sie anderen ein Zustimmen ermöglichen will. Ohne einen Weg der Vermittlung eigener Gedanken gibt es keine Linke, hier brauchen wir nur an unsere eigene Sozialisation zu denken. Die radikale Linke muss sich organisieren! Sie muss die Gesellschaft, so wie sie sich konkret darstellt als Ausgangspunkt benutzen, um eine grundsätzliche Kritik entfalten und anderen vermitteln zu können. Sie muss darauf bauen, durch eine Polarisierung an konkreten gesellschaftlichen Konflikten, ein Mehrwerden zu erreichen, welches irgendwann diese Gesellschaft umwälzen kann. Natürlich hegen wir auch gegenwärtig keine revolutionären Blütenträume und wer diese vor sich herträgt, wird nicht lange auf die Enttäuschung warten müssen. Aber auch jenseits von sprudelndem Optimismus haben die Erfahrungen in Leipzig gezeigt, dass linke und linksradikale Projekte und Gruppen sich durchaus an konkreten Punkten finden und danach auch inhaltlich weiterentwickeln können. Dazu müssen sie jedoch in die Gesellschaft eingreifen und am Konkreten die Politisierung vorantreiben.
Allerdings verbindet sich mit diesem Ansatz, konkrete Verhältnisse in der Gesellschaft auf- oder besser anzugreifen, auch ein Problem. Historisch sind bereits einige Bewegungen (z.B. die Arbeiter- und Ökologiebewegung, in Teilen auch die Antifa) an der positiven Aufnahme ihrer Forderungen gescheitert, weil es sie dazu verführte, ihre grundsätzliche Gesellschaftskritik aufzugeben und in der Realpolitik aufzugehen. Gerade angesichts dieser Erfahrung darf eine Linke ihre grundsätzliche Kritik nicht hinter ihre konkreten Forderungen zurückstellen und, sollten sich die Kräfteverhältnisse irgendwann ändern, sich nicht schon mit der Verbesserung gesellschaftlicher Teilbereiche zufrieden geben. Politisches Handeln muss auf die emanzipative Negation der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinauslaufen.

Um das Ganze mal plastischer zu machen, sei auf unsere Intervention in das linksradikale Bündnis und unsere Mitwirkung an der linken Antikriegsdemo am Tag X verwiesen. Wir haben unter dem gemeinsamen Motto „Gegen Krieg, Antiamerikanismus und deutsche Wege“ demonstriert. Dieses Motte wurde vom Bündnis getragen, auch wenn wir eine tiefere Kritik hatten und die (formale) Einigung ein langer K(r)ampf war. Unsere Einschätzung des linken Antiamerikanismus hatte nicht zu der von uns erwünschten Auseinandersetzung im Bündnis geführt und wurde auch nicht von allen TeilnehmerInnen des Bündnisses geteilt, sondern z.T. aus pragmatischen Gründen toleriert. In der Praxis setzte sich eine Pluralität durch, die dazu führte, dass unser gemeinsames Motto sich im Vorfeld nicht als Hauptmotto der Demonstration durchsetzen konnte und diejenigen, welche nicht über unseren separaten Aufruf mobilisiert wurden, erst am Tage der Demonstration mit dem Motto und Fronttransparent und deren Inhalt konfrontiert wurden. Am Tag selber wurden wir bitter auf den Boden der Realität zurückgeholt, als sich nach der Demo ausnahmslos alle TeilnehmerInnen der Friedensbewegungsdemo anschlossen und unsere Kritik an dieser somit nicht die notwendige Überzeugungsfähigkeit auf die TeilnehmerInnen der Demonstration und auf das Bündnis hatte.
An diesem Punkt war aufgrund unserer Position klar, dass hier für uns der notwendige Bruch zu ziehen ist. Die Friedensbewegung beschwörte einen deutschen (angeblich weniger aggressiven) Weg gegen die „angloamerikanische“ Politik im Nahen Osten und setzte damit der „Cowboy-Mentalität des Texaners“ eine angeblich gezähmtere Politik des „Old Europe“ entgegen. Damit erledigte sich jeder Anspruch einer grundlegenden Gesellschaftskritik und schlug in die Affirmation des scheinbaren Gegenmodells Europa um, welche wir bereits im Aufruf kritisiert hatten. Es wurde auf die angebliche „Zivilität“ des europäischen und deutschen Weges verwiesen, ohne auch nur einmal auf den Krieg gegen Jugoslawien, die deutschen Bundeswehreinsätze in Afghanistan etc. einzugehen. Die Friedensbewegung griff im Gegenteil diejenigen an, die sie inhaltlich kritisierten und sich gegen sie stellten und offenbarte damit, wie wenig radikale Linke dort etwas zu suchen hatten. Der antisemitisch motivierte tätliche Angriff auf die AKG war dabei nur der Höhepunkt, die Abwehr kritischer Positionen fand bereits im Vorfeld der Demonstration statt. Hier müssen wir uns schon fragen, inwiefern unsere Position zur linken Antikriegsbewegung nicht zu sehr getrübt war von der Hoffnung, dass wir mit unserer grundlegenden Kritik ein weiteres Umfeld für uns und unsere Position gewinnen können.
Wir hatten ja schließlich einen Aufruf mit einer schwer erarbeiteten aber letztlich klaren Positionierung zum bzw. genauer gegen den Irakkrieg. Diese Positionierung haben wir anderweitig in Teilen der radikalen Linken schmerzlich vermisst. Das dichotome antideutsche „wer gegen den Krieg ist, ist für die blutigen Zustände im Irak“ haben wir bereits im Aufruf dezidiert zurückgewiesen – leider mit wenig Erfolg bei den Angesprochenen. Des Weiteren haben wir auch jeglicher positiven Bezugnahme auf das deutsch-französische Gegenmodell eine klare Absage erteilt und nicht zuletzt hatten wir auch im Voraus eine Einschätzung zur Friedensbewegung geliefert, die wir auch heute noch so vertreten können. Unser Aufruf wendete sich in großen Teilen gegen den Antiamerikanismus und Antisemitismus von Teilen der Friedensbewegung und deren Suche nach nationaler Wärme im Schoß der Bundesregierung.
Allerdings haben wir im Vorfeld der Demonstration – teilweise zugunsten einer linken Bewegungspraxis am Tag selber, teilweise da wir selbst erst viel zu spät eine eigene feste Position hatten – elementare Grundsätze unserer Bündnispolitik außer Acht gelassen. Unser Wille, am Tag der Massendemonstration dagegen eine linksradikale Position sichtbar zu machen, hat uns bis zuletzt mit BündnispartnerInnen operieren lassen, mit denen kein linksradikales Bündnis zu machen ist (z.B. Attac). Im Nachhinein wäre ein polarisierender Ansatz auch in diesem linken Bündnis angemessener gewesen. Es war ja im Vorfeld bereits absehbar, dass sich das Bündnis nach der eigenen Demonstration, deren Inhalte (v.a. die Kritik an der verlogenen deutschen Position) auch heute noch zu verteidigen sind, an der antiamerikanischen Friedensbewegung beteiligt. Auf die von uns eingeforderten Konsequenzen unseres gemeinsamen Mottos, welches für uns ein Zusammengehen mit der großen Friedensbewegung ausschloss, haben wir nicht mit der notwendigen Vehemenz beharrt. An diesem Punkt hätten wir auf einer Spaltung bestehen müssen. Dies haben wir wohl aus Gründen der befürchteten Einsamkeit nicht getan. Die Frage war (und bleibt), wie mit unterschiedlichen Positionen innerhalb eines linksradikalen Bündnisses umzugehen ist; wo Grenzen zu ziehen sind, die eine Zusammenarbeit unmöglich machen und wo und in welchem Umfang Kompromisse gefunden werden können, ohne dass eigene Grundsatzpositionen aufgegeben werden. Hier haben wir diesmal leider nicht den richtigen Weg gefunden. Allerdings halten wir es auch im Nachhinein noch für richtig, zu versuchen, die anderen von der eigenen Position zu überzeugen. Nicht zuletzt haben wir aus diesen Diskussionen auch wichtige Punkte und Grenzen unserer Argumentation aufgezeigt bekommen.

Fußnoten:

1 Madonna auf ihrer neuen Scheibe

2 Mit dem Regierungswechsel 1998, dem deutschen Kriegseinsatz in Jugoslawien 1999 (welcher mit der angeblichen Verhinderung eines „neuen Auschwitzes“ legitimiert wurde) und dem staatlich verordneten Antifaschismus nach den antisemitischen Anschlägen im Sommer 2000 formierte sich in Deutschland eine Zivilgesellschaft, welche innenpolitisch das völkische Projekt der 90-er Jahre zunehmend zurückdrängt, da dies als standortgefährdend begriffen wird. Außenpolitisch artikuliert sie sich als selbstbewusstes Deutschland, das aus der Geschichte gelernt hat und seinen politischen Siegeszug im Namen der Menschenrechte antritt. Das Projekt Zivilgesellschaft ist dabei als ein gesamtgesellschaftliches Konzept zu verstehen; es findet ein Wandel dahingehend statt, dass der Staat nicht mehr als die Allgewalt erscheint. Propagiert wird die Übernahme einst staatlicher Bereiche durch nichtstaatliche Institutionen. Damit werden autoritäre Konzepte jedoch lediglich auf eine breitere Basis gestellt. Die Grundlagen völkischen Gedankenguts, die Liebe zu Nation, Staat und Heimat, Autoritätsgläubigkeit etc. bleiben weitestgehend unangetastet. Ausführlicher im Text des BgR „Das Projekt Zivilgesellschaft – Ziviles Engagement als Leitkultur“ in der aktuellen Ausgabe 8 der „Phase 2“

3 Wir wollen uns eine Kapitalismuskritik aneignen, die sich nicht nur auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit bezieht, sondern versucht, über die Arbeitskritik Prinzipien der Warengesellschaft in die Analyse mit einzubeziehen. Dies bedeutet allerdings nicht eine Revision der ideologiekritischen Haltungen aus den 90er Jahren. Ungebrochen lässt sich auch heute in Deutschland eine Verschränkung von Arbeitsethos und antikapitalistischen sowie antiwestlichen Denken nachzeichnen, welche den Begriff der Arbeit zu einem Kernstück der deutschen Ideologie auflädt.

4 Die bis Ende der 90er Jahre beliebten Slogans „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ und „Ausländer sind die falsche Adresse – haut den Bonzen in die Fresse“ stehen exemplarisch für die verkürzte Kapitalismuskritik von großen Teilen der Antifabewegung. Diese Parolen zeigen zum einen, wie der Gegenstand der Kritik – die Nazis – als Marionetten des Kapitals bzw. irritierte Jugendliche / ModernisierungsverliererInnen missverstanden wurden und zum anderen das personifizierende Kapitalismusverständnis. Das Kapital, welches hinter dem Faschismus stehe, wird dabei nicht als die Einheit von Produktions- und Zirkulationssphäre begriffen, sondern ist auf Banker, Spekulanten und Großindustrielle gemünzt. Dieser linke Antikapitalismus, der „von Unten“ gegen „die Herrschenden“ antritt, richtet sich gegen die RepräsentantInnen der kapitalistischen Zirkulationsspäre und unterstellt diesen verschwörungstheoretisch einen Pakt mit den Nazis. Es ist kein Zufall, dass mit dieser „Analyse“ die Kapitalismuskritik verschiedenster linken Gruppen und Parteien immer wieder vom völkischen Ressentiment gegen „abgehobene Intellektuelle“ sowie von Antiamerikanismus und Antisemitismus (offen oder verdeckt als „Antizionismus“) begleitet wurde.

5 Ausgehend von der Analyse, dass die starke Nazibewegung der 90-er Jahre einen ideologischen Rückhalt in der Bevölkerung hatte und sich in einem gesellschaftlichen Klima artikulierte, welches die Wertevorstellungen der Nazis in vielen Bereichen teilte, haben wird im Zuge der Wurzenkampagne 1996 den Begriff des rechten Konsens geprägt. Darin erscheinen die Nazis nicht als eine Randgruppe, die so gut wie gar nichts mit dem Rest der deutschen Gesellschaft zu tun hat, sondern es zeigen sich verbindende Elemente, die konstitutiv für die gesamte deutsche Gesellschaft gelten.
Die Grundlage dieser deutschen Gemeinschaft sind gleiche Wertevorstellung und eine gemeinschaftlich konstruierte Identität, die sich auf das gemeinsame „Deutsch-Sein“ bezieht. Dazu stützt sich die gemeinsame deutsche Identität auf typische deutsche „Sekundärtugenden“ von Ordnung, Fleiß, Sauberkeit und Disziplin, einen deutschen Arbeitsfetischismus usw. Ergebnis dieser gemeinschaftlichen Identität war ein gesellschaftlicher (rechter) Konsens, auf dessen Grundlage sich die Nazis so sicher wie Fische im Wasser bewegen konnten.

6 Die rechte Alltagskultur, ein Begriff der von uns im Rahmen des Verstärkerkongresses 1999 eingeführt wurde, war quasi eine Weiterung des Begriffes rechter Konsens und zeichnete sich für uns durch einen Kanon verschiedener Ideologeme der Ungleichheit aus (z.B. Rassismus, Antisemitismus, Patriarchat). Diese sind fast immer an ein autoritäres Staatsverständnis gekoppelt und bilden die ideologische Grundlage und Gemeinsamkeit zwischen Nazis und Bevölkerung. Der Begriff des rechten Konsens ging in dem Begriff der rechten Alltagskultur auf, da auch dieser bereits von einer gesellschaftlichen Tradierung (über die so genannten deutschen „Sekundärtugenden“) der verschiedenen Ideologeme ausging.

== Bündnis gegen Rechts Leipzig (BgR) ==

Quelle

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