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Antifa, der Tanz um den Erfolg?

Beitrag der Gruppe.Internationale.Webteam in Incipito / Mai 2005

Fragmente einer Debatte…

„If I can’t dance, it’s not my revolution“

Emma Goldmans Ausspruch davon, dass wenn sie nicht tanzen könne, es auch nicht ihre Revolution sei, wird in vielen Mündern geführt, meist in vulgär-anarchistischen, doch gerade wir, hedonistische oder kosmopolitische Kommunisten, sollten uns dies nicht zum Vorwand werden lassen, diese an genau der richtigen Stelle zugespitzte Formulierung ernst zu nehmen, ja uns zu eigen zu machen…
Führen wir uns doch mal folgenden Umstand vor Augen: Als proisraelische Kommunisten, ecken wir schon ständig an jeder erdenklichen Barriere des im linken Mainstream verbreiteten Denkens an. Bisher führte dies ’nur‘ dazu das einige bekannte Gesichter geoutet wurden, oder – noch sehr selten – auch körperlich attackiert werden. Interessant dabei ist, dass sich gerade die sie sich selbst als undogmatischen Linken bezeichnenden bei dieser Hetzjagd sich am meisten hervorheben…

Die wirklich revolutionsbegeisterten Deutschen (DKP, SAV, Linksruck, isl, usw.) würden uns sofort, neben einigen anderen, am nächsten Baum aufknüpfen, wenn sie es könnten. Aktuell verhindert dies das Gewaltmonopol des Staates sowie die Unfähigkeit der linksdeutschen Revoluzzer. Doch weder auf das Eine, noch das Andere, möchte mensch sich auf Dauer verlassen müssen.

Unsere Perspektive, ist weder die bolschewistische Revolution oder die derzeitige Elendsverwaltung, noch die soziale Reform. Doch was bedeutet es genau, wenn wir sagen, dass wir weder den ersten, noch den zweiten oder gar den dritten Weg für gangbar halten? Bedeutet es, wie häufig auf dem linken Internetportal Indymedia behauptet wird, dass wir uns in den Elfenbeinturm zurückziehen und ein wenig Theorie pauken, weil wir, laut Verfassungsschutz, den „Antisemitismus der Deutschen“ als genetischen Defekt analysiert haben? Und damit auch alle revolutionären Hoffnungen aufgegeben haben?

Eines noch schnell vorweg, es ist sehr wichtig zu erwähnen, in dem Text folgen wir der Feststellung des französischen Philosophen Vladimir Jankèlèvitch: „Schau nicht darauf was sie sagen, schau darauf was sie tun.“ die er in seinem Buch ‚Das Verzeihen‘ als eine der zentralen Formel setzte.

Zuerst das linke Bein nach vorne… Die veränderten Tanzformationen – Phase 1

Vor 15 Jahren war die linke Welt zwar nicht mehr in Ordnung, aber für viele noch ein wenig mehr geordneter als heutzutage. Die neonazistische Klientel auf der einen und ihre Gegner, die Antifaschisten, auf der anderen Seite waren leicht am Äußeren zu unterscheiden und die beiderseitige Rollenaufteilung war auch allen weit und breit bekannt. Die Regeln waren auf beiden Seiten vermittelt. Die Trennungslinien auch.

Doch was war damals wirklich bekannt? Mehr als Neonazi = Böse und Antifa = Gut war da selten zu hören…

Theoretisch ging es den Antifaschisten Anfang der 90er Jahre beim Kampf gegen Rechts sogar ums Ganze, also den Klassenkampf, die Revolution oder auch wahlweise der gemeinsame Sturm auf die gesamten Bäckerei. Die Grundlage dieses Denkfehlers lieferten die alten Mythen der marxistisch-leninistischen sowie autonomen Ideologie. Die wichtigsten Gralshüter des verwesenden Erbes der Linken waren einerseits die DKP, andererseits die AA/BO.

Beide Organisationen waren der Garant für möglichst flache Inhalte, eine breite antifaschistische Einheitsfront, die bis in das christliche sowie sozialdemokratische Milieu reichte, und ästhetisch natürlich das kleine Schwarze. Wer diese Zeit ein wenig reflektierte, dem war die Konsequenz aus dem Konstruktionsfehler klar: die bundesweite Organisierung AA/BO sowie die regionalen Antifa-Gruppen haben sich in den letzten Jahren in Wohlgefallen aufgelöst weil sie keine inhaltliche Grundlage für eine Zusammenarbeit mehr sahen, einzig die DKP hinkt noch ein wenig dieser Entwicklung hinterher. Doch auch da gibt es ja die ersten positiven Anzeichen für ein Spaltung.

Der wichtigste Faktor der diese ‚Bewegung‘ damals zusammenhielt, war einzig die Erkenntnis, das hinter dem notwendigen Anti-Nazi-Kampf die Streitigkeiten um die richtige Theorie – erst einmal – zurückstehen sollte. Die Defensive der radikalen Linken, nach dem Anschluss der DDR an die BRD, sollte durch Geschlossenheit überwunden werden. Doch erwies sich als fataler Trugschluß. Die Auseinandersetzung um Theorie und Praxis wurden durch die ständigen Aktionen gegen die Neonazis völlig in den Hintergrund verdrängt und in die üblichen Theoriezirkel abgeschoben. Wenn es mal zu Debatten kam, dann sehr sporadisch und selten über den begrenzten Anti-Nazi-Tellerrand hinweg. (Rassismus, Innere Sicherheit und 8. Mai)

Dies führte zu einer Fixierung auf Aktionen, sprich völligen Verblödung innerhalb der antifaschistischen Szene. Exemplarisches Beispiel dafür war der Auftritt der Antifaschistischen Aktion Berlin 1999 in Leipzig auf dem Verstärker-Kongress als ein Vertreter dieser Gruppe anfing die Thesen von Dimitrof vor dem Publikum wieder aufzuwärmen. Und dies obwohl schon Mitte der 90er Jahre das BGR, Veranstalter des Kongress, aus Leipzig gegründet wurde, eine damals wohltuende Entwicklung, und seine Thesen zum rechten Konsens breit zur Diskussion stellte. Anfangs fanden die antinationalen Positionen des BGR regen Zuspruch innerhalb der radikalen Linken, vor allem aber im Osten, weil sie die logische Weiterentwicklung, aus der Situation im Osten heraus, waren. PDS-Politiker die ungeniert mit Neonazis die „kontroverse Debatte“ suchten, und dabei feststellten kaum kontroverses gefunden zu haben, gab es zu Hauf in der Zone. CDU oder SPD-Politiker die von „unseren Jungs“ sprachen genauso.

Interessanterweise wurde diese Entwicklung hauptsächlich im Osten analysiert, obwohl in nicht wenigen Regionen in Westdeutschland seit Jahrzehnten ähnliche Phänomene zu finden waren (z.B. in Ortschaften in den Bundesländern Hessen, Bayern oder Schleswig-Holstein) und immer noch sind. Vermutung: die ideologischen Scheuklappen waren in der Zonen noch nicht so ausgeprägt wie im seit Jahren im antiimperialistischen Kampg geschulten westdeutschen Linken.

Doch nicht nur das BGR war einmal fortschrittlich. Die Antifa Aktion aus Berlin war vor allem in Fragen der Gedenkpolitik sowie antideutscher Interventionen in der Zone noch sehr auf der Höhe ihrer Zeit. Transparente wie ‚Ehrenburgs willige Vollstrecker‘ oder die Unterstützung von antideutschen Demonstration in der ostdeutschen Provinz zur Abstrafung von ganzen Dorf- oder Kleinstadtkollektiven (u.a. Gollwitz, Bernsdorf) standen früher auf dem Programm der nach eigenen Angaben ‚größten Antifagruppe aus Deutschland‘. Auch die Ansicht via POP-Antifa, weit verbreitet in der AAB, mehr Menschen zu motivieren war in den 90er Jahren nicht die Dümmste. Sie blieb aber nur ein Ansatz modisch nicht mehr um Jahrzehnte hinterher zu hinken, während theoretisch nur auf einem recht lauem Niveau diskutiert wurde. Letztendlich brachte die Debatte kaum etwas, außer der Einsicht, das Subkulturen nicht viel besser sind, als der Mainstream. Und damit die Möglichkeit auch mal Madonna neben Quetschenpaua als Soundtrack auf Demonstrationen abspielen zu können.

Doch wenigsten wurde nach dem Lauch des BGRs sowie den antideutschen Debatten nach dem 8. Mai 1995 gerungen um die Frage, kann Antifa denn wirklich alles sein, oder ist alles ohne Antifa nichts? Die Antworten aus Göttingen, die Zentrale der Bewegung, waren eine bunte Mischung aus allem. Die eh schon wackelige Einheitsfront sollte nicht per Theoriedebatte gesprengt werden. Somit war der Bewegung theoretisch Stillstand verordnet worden, während praktisch genau das Gegenteil lief. Dieser Stillstand implodierte erwartungsgemäß. Recht spät zwar, wahrscheinlich weil die Disziplin und der Wunsch auf eine Lösungsmöglichkeit innerhalb der Struktur bis zu bitteren Ende noch recht hoch in der BO waren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die meisten der damaligen Antifa-Aktionen allein der Selbstvergewisserung derer, die sie begingen, dienten. Wir sind ‚die Guten‘. Nur einige wenige Individuen schafften es aus diesem Sumpf ihr eigenes Haupt zu erheben, um endlich das Gehirn einzuschalten. Meistens sind die, die es blickten, heute in kleinen antideutschen Gruppen organisiert, zogen sich ernüchtert ins Private zurück oder sind einfach aus diesem Land ausgewandert.

Dann das rechte Bein nach links… Mit der Masse auf dem Weg ins geistige Nirvana – Phase 2

Nach dem großen Knall, kam die Landung. Und dazwischen, fast wie aus heiterem Himmel, kam auch noch der Aufstand der Anständigen. Viele, auch außerhalb der AA/BO organisierte autonome Antifaschisten, setzen nun ihre Hoffnungen wie selbstverständlich auf die anschließende Phase der Organisierung. BO kaputt, egal, es geht weiter wie bisher; das war unter der häufig eingeforderten antifaschistischen Kontinuität zu verstehen. Die Fortsetzung der ersten, sozusagen. Die Masse, selbst der organisierten Antifas, hoffte darauf das ihr das Denken, von der vorher schon als Avantgarde akzeptierten, M aus Göttingen, sowie der AAB und dem BGR abgenommen wird. Schon als auf dem zweiten Antifa-Kongreß in Göttingen die ersten Flyer für ein Abonnement der neuen Zeitung ‚von der Bewegung für die Bewegung‘ – Phase 2 – verteilt wurden, hätte klar sein müssen, dass sich die Dummen wieder gefunden hatten, die gleichen alten Fehler noch einmal zu begehen.

Die Flyer waren neben den inhaltlichen Angebote auf dem Kongress die Vorboten einer noch magereren Zeit, die erst noch kommen sollte. Auf dem Kongress versuchten die drei Powergruppen den Vorschlag an die Frau oder den Mann zu bringen, dass es vielleicht möglich wäre mit dem Thema Antiglobalisierung die Krise der Antifa zu überwinden. Widerspruch rief dieses Ansinnen zwar hervor, doch nicht wie vielleicht zu erwarten, mit dem Hinweis, bevor das nächste Abenteuer begonnen wird, wenigstens das zurückliegende ein wenig zu reflektieren, sondern mit dem Vorschlägen sich doch lieber Themen wie Rassismus oder Sexismus mehr zuzuwenden. Einige andere wollten einfach nur ‚Sand im Getriebe der kapitalistischen Bestie‘ sein und viele andere Antifas planten schon wieder die nächste Kampagne.

Die Entwicklung danach war geprägt von der Debatte um den Sommer der anständigen Aufständigen. Die DKP-lastige Antifa, kein Stück reflexionsfähig, verbiss sich in der Annahme endlich in Deutschland die Neonazis gemeinsam mit der wachgerüttelten Zivilgesellschaft wegrocken zu können. Doch mit dieser Annahme blieben sie zum Glück mehr oder weniger allein…

Das BGR, sowie fast alle anderen autonomen Antifagruppen, positionierte sich kritisch gegenüber der neuen deutschen Zivilgesellschaft. Hoffnung keimte in der Ex-AA/BO auf. Doch das verbindende Elemente der gemeinsamen Kritik an der Zivilgesellschaft fing genau in dem Augenblick an zu bröckeln, als mehrere Flugzeuge in den USA via antiimperialistischer Selbstmordkommandos in tödliche Waffen verwandelt wurden und Tausende Menschen in den Tod rissen. Der 11.September 2001 blieb für die Antifa nicht ohne Folgen… Der Anschlag auf das World Trade Center in New York sowie das Verteidigungsministerium in Washington und der Beginn der zweiten Intifada, waren die Knackpunkte, die letztendlich überhaupt dazu führten das sich die bekannten Gruppenzusammenhänge bundesweit nach und nach auflösten (AAB; Antifa K, Antifa M, Autonome Antifa in Kassel…) und eine Reihe neuer Antifagruppen auf der Bildfläche auftauchten. (Bad Weather, A2K2, Mila 26, AANO, …)

Es ging nicht mehr zusammen, was jahrelang wie Pech und Schwefel zusammenhing. Der Konsens gegen Neonazis reichte nicht mehr als Organisierungsgrund aus. Logisch, wenn 300.000 Menschen, dem Aufruf des Bundeskanzlers Gerhard Schröders folgen und gegen den anwachsenden Rechtsextremismus demonstrieren, also Deutschland einig Antifa ist. Es fiel alles auf einmal zusammen, die extremen Meinungsverschiedenheiten über die aktuelle außenpolitische Lage, sowie die innenpolitische Situation, das nun plötzlich alle anständigen Deutschen gegen die Neonazis waren. Eine Existenzberechtigung für die autonome Antifa schien nicht mehr gegeben zu sein.

Kurzzeitig gab es dann auch so etwas wie eine zweite Phase. Wegen der Brüche quer durch die unterschiedlichen Zusammenhänge mussten sich viele mit ihrem Selbstverständnis als autonome/r Antifa auseinandersetzen. Identitäten brachen auf. Alte Kodexe flogen über Bord, endlich ging es nicht mehr um die sonst übliche Frage ob nun Fleisch oder Tofu, sondern um theoretische Themen die weit darüber hinaus gingen. Doch wer hoffte durch Diskussion über ehemalige Selbstverständlichkeiten endlich den großen Wurf zu landen, wurde schnell enttäuscht; die meisten älteren Antifaschisten entschieden sich recht fix für die Methode Schublade.

Es gab auch Ausnahmen. Antifagruppen, die schon länger sich aus der Aktionsfixierheit gelöst hatten, wie zum Beispiel die Antifa Aktion in Potsdam (AAPO), machte da weiter, wo sie bisher schon aktiv waren. Ihre Schwerpunkte lagen auf der Gedenkpolitik sowie der Kritik der offiziösen, in der Jugendarbeit und im normalen Abwehrkampf gegen die neonazistischen Strukturen in ihrer Hometown. Einige andere Gruppen, mit ähnlichem Background, brauchten noch solche Erfahrungen wie im Dezember 2002 in Kopenhagen als die antizionistische Linke gegen den EU-Gipfel aufmarschierte. Die AANO mobilisierte zwar noch zum Gipfel, machte aber eine Woche vorher einen kompletten Rückzieher, weil sie die antizionistische Dimension der unterschiedlichen Aktionen in Kopenhagen dann doch noch wahrnahm. Die Hallenser Antifaschisten, die sich auf den Weg machten, mussten vor Ort die Prügel von der versammelten antizionistischen europäischen Linken einstecken. Der Skandal war da. Interessierte zwar nur wenige, aber in der antifaschistischen Szene im Osten, war mehr oder weniger klar: Aktionen gegen die EU im europäischen Maßstab sind zukünftig zu unterlassen.

Es setzte sich immer mehr durch, dass jahrelang die Theorie völlig außer acht gelassen wurde, und dementsprechend ein Nachholbedarf besteht. Bisher war die Strategie der AA/BO, wenn etwas nicht mehr genügend Masse mobilisierte auf ein neues Thema aufzuspringen, statt die vergangenen Fehler einmal zu analysieren. Nach dem Aufstand der Anständigen sah es ein wenig anders aus. Die blinden Flecken Antisemitismus und Antiamerikanismus innerhalb der Linken und die deutsche Ideologie allgemein wurden von vielen in dieser Zeit zum ersten Mal wirklich erkannt und offen benannt. Die Phase 2 machte bei dieser Debatte noch eine relativ gute Figur. Einzig lustig zu erwähnen wäre der damalige Standpunkt des BGR, dass die Neonazis nun auch keine Relevanz mehr haben, und deshalb die Antifa ihre übliche Arbeit einzustellen hätte. Gut, dass damals nicht alle diesem Blödsinn folgten…

Doch dies war 2003. Danach folgte 2004. Getreu dem Motto „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ fing das BGR letztes Jahr mit dem selben Anti-EU-Quatsch an wie andere vor zwei Jahren, zwar nicht auf den üblichen europaweiten Mobilisierungen, aber dafür innerhalb Deutschlands. Ausgerechnet zum 60. Jahrestag des D-Days wollten die Leipziger ernsthaft in Berlin gegen die EU, statt gegen Deutschland, demonstrieren. Zum Glück konnte dies verhindert werden, und wurde dann im Sommer letztendlich nur eine kleine Demonstration in Leipzig.

Nach diesem Debakel für das BGR, lag ja glücklicherweise gleich wieder ein neues Thema vor: Antifa. Als hätte es all die Debatten der letzten Jahre nicht gegeben, einer vom Leipziger ThinkTank nicht selber noch Ende September in der Jungle World erklärt, dass Antifa ausschlafen bedeutet, sprich nicht jeder Neonaziaktion eine Reaktion entgegenzusetzen wäre, waren sie allesamt am 03.Oktober 2004, statt auszuschlafen, oder in Erfurt gegen Deutschland auf die Straße zu gehen, wohl in Connewitz, um ihr linkes Wehrdorf gegen die Bedrohung durch Christian Worch und 140 seiner besten Kameraden zu beschützen.

Nun ist eigentlich nur noch die Frage ob die Materie über den Geist siegte, oder es sich um das alte Phänomen handelt welches immer mit dem Spruch ‚links blinken, rechts abbiegen‘ umschrieben wurde. Aller zwei Jahre, am Beispiel des BGRs, nun sogar fast jedes Jahr, das Betätigungsfeld zu verlegen, weil vorher der Zuspruch zu gering war, ist ein Farce die sich kaum in Worte fassen lässt. Das Schwanken zwischen den Position führt zu völliger Vernebelung und Anbiederung an die linksdeutsche Masse. Vorgestern Antirassismus, gestern Europa und heute die Neonazis zu thematisieren und morgen vielleicht die Feinde des Westens, kann ja noch okay sein, aber jedesmal zu behaupten, die neue linksradikale Innovation am Start zu haben, quasi am Puls der Zeit zu sitzen, macht genau jene erwähnte Farce aus.

Es ist so, wie die „Genossin Susanne“ in einem Beitrag für die Jungle World auf die Linke gemünzt sagt „Die Analysen der deutschen Gesellschaft werden immer wieder vergessen, sobald sich ein paar tausend deutsche in vermeintlicher Opposition zum Staat auf die Straße gehen“, nur das es ein wenig verändert, der Realität des BGRs angepasst, so klingen müsste: „Die Analysen über die Antifa werden immer wieder vergessen, sobald ein paar Neonazis in ein Länderparlament einziehen, und/oder sich ein paar tausend Linke gegen einen Neonaziaufmarsch mobilisieren lassen.“

Gut, nicht nur die Phase2 ist vom Bewegungshopping betroffen. Das beste Beispiel neben der zweiten Phase gibt derzeit die Jungle World aus Berlin. Diese sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Gerade sie zeigt auf den ersten Blick, man braucht sich nur die Titelseiten der letzten Jahre anschauen, die linke Beliebigkeit in Höchstform. Vielleicht liegt es ja daran das es Zeitungen sind, die sich in Deutschland verkaufen müssen. Doch dies ist wirklich kein vernünftiger Grund mit der Fahne im Wind auf Abonnentenjagd zu gehen, statt kritische Theorie zu betreiben.

Es sind genauso die alten linken Mythen, wie das Bewegungshopping, der Massefetisch und die noch immer währenden kapitalistischen Sachzwänge auf der einen Seite, aber auch die eigene Borniertheit, Eitelkeit und Selbstzufriedenheit auf der anderen Seite, die Zeitungsprojekte wie Jungle World und Phase 2 zu einer unangenehmen Lektüren werden lassen.

In den Politprojekten BGR und KP Berlin sieht es fast genauso aus. Beiden geht es nur noch darum Themen aufzugreifen, mit denen viele Menschen mobilisiert werden können. Womit die Sache auch beim Namen genannt werden kann: praktischer Opportunismus. Das BGR schafft es dabei noch am besten als das kritische Gewissen der Bewegung aufzutreten. Die KP in Berlin hat spätestens seit der gemeinsam mit Attac und der ALB organisierten Anti-Hartz-Demonstration am 03. Januar 2005, aber eigentlich schon seit dem 03. Oktober 2003, ihre ernsthaften Probleme mit der kritischen Theorie ganz offen zur Schau gestellt.

Ohne Zweifel, lässt feststellen, dass das BGR sowie die K&P sich von der eigenen Ohnmacht, und dem eigen politischen Umfeld dumm machen lassen haben, und das Netzwerk der recht kleinen ‚antideutsche Antifa‘ dies nicht nachmachen sollte… Ohne dabei jetzt in Revolutionsromantik zu ergehen, aber die Perspektive durch ständiges Fahne in den Wind halten schneller oder überhaupt zum Kommunismus zu gelangen ist noch geringer, als einzusehen, dass es, gerade in diesem Land eine verdammt unrevolutionäre Zeiten ist in der nur eine einzige Fahne in den Wind gehört…

Und zum Schluß eine Drehung um 180 Grad… Jetzt oder nie; kritische Praxis und Theorie – Phase 3

Der Tanz um das Volk, oder seine linken Protagonisten, geht immer hin und her; mal wird distanziert kritisch getanzt, mal eng umschlungen. Es ist immer auch ein Tanz um den größten Erfolg. Trennen davon können sich nur die wenigsten. Den Tanz links liegen lassen hielten weder die KP in Berlin, noch das BGR in Leipzig lange durch. Bleibt die Frage: Warum?

Gerade beim BGR verwundert die neueste Trendwende; ihre inhaltliche Intervention vor vier Jahren die Antifa sei nicht mehr der Hebel für linksradikale Politik, sondern neue Themenfeldern seien jetzt zu bearbeiten, war ja nicht gerade eine Eintagsfliege. Doch schon im letzten Jahr bröckelte es in der Argumentation, und vom BGR wurde die Notbremse gezogen. Erst praktisch auf der Straße am 03. Oktober in Connewitz, später dann im sächsischen Pirna, dann, um es plausibel zu machen, theoretisch in der Phase 2 Ausgabe Nummer 14.

Die ewige Quadratur des Kreises: Wenn nichts mehr hilft, dann helfen die Neonazis…

Die alte Leier; je weiter die Antifa sich versuchte mit anderen Inhalten auseinander zu setzen, die über das: ‚Neonazi, den machen wir platt‘, hinaus ging, wurden es immer weniger Menschen die daran teilnahmen. Mit fundierter Kritik an Deutschland waren in den letzten Jahren nur noch wenige Menschen auf die Straße zu mobilisieren. Selbst mit der als Kritik an der EU getarnten Variante funktionierte die erhoffte Mobilisierung nicht. Doch nun gab es wieder Hoffnung, ein zweiter Aufstand der Anständigen droht, diesmal aber auch von den damaligen Kritikern mit angeschoben.

Bleibt immer noch die Frage nach dem warum? Es ist noch nicht ganz so wie im Sommer 2000, doch der damalige Aufstand musste sich ja auch erst warmlaufen. Diesmal ebenso. Diese Phase wird aber bald vorbei sein, das Ziel ist nämlich beim zweiten Versuch leichter zu durchschauen, oder um es deutlicher auszudrücken, es liegt auf der Hand: Die 60. Jahrestage der Befreiung vom Nationalsozialismus. Und dies in einer Zeit, wo sich Rot-Grün gerade auf allen diplomatischen Wegen um einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat bemüht.

Eine Zeit also in der das Ausland auf das Inland schaut, weil nicht wenige glauben in Germany eine Alternative zu den USA zu haben.

Eine Zeit, 60 Jahre nach dem letzten Versuch die Weltherrschaft an sich zu reissen, die industrielle Vernichtung der JüdInnen zu betreiben, sowie viele weitere Schweinereien, jenseits jeglicher Menschlichkeit zu begehen.

Einer Zeit in der sich das Inland normalisiert fühlt, seinen Opfern von der so genannten Vertreibung sowie von den alliierten Bombenattacken vor 60 Jahren offiziell betrauert, und dementsprechend über 60% ihr Unbehagen auf JüdInnen und Israel offen zum Ausdruck bringen und wenigsten 50% die dies ähnlich bei MigrantInnen sehen.

Wir sind eben wer, und kommen nach dem Abzug der Alliierten langsam aber sicher wieder zu uns. Modernisiert und mit neuen Ideen, aber weiterhin den alten Idealen verbunden. Eine logische Konsequenz aus dieser Entwicklung kann nur sein, dass die Nostalgie, dass wir einmal tausende Antifaschisten mobilisieren konnten, schleunigst weg muss. Wurzen liegt fast 10 Jahre zurück. Eine solche Mobilisierung aus autonomen Antifakreisen heraus wird es nach dem 11. September 2001, dem Irakkrieg sowie der innerlinken Nahostdebatte nicht mehr geben. Und, um mit dem regierenden Bürgermeister meiner Mutterstadt zu sprechen, das ist auch gut so.

Was als nicht ‚gut‘ zu bezeichnen wäre, ist die braune Entwicklung in Deutschland. Doch verwundern sollte sie auch nicht. Nach einem rechten Konsens muss eben nicht zwangsläufig ein linker kommen, auch wenn Rot-Grün die Bundesregierung stellt, sondern es kann auch ein neonationalsozialistischer Konsens werden.

Das Fazit daraus wäre, die bürgerliche Gesellschaft, wird immer mehr eine Schimäre in Deutschland, vor allem aber in der Zone. Dies muss man vor Augen haben, bevor man agiert… Denn Antifa ist in einem ganz anderen Sinne, der Kampf ums Ganze, nämlich der Kampf um die Aufrechterhaltung/Rückgewinnung der Möglichkeit eine soziale Revolution in diesem Land überhaupt machen zu können. Der Kampf gegen die Träger der deutschen Ideologie war anfangs einer gegen die Neonazis, nun, nach vielen Debatten wächst die Erkenntnis, dass es vor allem ein Kampf gegen den ganzen deutschen Mob, auch dem linken, sein muss, um überhaupt Sinn zu machen..

Die Ironie der Geschichte ist, dass viele Antifaschisten in den 90er Jahren unbewusst das Richtige gemacht haben, und als ihnen dies bewusst wurde, schnell umgeschwenkt sind, um das Falsche zu machen. Unter anderem deshalb ist der rechte Konsens in der Zwischenzeit ein deutscher Konsens gegen das Amerika des George W. Bush und das Israel von Ariel Sharon geworden. Dieser zieht sich von radikal links bis extrem rechts und auf der Straße bei unzähligen Friedensdemonstrationen in der Zone wurde er sogar schon erfolgreich erprobt.

Die Antwort auf diese Entwicklung kann nur Kritik und Praxis, aber nicht mehr KP, heißen. Einer Kritik die zuvörderst die alte Praxis schonungslos seziert um überhaupt wieder zu einer neuen zu kommen. Das hat aber leider kaum Zeit. In den nächsten Monaten und Tagen fängt die neue deutsche Welle des Gedenken an die Befreiung und einher gehend die Versuche damit politische Kapital für das ’neue alte‘ Deutschland zu schlagen. Kanzler Schröder, sein Pinguin Fischer und das Feuilleton werden schon für die richtige Stimmung sorgen.

Es gibt nur wenige die diese Stimmung wirklich vermiesen können. Wir und die Neonazis sind auf jeden Fall zwei davon. (Ein möglicher Irankrieg wäre der Dritte.) Die Neonazis deshalb weil sie der weltweiten Öffentlichkeit, die jainteressiert in jenen Tagen zuschaut, deutlich zeigen was hier in dem Land noch so alles auf die Menschheit wartet. Deshalb wird jetzt schon vorgesorgt. Im konservativen Berliner Lokalfernsehen RBB wurden am letzten Samstag zum Beispiel schon wild getrommelt um am 8. Mai 2005, Tag der Befreiung, den angemeldeten Neonaziaufmarsch am Brandenburger Tor zu verhindern. Diese Schande, Neonazis an diesem Tag unter dem Wahrzeichen der Stadt, muss verhindert werden, tönten einhellig der Trendsetter Ströbele, Sozialdemokraten alà Schily sowie nicht wenige Journalisten.

Wir können aber auch unseren Beitrag leisten, und damit meine ich nicht, dass wir uns in die Ketten der BürgerInnen am 8. Mai in Berlin einreihen sollten. Wir sollten den deutschen Gedenkreigen stören wo wir nur können, und Dresden im Februar kann dabei nur der Anfang sein, sowie die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach halten. Unsere Kritik an Deutschland kann derzeit mit recht geringem Aufwand durch spektakuläre Protestaktionen gerade bei den offiziellen Anlässen deutlich gemacht werden.

Die breite Öffentlichkeit, selbst die linke, wird dabei niemals auf unserer Seite stehen, dass war sie auch immer nur solange, wie wir auch etwas für die Szene, die Kommune oder/und den Staat geleistet, sprich nur die störenden Neonazis bekämpft und damit die linke Einheitsfront und den deutschen Staat in ihren ureigenen Vorhaben unterstützt, haben. Doch dies sollte nicht weiter stören, zwei wichtige Erkenntnisse bleiben: Jugendarbeit, zwar immer der Konjunktur des Themas unterworfen, war das Erfolgsprojekt der Antifa und sollte in Zukunft nicht komplett aufgegeben werden.

Die zweite wichtige Erkenntnis war: Kritische Theorie und Antifa: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Dies sollte für die Zukunft zumindest in unseren Merkheftchen stehen. Dabei können gerne neue Fehler gemacht werden, aber dürfen dabei die alten nicht wiederholen. Doch, wie gesagt, dazu müssen wir diese dazu auch kennen…

Zum Abschluß ein Blick in die etwas weitere Zukunft: Wie die GenossInnen von der Gruppe Bricolage aus Hamburg in der letzten Jungle World forderten, führt kein Weg an der Organisierung kosmopolitischer Kommunistinnen vorbei. Genauso nicht wie an der Suche nach neuen Bündnispartner. Spontan fallen einem dabei immer nur ein Beispiel ein: Die Presse im Ausland.

Und da alles vielleicht für die Katz sein kann, dies sollte wirklich dringend eingerechnet werden, müssen natürlich auch Fluchtmöglichkeiten ausgebaut werden. Kontakte ins nichtbefreundete Ausland wie mensch als Zonenbewohner sagen würde…

Quelle

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