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Auflösungserklärung der [AJABernau]

Auflösungserklärung der autonomen Jugendantifa Bernau [AJAB] / 28.12.2005

„Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert, tausendundeine Nacht – und es hat Zoom gemacht.“ (Klaus Lage, Rockopa)

Der Zoom, konkret die Auflösung der Autonomen Jugendantifa Bernau [AJAB], war nicht mehr zu verschlafen, wobei die besonders Ausgeschlafenen unter uns eh schon lange an der Fortführung antifaschistischer Lokalpolitik zweifelten.
Last exit – first step
Die beste Auflösungserklärung aller Zeiten

Schließlich erübrigte sich antifaschistische Selbstverteidigung in Ermangelung an glatzköpfigen Sparringspartnern, was die Streetfighter in unseren Reihen längst zu einer schier unerträglichen Passivität verdammte, der auch die Dokumentation mannigfaltiger Graffitis keinen Abbruch tun konnte. Und selbst wenn die Bernauer Neonazis um das Nationale Bündnis Preußen (NBP) einmal in die Öffentlichkeit traten, wusste man nicht zu sagen, was nun ekelhafter gewesen sei, der Aufmarsch der braunen Kameraden oder die Gegenaktivitäten der aufrechten Deutschen. Na klar, man hätte sich natürlich auch an dem Bündnis beteiligen, die antifaschistische Subkultur, wie wir noch zum Antifaweekend 2004 postulierten, stärken können. Doch erstens waren die potentiellen Mitstreiter im Kampf gegen Neonazis, Améry hätte sie ehrbare Antisemiten genannt, selbst nicht besser und zweitens bestand hier in Bernau nie wirklich die Notwendigkeit eines solchen Bündnisses.

Das Auftreten der Rechten im Alltag war immer überschaubar, bezeichnenderweise stilisierten wir in unserem letzten, schon einige Monate zurückliegenden Vortrag über rechte Strukturen im Jugendtreff DOSTO an und für sich harmlose Orte, wie das Puschkinviertel und den Militaria Shop, zu Brown Areas und übertrugen dabei unbewusst beinahe unsere eigene Professionalität auf das Engagement der Neonazis, obwohl wir noch nicht einmal konkrete Informationen über regelmäßige Treffen der lokalen Kameradschaft NBP hatten. Die schon angesprochenen öffentlichen Auftritte waren ausschließlich dem Gutdünken des Märkischen Heimatschutzes, wie beim ersten Bernauer Aufmarsch nach ´45 am 21. April 2004 oder der ebenfalls in Bernau agierenden Deutschen Volksunion verschuldet, die im Januar diesen Jahres eine Demonstration gegen den linksradikalen Jugendclub koorganisierte, auf den am selben Abend – und so blöd können sich wahrscheinlich nur Nazis anstellen – ein Sprengstoffanschlag verübt wurde und der dadurch bis in die überregionalen Schlagzeilen geriet um dort freilich die Unschuld vom Lande zu mimen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ging in Bernau von rechter Seite bis auf eine weitere Demonstration und einen Übergriff keine nennenswerten Impulse aus, was unserer Braunen Chronik zufolge bis heute sich auch nicht geändert hat.

War für uns nicht bereits schon 9|11 Grund genug die linke Gesinnung einschließlich allen Attachements zu entsorgen, mussten wir sprichwörtlich durch die Hölle gehen um dann endlich da anzukommen, wo niemand hin wollte: nein, nicht in den Himmel, sondern ins Nirgendwo. Doch um nach Manfred Dahlmann „vom Kritiker in der linken Gemeinschaft zum Kritiker an der linken Gemeinschaft zu werden“ ist es ein langer Weg. All zu oft haben wir das Unmögliche möglich zu machen versucht, zunächst noch, weil wir weder einige Relikte kindlicher Allmachtsphantasien, noch die naive Hoffnung aufzugeben bereit waren, man könne den einen oder anderen zum Nachdenken bewegen – naiv deshalb, weil die geistige Bewegung unserer alten Weggefährten, einem Perpeto Mobile gleich, nicht mehr dann aus dem Takt geraten kann, wenn sie sich von externen Einflüssen isoliert. Diese Bewegung war nicht mehr und nicht weniger, als das, was der hemmungsloser Wahnsinn des linken Gesindels, anders deren psychopathologische Projektionsleistung legitimiert: die Konstruktion einer Gemeinschaft, die Isolierung des Anderen und der konsequente Vernichtungswunsch im Fall der Fälle.

Als wir selber noch im DOSTO verweilten, artikulierte sich dieser Dreischritt regelmäßig auf den Plenas, die mit dem neuen Sozialarbeiter kamen und früh schon den alten (vom Trägerverein des Jugendclubs geschassten) vermissen ließen, obwohl dessen Stories aus der Münchener Autonomenszene irgendwann auch nicht mehr fetzten und sich allmählich eine Hassliebe einstellte. Mit dem Plenum wurde ein Kontrollinstrument geschaffen, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hat. Die neuen Werte, Offenheit und in erster Linie Transparenz, welche zuvor überhaupt keine Rolle gespielt hatten, sodass jeder machen konnte, was er wollte (und die Verantwortlichen noch ein wenig mehr) kamen – und das ist kein Zufall – zeitgleich mit den Antideutschen. Da der antideutsche Turn ein interner Prozess war, angeregt durch den Flyer Coole Kids tragen kein Palituch, können wir das mit apodiktischer Gewissheit behaupten. Irgendwann sind wir dann bekanntlich rausgeflogen, wahrscheinlich wäre dies schon früher passiert, wenn nicht einige wenige doch etwas Menschlichkeit vertreten und viele andere das antideutsche Feindobjekt nicht gebraucht hätten, wie die Luft zum Atmen. Oft haben wir den vielen anderen, aber auch den einigen wenigen ihre unterschiedslose Überflüssigkeit vor Augen geführt, was erfreulicherweise dazugeführt hat, dass auch unser Standort überflüssig geworden ist. Nicht weil die dummen Linken in Bernau sich unsere Kritik zu Herzen genommen hätten, sondern weil der Herzstillstand der linken Community spätestens jetzt endlich nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Einige empirische Belege für diese Diagnose und chronologische Auszüge aus unserer alten Krankenakte sollen nun abschließend etwas Großes zu Ende bringen, damit etwas Kleines beginnen kann.
Stellvertreterklassenkampf

Wie hätte es auch anders sein können, begann unsere politische Sozialisation in einer Bewegung. Dass bei einigen zuhause die Luft förmlich brannte, spielte freilich eine übergeordnete Rolle nach einer Ersatzfamilie zu fahnden. Die Verdächtigen waren leicht zu identifizieren: lange Haare, weite Hosen und vor allem Aufnäher und Nieten, oder vornehmer Accessoires, waren damals eindeutige Indikatoren dafür, dass es sich bei den wandelnden EMP-Katalogen um Leidensgenossen handeln muss, die mit dem System ebenfalls nicht klar kommen, vielleicht aber nur auch nicht mit den eigenen Eltern. Apropos: Unsere Eltern waren entweder alternativ (hörten also Radio Eins und kauften hin und wieder Bio-Produkte), wählten die PDS (wie weiland die SED) oder waren gebildet.

Unser erster Schritt in den berühmt-berüchtigten Jugendtreff DOSTO musste uns vorkommen, wie wenn wir damals vom Shoppen aus Berlin wieder in der Provinz angekommen sind. Interessant ist in diesem Kontext der Umstand, dass wir nicht nur alle das Gymnasium besuchten, sondern viele von uns einst aus Berlin, wenn auch teilweise aus Plattenghettos wie Hellersdorf, mit ihrer Familie hergezogen waren. Ganz anders die indigenen Platzherren und –damen, die unsere Schule verächtlich `Gymmi` schimpften – was natürlich nur der in den Mund nehmen würde, der eine solche Institution nie zu besuchen legitimiert war. Überdies wohnten die Alteingessenen aus dem Jugendtreff größtenteils schon länger in Bernau oder einem umliegenden Kaff, wenn sie nicht sogar dort geboren wurden. Zunächst war diese Melange aus anti-intellektueller und lokalpatriotischer Attitüde unsympathisch, sie hinderte uns in unserem jugendlichen Eifer jedoch nicht daran im DOSTO unser Headquarter einzurichten, obwohl uns von Anbeginn klar war, dass sich hier Proleten und Streber, Eingeborene und Zugezogene antagonistisch gegenüberstehen würden.

Die Gruppe die im Schatten dieser Auseinandersetzung allmählich größer wurde, als die CDU-Fraktion in der Stadt, nannte sich Aktion Rot. Sie symbolisierte den Versuch die Klassenunterschiede aufzuheben ebenso, wie dessen Scheitern. Nachdem wir uns nämlich – Adolf wäre stolz auf uns gewesen – in der Bewegung auflösten, löste sich alsbald die Bewegung selbst auf. Vielleicht waren zwei Führer einer zuviel, wahrscheinlich der auserkorene Feind der Bewegung, die Bernauer Neonazis zu marginalisiert oder aber doch der bürgerlichen Integrität einiger ein Dorn im Auge? Möglich auch, dass irgendwann auch der letzte seine Freundin in Chucks gefunden und die letzte ihren springergestiefelten Freundinnenkreis hermetisch gegen die andere Clique abgeriegelt hat. Aktion Rot war tot.
Was ist links?

Einige Monate später erblickte die Autonome Jugendantifa Bernau [AJAB] das Licht der Welt, wenn auch von der Intensität des Sonnenlichts noch ein wenig verblendet, war doch organisierte Antifa-Politik in Bernau so alt wie die AJAB selbst. Zuvor fiel die Stadt mit einigen dezidiert lächerlichen Aktionen gegen den Rechtspopulisten und Unternehmer Dirk Weßlau und die ersten Gehversuche der NPD auf. Schon damals wollte sich niemand ernsthaft mit Missständen auseinandersetzen, was sich vor allem dadurch artikulierte, dass Gegenaktionen immer die Lachmuskeln, nie aber die grauen Zellen anzustrengen hatten. So bastelten wir einmal Schilder mit Aufschriften, wie `Kiffer ins Arbeitslager`, um gegen den Besuch von Roland Schill zu demonstrieren ohne auch nur eine Sekunde unseres selbstgefälligen Grinsens einem Gedanken über den Inhalt der Aussage zu opfern. Man mag einwenden, dass dies sich in der Jugend nun einmal so verhält, aber andere Provinzkäffer, so dachten wir, hatten doch auch eine ernst zu nehmende Antifa, genauso wie die auch Neonazis und mindestens einen Rechtspopulisten hatten. Wir wollten, um es auf den Punkt zu bringen, einfach keine Hippies mehr, natürlich weiterhin links und für den Kommunismus und so sein, aber ziviler Ungehorsam war doch auf Dauer so langweilig, wie Matheunterricht oder Familienausflüge.

Nun also machte sich eine Jugendantifa auf den Weg die verkrusteten, linken Strukturen aufzubrechen, eigene Akzente zu setzen und selbstbestimmt, also autonom, linksradikale Politik zu betreiben. Zur Vorgeschichte müsste an dieser Stelle ein paradigmatischer und ein unkonventioneller Sachverhalt zur Veranschaulichung ins Feld geführt werden. Der Gnade der späten Geburt zu verdanken, war der Umstand, dass nur kurze Zeit nach unserer antifaschistischen, die antideutsche Sozialisation begann, was sich anfangs im Wesentlichen dadurch bemerkbar machte, dass auf Naziaufmärschen eben die Israelfahne mitgenommen wurde. Überdies besuchten wir, bevor der Ernst des Lebens endgültig begann, ein Antisemitismusseminar. Zwei Referenten gaben uns dort die Basics an die Hand, darüber hinaus wurde neben Rollenspielen und Diskussionen unter anderem eine Frage zu beantworten versucht, die damals noch eher einer Selbstbeschreibung gleich kam: Was ist links? Gerade weil diese Frage viel mit uns zu tun gehabt hatte, blieb sie unbeantwortet, gerade weil sie niemand zu beantworten vermochte, wurde sie zunächst verdrängt. Es ging schließlich um eine neue Gruppe, um eine neue Identität. Für eine Antifagruppe, die erst 2004 gegründet wurde, war dies eine typische Genese.

Eher untypisch hingegen erscheint aus heutiger Distanz, die als Anwesenheit getarnte pädagogische Funktion unseres neuen Sozialarbeiters auf dem Antisemitismusseminar, der und das ist entscheidend, eng mit dem Demokratischen Jugendforum Brandenburg (DJB) verbunden und in der hauseigenen Bildungsoffensive aktiv ist. Ebenfalls in da house ist der für das DOSTO verantwortliche bif.ev, genau wie so ziemlich alle anderen linken Vereine und Jugendclubs in Brandenburg, so auch das Horte in Strausberg, wo der äußerst eloquente und engagierte Strippenzieher zuvor vermutlich auch anderen Kids nicht nur den Sozialarbeiter, sondern auch den Antifa-Guide gegeben hat. Besonders prekär ist jedoch nicht der Umstand, dass hier jemand mehr als nur seinen Job gemacht hat, viel unheimlicher ist die Tatsache, dass ein einzelner Verein, der im Übrigen Antideutsche so gar nicht leiden kann, dermaßen Einfluss auf Jugendliche und ihren Versuch ausübt, den autoritären Strukturen der linken Lehrjahre zu entkommen. Im Gegenteil: Die Rebellion gegen die alten Hierarchien ging ummittelbar über in eine latente, uns zunächst nicht bewusste, Subordination unter den frischen Wind, der mit dem neuen Sozialarbeiter, dem personifizierten Kollektivbewusstsein, in den Jugendclub einzog und uns alsbald hinauswehte. Genau dieses Kollektivbewusstsein, dass sich hier und da auch pluralistisch gibt ohne aber sein Wesen zu verlieren, eben jenes ist die Antwort auf die Frage, was denn nun links sei, die – wie das Seminar und die darauf folgenden Monate verdeutlichten – beinahe unmöglich oder nur sehr mühsam zu finden ist, wenn die verdinglichten Avantgardisten dieses Bewusstseins einem über die Schulter gucken, über die man nicht mehr schauen, da man den alten Liebe- und Hasspredigern selbst nur noch die kalte Schulter zeigen will.
Ohne Freud kein Über-Ich und ohne Über-Ich keine Freude

Der folgende Schritt vorwärts war nicht wie bei Lenin in Wahrheit zwei zurück. Er war dennoch eher eine Flucht nach vorn, bei der man alles stehen und liegen lässt und nur das Nötigste mitnimmt, was aber schlechthin bedeutete, dass des Pudels Kern erhalten blieb. Schnell lernten wir, dass obwohl wir Parolen wie `Nie, Nie, Nie wieder Deutschland` mittlerweile mit einer unglaublichen Sensibilität zu intonieren perfektioniert hatten, längst noch keine Antideutsche waren. Dafür musste man, so erfuhren wir bald, erst die Bahamas lesen, sein Outfit aufrüsten und anstatt pogen zappeln gehen. Zum Glück konnten wir aber unsere Carhartt-Hosen, Sonnenbrillen, Caps und Windbreaker behalten, wobei festzuhalten ist, dass wir einige dieser Szenecodes aus unterschiedlichen Gründen noch heute mit uns herumschleppen und sie uns an die süße Sucht nach Identifikation erinnern, wie das Steißbein den Menschen daran, dass er vom Affen abstammt. Der Schritt in die antideutsche Popantifa glich aus heutiger Perspektive einer konservativen Revolution: angesagte Szenecodes setzten sich aus alten und neuen Elementen zusammen, so zum Beispiel aus Aktionismus und Theoriefreundlichkeit.

„Doch statt Schlagwortpropaganda und Antipragmatismus gibt es in den USA und in Israel zum Glück Think Tanks und eine Politik, die sich als Kunst des Möglichen versteht und dennoch um ihre Ziele weiß. Nicht gleich alle Ziele, sondern diese Form bürgerlicher Politik hätten viele Antideutsche sich zueignen sollen.“, so Hannes Gießler in seinem Text Über die Gemeinsamkeiten von antideutscher Politik und der Werbung für Klingeltöne. Damit spricht er eine Problematik an, über die es zu sprechen lohnt, auch wenn er sich in seiner Argumentation angreifbar macht, da er selbst verschiedene Ansätze bezüglich antideutscher Politik auf DIE Antideutschen reduziert. Niemand kommt eben an Angebot und Nachfrage vorbei, alles ist falsch – keiner allein vermag daran etwas zu ändern, jeder aber dürfte in der Lage sein, das Dilemma zu erfassen. Als auch bei uns das eigenständige Denken noch in den Kinderschuhen steckte, der Stil unserer und anderer antideutscher Publikationen, wenn man so will, nur Copy&Paste kannte, war man froh, dass einst Christoph Kolumbus die Bahamasinseln entdeckte, die 500 Jahre später eine Zeitschrift in ihrer Namensgebung inspirierten. Trotzdem man im jugendlichen Seefahren geübt war, stellte die Bahamasdemo in Kreuzberg und Neuköln ein besonders eindrucksvolles Abenteuer dar, dass ebenso ausdrucksvoll von den Seefahrern unter uns, die durch den Antizionistischen Ozean geschifft sind, wiedergegeben werden kann, wenn auch eingestanden werden muss, dass für uns damals identitärer Reichtum wichtiger war und unsere Geschichten noch heute denen von Käpt`n Blaubär gleichen. Was man uns jedoch zu gute und Hannes Gießler vorhalten muss, ist nicht nur die Hoffnung auf eine Emanzipation des Denkens trotz der Zurichtungen, der es sich auch in antideutschen Kreisen aussetzen muss, sondern die empirische Gewissheit, dass man sich und seine Kritik weiterentwickelt, auch wenn man wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten – außer vielleicht Hannes Geißler – dem Verstand nach Dinge unter Begriffe subsumiert. Nicht destso trotz ist es jedoch notwendig den Ton zu überprüfen, auch und gerade weil der bekanntlich die Musik macht.
Go East – part I

Richtig gerockt hat zweifellos der Trip nach Erfurt, dorthin hatten nämlich AANO und mila26 zur bundesweiten Demonstration gegen das Deutschlandfest am 3. Oktober geladen. Der Aufruf wurde zuvor auf einem Plenum diskutiert und für gut befunden, ein eigenes Transparent gemalt – im Übrigen handelte es sich dabei um unseren Klassiker Gegen Jeden Antisemitismus – und Tage vor dem Event bereits das lässigste Outfit aus unzähligen Kombinationen ausgewählt. Die Anreise mit der Bahn war spektakulär, sammelten wir doch ernsthaft Geld um den Hund einer Punkerin zu alimentieren, der nicht bereit gewesen war, das nötige Kleingeld für seine Beförderung aufzubringen. Wenig später jedoch bereuten wir unsere gute Tat, da sich die Hundebesitzerin mit dem Verweis auf Menschlichkeit einmischte, als wir einen zugestiegenen Nazi anpöbelten.

Überhaupt erinnern wir uns an ziemlich viele analoge Exempel toleranter Punks, es scheint fast so, als wären die verständnisvollsten Fürsprecher des braunen Mobs eben jene irokesenfriesierten, ledergejackten Nieten. So wurde uns im DOSTO immer mal wieder von der Punkband `SS-Oberbrutal` vorgeschwärmt („Die sind echt geil, die treten echt in SS-Uniform auf.“), so trafen sich Punker aus unserem Umfeld mit einem vor Ort bekannten Neonazi zum Erfahrungsaustausch („Der will mit den Linken zusammen gegen die Russen kämpfen.“), so hörte man in linken Kreisen primär von Punks von Bekanntschaften und gelegentlichen Saufgelagen mit rechten Volksgenossen („Trinken kann man mit denen auf jeden Fall.“). Warum das so ist, wusste Wolfgang Pohrt schon 1973, als der Punk sich allmählich anschickte, die Welt so zu verändern, dass alles beim Alten bleibt: „Die nur als Kritik richtige Erkenntnis, ein jeder sei einstweilen ein armer Teufel, dumm und unterdrückt, führt nicht mehr zu verletztem Stolz und wütendem Aufbegehren, sondern sie wird schamlos breitgetreten und als beglückendes Erlebnis einigender Verbundenheit in gemeinsam ertragener Unterdrückung genossen.“

In Erfurt angekommen, trafen wir glücklicherweise keine weiteren Punker, lässt man die jämmerlichen Gestalten am Kicker im besetzten Haus einmal außen vor. Dort spielte sich derweil ein paradoxes Szenario ab. Während der leitkulturelle Act der Antideutschen, die Berliner Band Egotronic, sicherlich schon in vergleichbaren Muchten gespielt hat, sahen sich die Bahamas-Redakteure, welche neben der Bar ihre Zeitschrift und Distinktionsgewinne (Buttons) verkauften, wahrscheinlich in ihre Zeit als K-Gruppe zurückversetzt. Leider betranken wir uns nicht ausreichend – vielleicht hatte uns ja die Begegnung mit den drei Nonnen zuvor in der Erfurter Innenstadt unbewusst manipuliert – sodass wir uns wiederum des Zustandes unserer Schlafplätze allzu bewusst waren und der war, wie es sich für ein besetztes Haus gehört, schlimm. Nicht dass uns die 50 anderen Genossen störten, die den penetranten Geruch von der Tanzfläche mitbrachten oder die unangenehme Angewohnheit stark alkoholisierter Schlafender lautstark zu schnarchen unsere Nerven strapazierte, aber dass die einzigen Matratzen volluriniert waren, ging dann doch zu weit. Viele Gründe also Deutschland zu hassen. (Diese Gegenliebe war nebenbei auch das Motto des Aufrufs und der antideutschen Demonstration.) Auf dieser wurde am nächsten morgen nicht so wirklich klar, wer und warum nun eigentlich wen hasst. Vielmehr blieb es bei resttrunkenen Bekenntnissen, denen wir nun ein weiteres hinzu fügen möchten.

Die Rückfahrt im Regionalzug verbrachten wir mit einem Punker, der morgens in Erfurt nach einer Party in einem Raum aufwachte, wo die Sause stattgefunden haben muss. Jedenfalls nahm er von den verbliebenen alkoholischen Ressourcen soviel mit, wie er tragen konnte, was sich durchaus sehen lassen konnte und uns veranlasste einen Waffenstillstand zu beschließen, um guten Gewissens mit dem Punker einen drauf zu machen. Dass auch die Schaffnerin unsere Eskapaden duldete, lächelnd durch die Bierpfütze in unserem Gang watete und auch den Haschischgeruch im Raucherabteil wohlwollend zur Kenntnis nahm, war zumindest bis der Rausch seine Wirkung verlor, Anlass an der Wirklichkeit zu zweifeln.
Hub…Hub…Hubschraubereinsatz

Hält man es mit Watzlawick, müsste wohl allen Politgruppen, so auch der Antifa unterstellt werden, dass sie die Wirklichkeit so konstruieren, dass sie in ihr Weltbild passt und um es im Jargon der politischen Ökonomie zu formulieren, verwertbar ist. Vermeiden lässt sich das Konstruieren und Korrigieren freilich nicht und dennoch sollte es eine Maxime sein sich in der Politik davon zu emanzipieren, wie ein jeder in der bürgerlichen Gesellschaft frei sein kann und zwar bis zu dem Punkt, an dem einige in Kommunen und Kibbuzim vor der allumfassenden Realität flüchten und sich damit auch der Möglichkeit entziehen, diese überhaupt kritisieren zu können. Der kluge Text fighting reality von Laatsch, der in der Incipito (17/2005) erschien, ist ehrlich genug den Zustand „des Exils in der bürgerlichen Gesellschaft“ als „Scheitern in Permanenz“ auf den Begriff zu bringen, „welches dem kritischen Gedanken als solchem inne wohnt, die ewig währende Unzufriedenheit darüber, alles zu wollen, aber darum zu wissen, dass alles was man kriegen kann, eine Mischung aus Arbeit, kulturindustrieller Bedürfnisbefriedigung (in seinem Sinn eines gesellschaftlichen Verhältnisses) und ideologischem Müll ist“ und schlussfolgert daraus für den Kritiker einen Status Quo, den er als „permanente Pubertät der Kritik“ treffend umschreibt.

Ideologischer Müll war mit Sicherheit auch das Antifaweekend 2004, genauso wie das Motto `Antifa is not a crime` pubertär, aber unkritisch einem Missstand anprangerte, den Antifas nicht zufällig immer dann ins Feld führen, wenn die eigene Passivität allzu offensichtlich erscheint und man zu erahnen vermag, wie unerheblich die eigene Existenz, ob nun für eine nationalbefreite Zone oder eine nazifreie Stadt, ist. Statt die Bedeutungslosigkeit als solche zu akzeptieren, malten wir die Realität in schwarz und weiß und spielten wie in der Grundschule Räuber und Gendarm. Höhepunkt des Unsinns war die Antifademo, die sich auf den Tag genau sechs Monate nach dem ersten Naziaufmarsch am 21. April zum Lautsprecher der Unterdrückten stilisierte, wobei der Lautsprecherwagen bezeichnenderweise an diesem Tag nicht funktionierte. Da hatte es den knapp 60 Opfern polizeilicher Repression und Willkür wohl die Stimme verschlagen, waren doch mehr als doppelt so viele Beamte im Einsatz. Für die Gefahrenprognose der Polizei im Rahmen der Vorbereitung auf den Einsatz mussten aber auch Paranoiker verantwortlich gewesen sein, anders ist nicht zu erklären, dass auch noch ein Hubschrauber das Geschehen von oben beobachtete.

Wahrscheinlich waren wir damals schon keine richtigen Antifas mehr, unser Zynismus jedenfalls war stärker, als das Bedürfnis uns über die, wie es so schön heißt, massive Polizeipräsenz auszuheulen. Heute haben wir die Ambivalenz der Antifa zum Rechtsstaat verstanden. Einerseits implizieren Racketbildung und Direct Action den infantilen Wahn qua unvermittelter Beziehungen gesellschaftliche Konflikte auszutragen, andererseits wird bevor man sich über die logischen Konsequenzen seiner Selbstjustiz öffentlich beklagt, die „Polizei um Erlaubnis [gebeten], sich versammeln zu dürfen“. (aus der Rede an die Münsteraner Genossen)
Go East – part II

Diejenigen unter uns, die noch bei ihren Eltern wohnten, können ein Lied davon singen, mussten sie – so gar nicht revolutionär – bei Mutti und Vati antanzen, um sich den `Ausflug` nach Dresden legitimieren zu lassen. Doch da auch unsere Familien mit einem Volksempfänger ausgestattet waren und von dem angekündigten rechten Großaufmarsch anlässlich des Jahrestages der angloamerikanischen Bombardierung Dresdens wussten, konnte man sich die Ausrede (mit dem Freunde besuchen) sparen, außer man arbeitete gerade ohnehin an neuen Strategien seine Eltern anzulügen. Davon, dass wir uns bei Bomber Harris unter anderem dafür zu bedanken gedachten, dass wir frei nach Karin Quade (anti-anti-americanism.com) bei unserem Abschied von unseren Eltern `Ciao` statt `Heil Hitler` sagen konnten, wussten diese zum Glück nichts.

Nachdem wir zuvor noch in Guben dem 1999 von Neonazis zu Tode gehetzten Farid Guendoul gedachten, erreichten wir mit reichlich Verspätung die Dresdner Innenstadt, wo bereits 500 Menschen auf unseren, also den Berliner Bus warteten, der auch noch stilecht von einer Polizeieskorte zum Auftaktort der `No tears for Krauts`-Antifademo begleitet wurde. Zwei von uns schafften jedoch aufgrund massiver Magenschmerzen nicht einmal 100 Meter, dafür aber die 1000 zum nächsten McDonalds. Ein anderer versuchte mit einem seit kurzem in Deutschland lebenden Israeli, der sich spontan der Demonstration anschloss und die Fahne seines Heimatstaates trug, eine Konversation zu führen, die spätestens nach seinem Outing als Leser der `Deutschen Stimme` schlussendlich zu der Erkenntnis führte, dass ein Israeli ebenso wenig gut sein muss, wie eine antideutsche Demo.

Die Nacht verbrachten wir in einer Turnhalle, die der Antifa zur Verfügung gestellt, jedoch nicht wie die Diazschule in Genua von der Polizei gestürmt wurde, was man am nächsten morgen aber durchaus hätte vermuten können. Unweit unseres Nachtlagers, dass aus Isomatten bestand, auf denen Grundschüler sonst Purzelbäume schlagen, richteten sich einige Leipziger Genossen und die Autonome Bande Süd ein, vor denen noch zu sprechen sein wird. Erstere zerstörten schnell alle unsere Hoffnungen auf eine ruhige Nacht, als sie sich nämlich mit Speed und Spirituosen auf ein Level begaben, dass nun so gar nicht mit dem unseren in Einklang zu bringen war. Also entschlossen wir zunächst aus taktischen Gründen mit den Leipzigern Freundschaft zu schließen. Zu unserer Überraschung erfuhren wir, dass einer der Leipziger schon mal bei einem Goa-Open-Air in Bernau war und ganz und gar nicht überraschend war, dass ihre politische Arbeit, kaum über Nazihunting hinausgeht – Nazis aber auch nur dann vor die Fresse bekommen, wenn sie keine Fans von Lokomotive Leipzig sind. Offensichtlich hatten die Leipziger lange keinen Neonazi mehr zu Gesicht bekommen, oder aber diese hatten immer einen Fanschal um den Hals, jedenfalls schienen sie doch ziemlich unausgelastet zu sein. Das Amphetamin tat sicherlich sein Übriges, sodass sie bis spät in die Nacht durch die Halle turnten, Fußball spielten und herumgrölten. Da die Belziger, die auch dort nächtigten, offenbar noch schlafbedürftiger waren als wir, übernahmen sie den ungeliebten Part und versuchten den Mob zu disziplinieren, bis sie dann irgendwann entnervt aufgaben und die Autonome Bande Süd ihren Platz einnahm.

Einer von uns gesellte sich alsbald zu den Nachwuchsantifas aus Cottbus, was sich vielleicht doch noch auszahlen sollte. Kraft einer guten Menschenkenntnis wurde die Gutmenschlichkeit der Cottbusser schnell erfasst und umgehend erste missionarische Schritte eingeleitet. Der Mythos des `Bombenholocausts` konnte den Jungs noch damit ausgeredet werden, dass die Nazis, gegen die sie am nächsten Morgen zu demonstrieren gedachten unter diesem Motto aufmarschieren wollten. Dass die Neonazis aber auch die angloamerikanische Befreiung Bagdads als Völkermord verurteilten, hielt sie nicht davon ab, das selbe zu propagieren. Tragik und Komik waren in der Diskussion kaum noch zu differenzieren, was die Kids da von sich gaben, spottete wirklich jeder Beschreibung. Als unser Diskutant energisch den Irakkrieg verteidigte, wurde ihm in gebrochener Stimme, fast schon kreischend, erwidert, er wäre ein Verbrecher, was sich in regelmäßigen Abständen, nur immer eine Tonlage höher, wiederholen sollte, sodass auch die anderen unserer Genossen aufwachten und dem Treiben amüsiert und genervt zugleich zusahen.

Weniger lustig war hingegen, dass wir bei unserer Rückfahrt mit dem Bus, den wir in Dresden nach dem Naziaufmarsch noch verteidigen mussten, auf einer Raststätte gerade noch unbemerkt an vier Bussen vorbeifuhren, in denen zu viele Kameraden saßen, als dass wir es mit ihnen hätten aufnehmen können. Waren wir auf der Hinfahrt noch `Locker flockig in den Osten` gefahren, wie es auf dem Ticket hieß, war von Entspannung auf der Rückfahrt nicht zu reden, was sicherlich auch an den Folgen der Nacht in der Turnhalle gelegen haben mag. Die Autonome Bande Süd scheint die Worte in der Turnhalle mittlerweile doch ernst genommen zu haben, jedenfalls trafen wir ihren Anführer am 3. Oktober in Potsdam, wo er stolz berichtete, dass sie gerade auch ein Antisemitismusseminar in Cottbus organisierten. Wenn sie auch noch diesen bescheuerten Namen gewechselt haben, hätten sich die geistigen Anstrengungen in Dresden wohlmöglich doch noch gelohnt. Auf das sie in einem Jahr ihre Auflösungserklärung schreiben!
König von Deutschland

„Die Antifagruppen, die etwas auf sich halten feiern die Befreiung ihres Provinznestes […]“ konstatierte die Autonome Antifa Nordost in ihrem Anti-Aufruf Warum wir am 8. Mai nicht auf die Straße gehen. Zwar hatten sie mit dieser Einschätzung durchaus recht, ja wir hielten etwas auf uns, die Schlussfolgerung, dass aber auch wir uns „damit als die verkappten Lokalpatrioten, die Antifas nun mal sind“ offenbarten, war jedoch für unseren Geschmack ein wenig zu fad. Einerseits da auch ohne die Suggestion der AANO, niemand, der etwas auf sich hält mit den Linksnazis von ALB und Attac gegen Deutschland auf die Straße gehen würde und andererseits weil die Verhältnisse in Provinznesten auf die in Metropolen nicht eins zu eins zu übertragen sind. Schätzten wir an den früheren Schriften der Nordostler vor allem den unkonventionellen Style, waren diese Zeilen doch allzu mathematisch, zu logisch um empirische Denkanstrengungen herauszulesen zu können. Man könnte sogar noch weiter gehen und behaupten, dass die AANO ihre eigene Schwäche in einer temporären Demonstrationsaskese rationalisierte, obgleich gerade ihr doch immer ein Grund einfiel auf die Straße zu gehen und zu allen Überfluss auch noch auf die übertrug, die ihren ideologisch hinterhinkenden Stadtnationalisten einen mitgeben wollten. Die traditionell totalitarismusdoktrinären Teutonen sind schließlich genauso wenig ausgestorben wie die Dinosaurier, jedenfalls wenn man Jurassic Park ernst nimmt. Und uns vorzuwerfen, wir würden mit unseren Texten und Auseinandersetzungen im Dienste der Berliner Republik die Aufhebung von Ungleichzeitigkeiten vorantreiben, geht wohl deutlich zu weit, da werden auch die Nordostler zustimmen. Das mag jetzt den Linken ein wenig spanisch vorkommen, sofern sie mit ihrem Latein ohnehin nicht schon zu Ende sind, wir waren vieles, aber eben nie eine Satellitengruppe und zwar weder von der AANO, noch vom Mossad.

Der mit roten Sowjetfahnen drapierte Fahrradkorso durch die Bernauer Innenstadt mit Panzerkettengeräuschen und O-Tönen von Durchsagen der Roten Armee an die deutsche Bevölkerung war die mit Abstand fetteste Aktion, die wir je auf die Beine gestellt haben, ohne dass sie irgend ein Über-Ich vom Kopf auf die Füße stellen konnte. Unser Aufruf Der Weg nach Berlin führte über Bernau, so unausgereift er aus heutiger Sicht erscheinen mag, sorgte damals und sogar noch heute für heftige Diskussionen und zwar nicht nur, wie man zu erwarten hatte, im DOSTO, sondern auch im Bernauer Gymnasium, dort also, wo alles begann. Die Redaktion der Schülerzeitung druckte den Text erst kürzlich in der neuesten Ausgabe des `El Dorado`, auf deren Cover ein durchgeschlagenes Hakenkreuz vermutlich das Comeback des politischen Journalismus in der Schülerzeitung verkünden sollte und gleich vor einem Beitrag über Guantanamo Bay, der sich vor allem durch fundiertes Unwissen auszeichnet. Doch wie auch immer, antideutsche Kritik ist immer dann instrumentalisierbar, wenn sie sich den Kampf um die Köpfe auf die rote Fahne geschrieben hat. Zwar kolportierten wir in unserem Aufruf den Exodus aus der Linken, doch noch schlug das Herz nicht nur im anatomischen Sinne links. So freuten wir uns über das Lob eines Lehrers, so als hätten wir für einen Augenblick den Grundsatz negativer Kritik aus den Augen verloren, was dem inneren Ringen von Verstand und Gefühl nun wirklich die Krone aufsetzte. Doch will man, so lautete wohl die Gretchenfrage, wie einst Rio Reiser wirklich König von Deutschland sein?
Gangs of Bernau

War man mittlerweile rational genug kein Linker mehr zu sein, machten einem die Emotionen hin und wieder einen Strich durch die Rechnung, die man zunächst nur in Raten zahlen konnte. Bis die Schulden endlich beglichen waren, musste also noch eine Menge passieren: Obwohl Bundesadler und Friedenstaube auch in Bernau unter Artenschutz stehen, schoss die Bernauer Linke gerade mal eine Woche später den Vogel ab, sodass unsere Polemik es schwer hatte mit den Ereignissen Schritt zu halten, obwohl wir – um mit Broder zu sprechen – sehr wohl wussten, dass der Antisemit immer eine Nasenlänge voraus ist. Was sich aber am 27. April auf den Bernauer Marktplatz ereignete, war an Skurrilität nicht zu überbieten und veranlasste uns unsere Koordinaten neu zu definieren: Im Traumzauberland der deutschen Realität war offensichtlich alles möglich, der Aufzug der Neonazis mehr als nur ein Aufmarsch.

Die Bernauer Volksgemeinschaft, also alle Linksradikalen bis zu den nicht ganz Rechtsradikalen, erhielt keine polizeiliche Legitimation für eine eigene Kundgebung um zu demonstrieren, dass Bernau alles toleriert, außer es handelt sich um „Fremdenhass“ oder um „antideutsche Verleumdungen“, wie es die Bernauer Stadtverordnetenversammlung in einer Erklärung verlautbaren ließ. Nicht weiter schlimm möchte man sagen, kennt man die Konsequenz nicht, die von den Toleranzextremisten gezogen wurde: Sie schlossen sich nämlich allen Ernstes dem Aufmarsch an, um Gesicht zu zeigen, wie sie es nennen mögen, statt nach Hause zu gehen und im Spiegel ihre erbärmlichen Fratzen zu betrachten. Schaut man sich die eben zitierte Erklärung der Stadtverordnetenversammlung, genauer die Aufzählung der Erstunterzeichner an, kommt man nicht herum eine antifaschistische Volksgemeinschaft zu konstatieren: Von links wie Enkelmann (PDS) bis rechts wie Streese (Unabhängige Fraktion, früher Schillpartei). Diese besteht hierzulande überall, genau das ist die deutsche Realität. Scheitert diese Gemeinschaft in Bernau einmal an rechtsstaatlichen Prinzipien, ist sie sich jedoch nicht zu schade – und eben darum wähnten wir uns im Traumzauberland – auf unkonventionelle Strategien zurückzugreifen, womit sie jedoch nur die Ausnahme sind, die die Regel bestätigen.
Die Pferdelobby und ihre Machenschaften

Sowohl im Traumzauberland, als auch in der Stadtverordnetenversammlung fühlt sich eine Frau zuhause, die zwar selbst keinen Hehl aus ihren Namen macht, deren Hang zum Narzissmus wir aber an dieser Stelle genauso wenig supporten, wie wir ihre Affinität zum Nazismus aussparen wollen. Auch wenn sie für Politik genauso wenig geschaffen ist, wie ein Pazifist für den Nahkampf, betreibt sie dort seit über zwei Jahren Lobbyarbeit für das linksradikale Lager und zwar über die Alternative Jugendliste (AJL). Der Homepage der AJL zufolge stellte sie seitdem lediglich zwei Anfragen und zwei Anträge. In einem der Anträge forderte sie in antirassistischer Manier eine dezentrale Unterbringung von Asylbewerbern. Der zweite Antrag hingegen hatte mit linksradikaler Politik nichts mehr zu tun, erklärte dafür aber die peinliche Bilanz ihrer Arbeit. Anscheinend blieb der Pferdefreundin einfach zu wenig Zeit, setzte sie sich doch so selbstlos für den Reitverein Integration e.V. ein, für den sie einen Investitionszuschuss von 15.000 Euro zur Reitplatzüberdachung forderte. Wenn man jedoch bedenkt, dass an einem derart infantilen Antrag (zum Beispiel schreibt sie, dass „beim Verein 8 Pferde für rund 100 Mitglieder aktiv“ sind) auch nicht lange geschrieben worden sein kann, drängt sich der Verdacht auf, dass sie den Großteil ihrer Zeit selbst mit „voltigieren und reiten“ verbringt und nicht nur die „behinderte[n] und nichtbehinderte[n] Kinder“ sich freuen würden, bald nicht mehr nass zu werden, wenn es regnet.

Zumal der Friedensritt am 9. Juli diesen Jahres unseren Vorwurf, die misanthropische Stadtverordnetin wolle nur reiten und interessiere sich nicht für die Belange ihrer Wähler, zusätzlich untermauerte. Schließlich steht das Reiten für den Weltfrieden für nichts anderes, als für den kindlichen Traum einer Welt, in der jedes Mädchen Wendy heißt und lächelnd über grüne Wiesen galoppiert, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es diese Welt im Gegensatz zu den fundamentalistischen Friedensreitern nicht gibt und dem Ritt somit etwas Revolutionäres anhaftet und zwar nicht trotz, sondern wegen der Tatsache, dass prinzipiell wohl auch Schröder und Fischer an der Aktion teilgenommen hätten. Der Lobbyismus, den die Stadtverordnete ausagiert, ist nicht nur der Ausdruck von Eigennutz – der von ihr und anderen Friedensfreunden den ach so Mächtigen von der amerikanischen Ostküste projektiv vorgehalten wird – sondern wird auch an eine überpersönliche Idee konnotiert, die als Quelle des Bösen in der Welt Washington, New York (und ihren sogenannten Brückenkopf im Nahen Osten) ausgemacht hat.

Dagegen muss sich gemäß deutscher Ideologie eine Masse guter Menschen erheben, am besten noch eine, die aus eigener Erfahrung weiß, wie schlimm Terror und Gewalt sind, also die Deutschen und wenn die gerade mal nicht mobilisierungsfähig sind, dann eben ihre Pferde. Auch deshalb „steht die antideutsche kommunistische Kritik vor der schier unlösbaren Aufgabe, den deutschen Zustand nicht etwa mit, sondern nur gegen die Massen abschaffen zu können“, wie es Sören Pünjer einmal in der Bahamas formulierte, denn „nach Auschwitz ist die paradox anmutende Aufgabe des Revolutionärs in Deutschland die Verhinderung einer Revolution statt ihrer Beförderung, solange diese nur notwendig eine deutsche sein kann, wie es sie ähnlich bereits zwischen 1933 und 1945 gab.“
Sexismus und andere Windmühlen

Ein szenetypischer Habitus in der Antifa ist der reflexartige Aufschrei, wenn rassistische und sexistische Schläger Dorffeste und andere öffentliche Saufgelage heimsuchen und der von Motten zerfressene Klassenwiderspruch nicht alleine im Regen steht, wenn also die Triple-Oppression-Theorie aus dem Ärmel gezaubert werden kann, um der ganzen Welt oder zumindest sich selbst zu beweisen, wie radikal man doch ist. Rassismus und Patriarchat werden dann zu gleichberechtigten Widersprüchen kapitaler Vergesellschaftung und zu Unterdrückungsmechanismen der `herrschenden Klasse` hochstilisiert, wahrscheinlich um dem anvisierten Objekt der Agitation gute Gründe an die Hand zu geben doch den Kapitalismus zu überwinden, wenn dieses sich nicht unter einem fiktiven Proletariat zu subsumieren bereit ist, was heutzutage offensichtlich auch nur noch für die trotzigsten Trotzkisten in Frage zu kommen scheint. Möglicherweise geht es aber auch nicht um die Revolution, sondern einfach darum Zeit totzuschlagen, so wie sich vielleicht – und das müsste erst einmal widerlegt werden – der gute, alte Don Quichotte um die Ausweglosigkeit seines Kampfes gegen die Windmühlen bewusst war und nur aus Langeweile die Konfrontation suchte.

Wie auch immer, die Existenz einer elementaren Differenz zwischen dem Feierverhalten von Neonazis und gesinnungsverwandten Prolls, also prosten-pöbeln-prügeln, verglichen mit dem der Antifa entbehrt jeder empirischen Grundlage. Warum dann also diese scheinheilige Political Correctness? Da auch wir uns um ein antisexistisches und antirassistisches Lippenbekenntnis bemühten, folglich in der Woche vor dem Hussitenfest auf Plakaten den Normalzustand skandalisierten und den Text Zwischen Kirmes und Schlägereien verfassten, kann die Beantwortung dieser Frage uns überlassen sein. Besonders qualifizieren wir uns jedoch dadurch, dass wir angeregt durch einen Reader der Jungdemokraten/Junge Linke eine gruppeninterne Sexismusdebatte führten, die zu nichts führte außer zu der Erkenntnis, dass alle männlichen unserer Mitglieder, einschließlich einige Frauen unter uns Sexisten sind, weil wir nicht nur mehr, sondern auch lauter und aggressiver reden, Pornos schauen und schmutzige Phantasien haben, (wenn auch zynische) frauenfeindliche Witze machen und vor allem, weil wir Vergewaltiger nicht die Eier und dann den Kopf abhacken würden. Und nun zur Antwort auf die Frage: Political Correctness ist nichts anderes als eine Schutzbehauptung des linken Neurotikers, der aus Angst des linken Über-Ichs in Gestalt von Tugendwächtern und Sozialarbeitern einerseits seine Triebe und andererseits seine vom Konsens abweichenden Ansichten unterdrückt. Da man um sich für einen besseren Menschen zu halten nicht kritisch sein, das eine das andere sogar zwangsläufig ausschließen muss, fällt es vielen nicht schwer das Dilemma zu verdrängen und von diesen wiederum dürften einige wohl zu den Vollidioten gehören, die Jahre lang den patriarchalen Konsens brechen wollen und wenig später mit Politik aufhören, eine Familie gründen und ihre Frauen schlagen.
Sterne und Streifen

Die anti-imperialistische Maxime – Sexismus bekämpfen – bewog natürlich ganz zufällig nach dem Vergewaltigungsvorwurf an einen Berliner Antideutschen auch die Bernauer Linke Vergewaltigern, Täterschützern und Mackern in der eigenen Szene bis hin zur Androhung physischer Gewalt unter Druck zu setzen. Als uns kurz vor unserem Rausschmiss jemand, der sich im Übrigen für einen richtigen Kerl hält, als `MännerMackerZungenbrecher` titulierte und damit nur knapp eine klassische Alliteration vergeigte, konnten wir nur müde lächeln. Nun galt es ausgeschlafen zu sein und sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, den Idealismus der linken Knochenbrecher zu spüren bekommen. Zum Glück nahmen die es mit der direkten Aktion nicht so genau und beschränkten ihr Engagement auf Aufkleber mit so beschaulichen Botschaften, wie `Vergewaltiger wir kriegen euch alle`. Bedrohlich wurde es nur, wenn wir unseren Abend mal im Casa de la Plaza verbrachten, wobei wir nebenbei gesagt ohnehin nur noch in diese Kneipe und den marrokanischen Imbiss gingen, der eigentlich ein palästinensischer ist und auf dessen Tresen Flyer aus dem DOSTO liegen und eine Spendenbox für die terroristische Vorfeldorganisation Islamic Relief steht. Ging es den antisexistischen Ghostbusters schon noch um die maskulinen Antideutschen, wurden in der besagten Kneipe auch schon mal Frauen aus unserer Gruppe angepöbelt, einer sogar mal – noch dazu von einem Mann – Prügel androht.

Um das peinliche Verhalten der radikalsten unter den linksdeutschen Zivilisationsfeinden zu illustrieren, sei an dieser Stelle auf eine Party eines Genossen im ohnehin schon flächendeckend germanisierten Biesenthal eingegangen. Da zu einer identitätsstiftenden Party nicht nur Bourbon und Electro gehört, sondern selbstverständlich auch eine Stars and Stripes und viele Partygäste, die sich von dieser provoziert fühlen, endete auch diese furiose Feier fatal. Irgendwann fiel irgendjemand nämlich das Verschwinden des sorgfältig angebrachten Hinguckers im Partyzelt und des für diesen Beutezug einzig und allein in Frage kommenden Rackets aus dem DOSTO auf. Die Nachricht, dass die Fahne weg sei, sahen wir nur kurzzeitig im Kontext mit Bierkonsum und Mundgeruch, begriffen also schnell, dass die ungeladenen Gäste es wirklich wagten, uns unsere Identität zu nehmen, wie sie es wahrscheinlich für sich auslegten. Wenige Tage später berichtete uns der betrübte Besitzer von Location und Fahne, dass die verbrannten Reste des guten Stücks bei ihm in der selben Nacht im Briefkasten gelandet wären. Allen tiefenpsychologischen Gewissheiten zum Trotz, scheint sich Dummheit also ab und zu auch noch mitteilen zu wollen, ein Paradoxon, das wir natürlich nur begrüßen können, wie wir uns überhaupt immer freuen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Schade nur, dass wir zum Wahlkampfauftakt der Linkspartei in Bernau im August nicht mit dem XXl-Modell des ewigen Klassenfeindes aufrockern konnten, sondern uns mit der mediokren Version begnügen mussten, um dort einmal mehr festzustellen: Es geht um Deutschland.
Die RAF lebt!

Wunderschön war auch der Anblick der brennenden Mülldeponie im September. Nachdem wir uns eines Abends zuvor im Casa de la Plaza deliriös betranken, fuhren wir im eleganten Kombi des einzig nüchtern Gebliebenen die B2 entlang, parkten am Seitenstreifen und hielten einen Moment inne. Dicke Rauchschwaden zogen, durch den nächtlichen Mondschein hell erleuchtet, am bedrohlich drein schauenden Horizont vorbei, ein Schauspiel, das durch unseren Rausch angemessen sekundiert, einige von uns animierte auf der Straße einen nahezu rituellen, durch minimalistische Autoradiotunes forcierten Tanz aufzuführen, bis dann wirklich gar nichts mehr ging. Damals war uns aber, soviel muss gesagt sein, noch nicht klar und vor allem nicht bewusst, dass es sich bei dem Feuer um einen, ja, terroristischen Akt eines sozialrevolutionären Anwohners handelte, der unter Beifall der Bernauer Volksgemeinschaft dem ortsansässigen Groß(müll)konzern GEAB den Garaus machen wollte, hatte dieser doch die der Volksgesundheit schadende Kakerlakenplage in die Stadt gebracht.

In unserem Text Von Heuschrecken und Kakerlaken versuchten wir den Zusammenhang dieser Ungeziefer zu pointieren, wobei natürlich unübertroffen gewesen wäre, wenn der Gestank des Mülls wirklich Heuschrecken auf die Deponie und damit in die Wohnzimmer der Bernauer Volksgenossen angezogen hätte. Doch auch so war es ziemlich skurril, was sich da in unserer Hometown abspielte: der General höchstpersönlich, Bürgermeister Hubert Handke, schaltete sich ein und begann die Krise zu lösen, the german way versteht sich, also kameradschaftlich. Als symptomatisch erwies sich einmal mehr die öffentliche Fahndung nach den Brandstiftern. Da niemand ernsthaft etwas daran auszusetzen hatte, dass es auf der Deponie lichterloh brannte, zeigte man mit dem Finger auf die verschuldeten Unternehmer, diese hätten skrupellos das Feuer selbst gelegt und wären dann auch noch feige geflüchtet.

Richtig! Falsch!

Wahrscheinlich wird man uns das Gleiche nun auch vorzuwerfen versuchen. Feige wäre es aber nur, wenn wir weitermachen würden, da anderswo neue Herausforderungen auf uns warten und Kritik im schlimmsten Fall dessen Objekt am Leben erhalten kann, wie der Tropf einen im Koma liegenden Patienten. Zwar konzentrierte sich antideutsche Kritik, so auch die unsere, auf die deutsche Linke und ihre Rolle als Verdopplungsinstanz, was im Einzelnen für uns bedeutete, der Antifa immer wieder vorzuwerfen mit anderen Mittel das zu exekutieren, was im Kanzleramt und dessen Think Tanks beschlossen wurde und die globalisierungskritischen, friedensbewegten und sozialrevolutionären Kräfte als willige Vollstrecker des deutschen Projekts auf den Begriff zu bringen. Immer öfter schlich sich jedoch das Gefühl ein, dass der Linken mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als sie verdient. Doch den Schuh müssen wir uns selber anziehen, stiefelten wir doch zu den Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober nach Potsdam, um den vermeintlichen Genossen auf die Finger zu schauen. Dass wir anschließend die Potsdamer Peinlichkeiten dokumentierten, war aber eher der Hoffnung verschuldet, nicht die einzigen in der antideutschen Antifa zu sein, die sich der linken Last entledigt haben.

Wie dieser Auflösungserklärung vielleicht zu entnehmen ist, spielte für uns die Auseinandersetzung mit der Freudschen Psychoanalyse – damit auch die Auseinandersetzung mit sich selbst – eine wichtige Rolle für die Abkehr von der Linken. Alles schien, schenkte man dem Instanzenmodell und den Abwehrmechanismen Glauben, hell zu erleuchten, die dunkelsten Ecken seiner Persönlichkeit sich der Wahrnehmung zu offenbaren: Das in Wirklichkeit nach Anerkennung strebende Aufbegehren den eigenen Eltern gegenüber musste zunächst dazu führen, dass man sich den oben genannten Bewegungen anzuschließen veranlasst sah – denn das bestimmende Prinzip der Adoleszenz ist die konforme Rebellion, ein unbewusster Vorgang, der spätestens dann zum Fetisch wird, wenn die Rebellion an Substanz verliert. Dann erscheint nämlich die Odyssee der Jugend, das Aufmucken und Anbiedern, als natürlicher Prozess, an dem nicht zu partizipieren unmöglich sei, obwohl doch eigentlich offensichtlich ist, dass es sich um ein gesellschaftliches Produkt handelt. Selbstverständlich ist es wichtig zu lernen, zwischen Trieb (Es) und Moral (Über-Ich) zu vermitteln um sich seiner selbst bewusst zu werden und doch ist es falsch in dem Sinne, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Utopie nach Emanzipation als solche verewigt. Das Dilemma besteht also in der Unbrauchbarkeit der Erkenntnis für ein glückliches Leben hier und jetzt, in der Unzufriedenheit des Daseins, denn so hat Adorno es formuliert: „Es gibt nichts Richtiges im Falschen.“
Quo vadis?

Eine Moralanstalt, wie auch immer man sie nennen mag, ermöglicht die Frustration zu kanalisieren, das passende Label verschafft dem Realisten den nötigen Distinktionsgewinn und rettet den Idealisten vor dem drohenden Utopieverlust, liefert es doch etwas, woran er sich festhalten kann. Labels sind jedoch immer repressiv – unterdrücken im Sinne der Gemeinschaft die partikularen Interessen – und eben darum auch so attraktiv für junge Menschen, die Marx zu ernst nehmen, weil sie die zwar Welt verändern, aber nicht erst interpretieren wollen. Nicht dass wir Nachwuchsneocons geworden sind oder zum Marsch durch die Institutionen geblasen haben, man wird den einen oder die andere von uns nur öfter bei Dussmann, denn bei Infoveranstaltungen sehen, wo einige vielmehr als sehen, wohl gesehen werden wollen. Abgesehen von den zahlreichen Blogs, auf denen Antideutsche neuerdings eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie noch nicht einmal im Ansatz Politik und Privatleben von einander zu unterscheiden versuchen, gibt es wohl keinen anderen Ort, an dem Identität vor Inhalt geht und das leider auch nur, weil sich sonst kaum Gelegenheit bietet, das antideutsche Ticket einzulösen.

In unserem letzten Text Poststalinistischer Antifaschismus explizierten wir unter anderem am Exempel eines Referates über Antisemitismus im Jugendtreff DOSTO die Sinnlosigkeit antideutscher Interventionen innerhalb der Linken. Die Aktionen in Potsdam und die Kampagne zu Paradise Now unterstrichen für uns, dass antideutsche Antifapolitik in der heutigen Zeit nicht funktioniert, woraus freilich zu schlussfolgern ist, dass sie das unserer Meinung nach schon einmal getan hat. Doch vorbei sind die Zeiten nach 9|11, in der genau diese Politik wesentlich dazu beigetragen hat, die Linke als Erben der Nationalsozialisten zu desavouieren und den politischen Islam ins Zentrum antifaschistischer Kritik zu rücken. Längst nämlich ist die Linke verstaatlicht und der öffentliche Ton gegenüber Islamisten verschärft worden, weshalb antideutsche Interventionen häufig ins Leere laufen. Und dass der Iran „Israel von der Landkarte zu tilgen“ wünscht, ist nicht erst seit Ahmedinedschads Äußerungen vor einigen Wochen bekannt. Die Kundgebung gegen die antisemitische Demonstration in Neukölln am Al-Quods-Tag, auf der selbsternannte antideutsche Staatsfeinde und deutsche Staatsfreunde aus allen Lagern eifrig miteinander kuschelten, machte eines ganz besonders deutlich: Die Ideologie des Staates ist schneller als die seiner vermeintlichen Feinde, wie Lucky Luke auch schneller als sein Schatten schießt. Labels sind nämlich nicht nur repressiv und identitätsstiftend, sie bremsen auch die Entwicklung des kritischen Gedanken und der Individualität schlechthin. Dem Notarzt gleich, der zum wiederholten Male zu spät an der Unfallstelle eintrifft, weil er sich aus Selbstverliebtheit zuvor noch die Haare waschen musste, fehlt antideutschen Interventionen zumeist der gebotene Pragmatismus oder anders gesagt, so etwas wie Instinkt.

Unser last exit ist der Abschied vom linken Label und vom Etikett der antideutschen Antifa. Damit erst erscheint es uns möglich sowohl privat, als auch politisch individuell zu agieren, nur so können wir uns weiterentwickeln, ohne vor irgendjemand Rechenschaft ablegen zu müssen und ausschließlich auf diese Weise garantieren, zukünftig nur den eigenen Interessen nachzugehen. Wie wir es geschafft haben, uns „weder von der eigenen Ohnmacht noch von der Macht der anderen dumm [gemacht haben] zu lassen“ (Adorno), ist mit Zynismus allein nicht erklärt, kann von uns aber auch nicht befriedigender beantwortet werden. Wir lösen uns nicht auf, weil wir uns zerstritten oder gar gespalten hätten, vielmehr handelt es sich bei unserem first step um eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung mit dem einfachen Ergebnis die [AJAB] aufzulösen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Man soll ja bekanntlich dann aufhören, wenn es am schönsten ist oder anders gesagt, wenn das Weitermachen keinen Sinne mehr ergibt. Et voilà! Die Gangs of Bernau sind so harmlos, wie kleine Kinder, denen die Arme und Augen verbunden wurden, unser individuelles Potential hingegen ist längst noch nicht ausgeschöpft. Was könnte also passender sein als ein Abschied an Weihnachten, wenn es draußen kalt und dunkel ist, drinnen aber warm und hell.

Autonome Jugendantifa Bernau [AJAB]
|x-mas 2005|

Quelle

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