Skip to content

Wir denken mit – wir fusionieren!

Erklärung der Jugendantifa Münster (JAM) und der Antifa Initiative Münster / Juli 2007

„Es geht voran!“ sangen einst die Fehlfarben und konnten dies auch schon
zu ihrer Zeit nicht ganz ernst gemeint haben.
Auch sie werden das immer wieder zu beobachtende, faszinierende Phänomen
in der (deutschen) radikalen Linken gekannt haben: Spaltungen.
In Antiimp und Antideutsch, Theoriezirkel und Praxisgruppe. Nach den
Spaltungen wurde meistens festgestellt, dass auf einmal Kapazitäten
fehlen, da die gleiche Menge an Arbeit nur noch von der Hälfte der Leute
gemacht wird. Das Ergebnis ist nicht selten die Auflösung der Gruppen
und ein Rückzug der Menschen ins Private. Dieses Konzept erscheint wenig
sinnvoll.
Wir denken mit — wir fusionieren!
Die alte Jugendantifa Münster (JAM) und die Antifa Initiative Münster
(AIM) haben beschlossen, diesem Trend entgegen zu wirken und die
Antifaschistische Aktion Münster (AfA-Münster) zu gründen.* Für uns gab
es mehrere Aspekte, die für eine Fusion sprachen. Zum einen bestand
zwischen den alten Gruppen inhaltlich eine sehr große Nähe, was das
Bestehen von zwei Gruppen an sich überflüssig macht und nur Kapazitäten
verschleißt. Zum anderen war der Altersdurchschnitt der Jugendantifa
mittlerweile so gestiegen, dass das Konzept Jugendantifa für die Leute
einfach nicht mehr passte.
Für viele Spaltungen gibt es sicher wichtige und richtige Gründe, denn
wo Veränderung notwendig, da ist Kritik erforderlich und diese kann und
darf auch vor dem in der Linken schlummernden Ressentiment bspw. nicht
halt machen. Aber wo zu Recht „Let?s push things forward!“ gefordert
wird, kann die Schlussfolgerung in Anbetracht der allgemeinen
regressiven Zustände nicht im Rückzug, in der Analyse und Kritik aus dem
Elfenbeinturm heraus, liegen, sondern ist die Offensive gefragt.
ja schön — und jetzt?
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf
gebracht“, wusste Heine schon 1843.
In Zeiten,
in denen der Standortnationalismus und Partypatriotismus unaufhaltsam
stärker zu werden scheinen,
in denen neue deutsche Großmachtsambitionen immer stärker und
unverhohlener wahrgenommen werden,
in denen sich niemand mehr schämen muss, „proud/hip to be a German“ zu
sein und sowieso wir alle Papst sind,
in denen die Hetze gegen Hartz IV-Empfänger_innen soweit geht, dass die
Einführung von Zwangsarbeit für Langzeitarbeitslose gefordert wird,
in denen die Mauer um die Festung Europa immer höher wird und es nicht
mehr möglich wird sie zu überwinden und Flüchtlinge zu Tausenden an den
Grenzen sterben und Menschen tagtäglich abgeschoben werden
in denen der NPD Platz in Landtagen durch bereitwillige Wähler
geschaffen wird,
in denen Schüler_innen mit Schildern „ich bin im Ort das größte Schwein.
ich lasse mich mit Juden ein“ durch die Gegend gejagt werden (12.10.2006
Sachsen Anhalt),
in denen Israel als einzige Gefahr für den Weltfrieden gesehen wird,
in denen Eva Hermann mit ihrem sexistischen Gedankenbrei monatelang in
den Bestsellerlisten verweilt,
in denen gegen emanzipatorischen Kräfte, die sich regen, mit repressiver
Gewalt vorgegangen wird,
wollen wir gegen jedwede Art von Herrschaft und Unterdrückung und für
ein selbstbestimmtes Leben kämpfen.
Für uns heißt das konkret, dass wir „Präventive Antinaziarbeit“
betreiben und antifaschistische Jugendkultur fördern werden.
Präventive direkte Antinaziarbeit zum einen, weil wir uns unglaubwürdig
machen, wenn wir berechtigte Kritik formulieren, ohne in irgendeiner Art
und Weise praktisch aktiv zu werden. Zum anderen aber auch, weil wir den
Ausbau der Nazistrukturen unbedingt verhindern müssen. Wir haben in
Münster noch den Luxus nicht nur in reinen Nazi-Abwehr- und
Selbstverteidigungskämpfen zu stecken, denn die lokalen Nazistrukturen
haben nicht die Kraft uns dermaßen einzuschränken. Lassen wir es aber
zu, dass hier Verhältnisse wie bspw. in Sachsen entstehen und Nazis sich
überall in Jugendzentren und allgemein der Jugendkultur etablieren,
würde dieser Zustand eine Atmosphäre permanenter Bedrohung für alle, die
nicht ins rechte Weltbild passen, bedeuten und ein gesellschaftliches
Klima der ständigen Ausgrenzung entstehen. Darauf haben wir keinen Bock.
Wir brauchen präventive Antinaziarbeit und für diese müssen wir die
Zivilgesellschaft gewinnen. Denn nur dann haben wir die Freiräume andere
Projekte zu realisieren. Ob es überhaupt möglich wäre, die Nazis wieder
einzuschränken, wenn sie sich einmal ausgebreitet hätten ist fraglich.
Wir werden in unserer politischen Arbeit aber nicht nur gegen Nazis
agieren. Ebenso möchten wir eine politische Alltagskultur etablieren.
Für uns liegt ein Schwerpunkt bei der Förderung einer antifaschistischen
Jugendkultur, in der z.B. Sexismus kein Normalzustand sein soll.
Ebenso sollte es für alle, deren Ziel ein solidarisches Miteinander ist,
eine Selbstverständlichkeit sein, in einem möglichen Rahmen theoretische
und praktische Antirepressionsarbeit zu machen. Dazu zählt zum Einen das
frühzeitige Auseinandersetzen mit Repression um unsere Strukturen
möglichst gut schützen zu können und zum Anderen z.B. Solikonzerte zu
organisieren um Leute, die bereits von Repression betroffen sind zu
unterstützen und nicht allein zu lassen.
Ein weiterer Anspruch ist das Intervenieren in soziale Kämpfe.
Sozialabbau führt zu einer konkreten Verschlechterung unserer
Lebensverhältnisse und wird z.B. im Fall der Studiengebühren zur
weiteren Entpolitisierung der Studierendenschaft beitragen. Wir denken,
dass es wichtig ist eine radikale Kapitalismuskritik zu fördern.
Aus dem Niedergang der radikalen Linken heraus lässt sich diese
notwendige Offensive mit dem Zweck alle „Verhältnisse umzuwerfen, in
denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes,
ein verächtliches Wesen ist“ nur schwer zu Stande bringen.

Und der Beitrag, den wir als Münsteraner Antifas in dieser Hinsicht
leisten können, ist selbstredend äußerst bescheiden.
Zumindest haben wir uns dazu entschlossen, uns dem allgemeinen Trend des
Rückzugs ins Private, den Spaltungen aus Befindlichkeiten und den
zahlreichen anderen Linken Kinderkrankheiten zu widersetzten und auch
weiterhin mehr als nur den Nazis den Kampf anzusagen – in Theorie und
Praxis. Unsere Perspektive: Soziale Revolution, weltweit. Darunter geht
nichts.
Als künftige Antifaschistische Aktion Münster, kurz AFA Münster, wollen
wir zusammen und gestärkt in die nächste Runde gehen. Und es gibt noch
viel zu tun.
AFA Münster
*1 Dabei wurde die bestehende Infrastruktur der JAM vertrauensvoll an
neue Leute übergeben, die jetzt die Jugendantifa Münsterland machen.

Quelle

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*