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Antifa oder Antifaschismus

Diskussionsbeitrag in „letzter Hieb“ / 2010

Antifa oder Antifaschismus?
Späte Anmerkungen anlässlich der „Thesen ueber Scheitern, Konsequenz und Gebrauchswert
des Autonomen Antifaschismus“1
Der autonome Antifaschismus, auch bekannt als „Antifa“, sei als politisches Konzept
aufgrund der Unfähigkeit zur Kritik der Gesellschaft und ihrer inhärenten Ideologien
gescheitert, „hat sich selbst ad absurdum geführt“, weshalb ihm der „Gebrauchswert als eines
der letzten Milieus, in dem der Gedanke der Überwindung des Staates hauste und haust“
genommen wurde. Deshalb habe die ganze Veranstaltung schon längst einen affirmativen
Charakter zum Staat und sei überhaupt heutzutage nicht viel mehr als ein „popkulturelles
Phänomen der radikalen Linken für Jugendliche“. So wenig falsch diese Kritik ist, so wenig
redet sie über das eigentliche Problem, nämlich: das Verhältnis des Antifaschismus zur
bestehenden Gesellschaft und ihrer Überwindung, sowie die Rolle der Antifa in dieser
Konstellation. Mit der Bestimmung dieses Verhältnisses müsste eine Darstellung dessen, was
Gegenstand einer kommunistischen Kritik ist, also des Kapitalismus und des Faschismus,
einhergehen.
Klar, das ist zu viel für einen Artikel und war in den Thesen vermutlich auch gar nicht
intendiert. Auch wenn die Kritik am autonomen Antifaschismus nach wie vor, angesichts
seiner bleibenden zentralen Bedeutung für die radikale Linke, eine notwendige und
begrüßenswerte Angelegenheit ist, so gibt es diese Kritik doch schon eine Zeit lang und sie
besitzt auch einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das Problematische an vielen dieser Kritiken,
was auch auf die Thesen zutrifft, ist ihr Verharren in den Kategorien der Politik und der
Symbolik, die letztlich weder mit dem Konzept Antifa, das doch gescheitert sein soll, noch
mit der affirmativen Sphäre, in der es sich abspielt, brechen kann. Das zeigt sich explizit in
den Thesen, wenn Gruppen, die sich am autonomen Antifaschismus orientieren und deren
Unzulänglichkeit gerade noch nachgewiesen wurde, aufgefordert werden, Kritik am
strukturellen Antisemitismus und am Antizionismus zu üben. Dabei darf diese eingeforderte
Kritik aber kein Selbstzweck sein, sondern geht auf die Abschaffung seines Gegenstandes.
Gerade weil die Antifa, aufgrund ihrer eigenen Beschränktheit, diesem Anspruch niemals
nachkommen kann, sollten sich eigentlich auch die Appelle an sie erübrigen.
Die Kritik des autonomen Antifaschismus als politisches Konzept, das bar jeder Radikalität ist
und es nicht vermag das Bestehende kritisch auf den Begriff zu bringen, ist richtig, wird aber
falsch, wenn die Voraussetzungen verschwiegen und als möglicherweise erhaltenswerte
unausgesprochen im Hintergrund gehalten werden. So bleiben die scheinbar konkreten
kritischen Sachverhalte, die in den Thesen benannt werden, aufgrund des Ausbleibens einer
Kritik, die den gesellschaftlichen Zusammenhang des Kritisierten darlegt, nur schlecht-
abstrakt.
Diese Darlegung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, in dem sich natürlich auch die
Antifa befindet, muss auch eine generelle Kritik der (radikalen) Linken – die heilige Kuh, die
niemand schlachten will – einschließen. Ich beziehe mich dabei auf die um das Jahre 1968
sich konstituierende „Neue Linke“, aus der sich meines Erachtens auch die heutige Linke
entwickelt hat und die schon alles das, was der Antifa vorgeworfen wird, als Bestandteil in
sich getragen hat.
Es ist vor allem der Bezug auf den Staat, der von offener Affirmation bis hin zu einer
mechanischen Ableitung keiner grundlegenden Kritik unterzogen wurde. Der Staat ist weder
eine überhistorische Institution, die dem menschlichen Gemeinwesen qua Natur zukommt,
noch ein bloßes Werkzeug der herrschenden Klasse, das sich, je nach eigenem Bedarf,

 

handhaben lässt. Der Staat ist das notwendige Pendant zum Kapital – es gibt das eine nicht
ohne das andere.
Bedeutend für die Kritik an der Antifa ist der damit einhergehende positive Bezug auf die
Politik, die nicht etwa als eine notwendig an den Staat gekoppelte Bewegungsform, sondern
als ein neutrales Feld der Auseinandersetzung verstanden wurde, auf dem jeder und jede ganz
pluralistisch das eigene Anliegen vorbringen könne. Eine kommunistische Staats- und
Politikkritik hingegen weiß, dass es solch einen luftleeren Raum nicht gibt und alle
Auseinandersetzungen (außer dem „letzten Gefecht“) sich nur um gegebene Antinomien
drehen können und sich letztlich immer auf den staatlichen Souverän beziehen müssen oder
zumindest früher oder später von diesem eingeholt werden. Die Linke war nicht nur in dieser
Spiegelfechterei der Politik befangen, sondern ist überhaupt erst konstitutiv aus ihr
hervorgegangen. Die kommunistischen KritikerInnen kamen zwar immer aus der Linken, aber
wurden erst zu KritikerInnen, indem sie sich fundamental von der Linken absetzten.
Der Antifaschismus ist demnach keineswegs ein radikales Projekt, das über das Bestehende
aus sich selbst heraus hinausweisen kann, sondern seinem Begriff und Wesen nach auf dem
Feld der Politik angesiedelt. Das heißt natürlich nicht, dass die einzelnen ProtagonistInnen des
Antifaschismus nicht auch den „Gedanke der Überwindung des Staates“ hegen können. Es
besteht aber kein konstitutives Verhältnis zwischen diesem Gedanken und dem
Antifaschismus. Deshalb muss eine Kritik der Antifa, will sie denn ihren Gegenstand wirklich
treffen, immer eine Kritik der Politik als Form staatlicher Vergesellschaftung und damit eine
Kritik der Linken sein, deren notorisches Elend aus den Zeiten der Friedens- und
Alternativbewegung in der Antifa nur ihre Fortsetzung findet.
Dennoch gibt es einen notwendigen Antifaschismus, im Sinne der kommunistischen Kritik,
der allerdings grundlegend verschieden vom autonomen Antifaschismus ist. Die Shoa, die
Katastrophe schlechthin, ist die antisemitische Vernichtungstat des deutschen Faschismus, die
zwar im Kapital angelegt, aber weit darüber hinaus ging. Die negative Dialektik der
Aufklärung, die sich damit verwirklichte, ist nicht nur angesichts der historisch singulären
Mordmaschinerie eine Abscheulichkeit, sondern trifft auch die kommunistische Kritik in
ihrem Innersten, der es bekanntlich um die Aufhebung der widersprüchlichen kapitalistischen
Gesellschaft geht. Wenn diese Gesellschaft aber in ein geschlossenes volksgemeinschaftliches
Mordkollektiv verwandelt wird, dass das Kapital samt seiner Widersprüchlichkeit als
Klassengesellschaft negativ aufhebt, werden damit auch die grundlegenden Bedingungen der
kommunistischen Emanzipation berührt.
Damit ergibt sich die Notwendigkeit, dass kommunistische Kritik nach Auschwitz immer
antifaschistisch sein muss, ja der Antifaschismus die conditio sine qua non des
Kommunismus ist. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine pragmatische Parteiname für
bürgerliche Zivilisation und vor allen Dingen für Israel, sondern um den Kampf für die
Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus, der gegen den Faschismus, der präventiven
Konterrevolution, gerichtet ist und antideutsch sein muss. In keinem anderen Land außer
Deutschland wurde der Antisemitismus ins Zentrum der Gesellschaftlichkeit gestellt und sich
an die Errichtung der Hölle auf Erden gemacht. Die einzige Möglichkeit diesem Wahn ein
vorläufiges Ende zu machen, wäre die Liquidierung des deutschen Staates gewesen, was aber
bekanntlich nicht geschah. Für das postfaschistischen Deutschland kann es kein zurück zur
zivilisatorischen Normalität geben, denn die epochale Vernichtungstat hat sich fest ins Gefüge
der Nation eingebrannt, aus der es gekrochen ist. Gesellschaftlichkeit stellt sich heute bei den
Deutschen durch Abgrenzung gegen alles her, was sie an ihr antisemitisches Mordwerk
erinnert.
Antifaschismus, wie er hier festgehalten wurde, kann aber, erst recht in Deutschland, kein
Anti-Nazi-Engagement der Antifa sein, was tatsächlich nichts anderes wäre, als sich „als eine
Art von militantem Arm des sozialdemokratischen Antifaschismus“ zu verhalten und sich
letztlich auf die Anwesenheit bei lokalpatriotischen und nationalistischen Events beschränkt.
Es handelt sich dabei um pseudo-praktische Aktivitäten, die Wirkmächtigkeit simulieren
sollen, aber aufgrund des Selbstzweckes, zu dem sie geronnen sind, nur Sinnlosigkeit
offenbaren. Noch schlimmer aber ist die Kollaboration mit dem deutschen
NationalistInnenpack, die gar nicht ausbleiben kann. Antifaschistisch, in seiner angemessenen
Radikalität, wäre der Kampf gegen Deutschland und seine Verbündeten, was lächerlich
klingt, aber schlicht die Wahrheit ist. Solange sich kurzfristig kein Staatenbündnis findet, das
diesen Kampf führt und dem Unterstützung zu leisten wäre, ist und bleibt die einzige
Möglichkeit der radikale Umsturz hin zu einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft.
Aber die Zeit läuft davon und die Barbarei wartet nicht. Jeder Schlag gegen die
antisemitischen Terror-Rackets im Nahen Osten oder das Baath-Regime kann nur Aufschub
sein und ist für sich betrachtet eine Sisyphos-Arbeit, die scheitern muss. Die Räume, die der
Gegenaufklärung blutig abgekämpft werden, müssen für die radikale Aufklärung genutzt
werden. Es ist so, dass sich die Zivilisation nur selbst vor der Barbarei beschützen kann.
Würde es auf uns ankommen, dann könnten wir uns auch an den Umsturz machen. Deshalb
kann unsere Aufgabe nur die Vorbereitung des kommenden Aufstandes sein.

 

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