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Alte Schule – Berlins Antifa ALB wird 10

Artikel in taz / 02. 11. 2013
Anti-Nazi-Demos, 1. Mai: Die Antifaschistische Linke Berlin prägt die alternative Szene der Stadt. Heute feiert sie ihr Zehnjähriges.

Anna Laumeyer und Nick Reinhardt lassen sich auf das schwarze Ledersofa fallen, im „Red Stuff“, dem selbsternannten „Antifa-Kaufhaus“. Das ist in Wirklichkeit ein heller, aufgeräumter Ladenraum. Schwarze T-Shirts, ordentlich aufgereiht, Pullover, Buttons und Stoffbeutel. Darauf: geballte Fäuste und Antifa-Embleme, Slogans wie „Still not loving police“ oder „Refugees welcome“. Laumeyer und Reinhardt schieben einen Flyer über den Tisch: „10 Jahre ALB“, daneben eine vermummte Frau, „für immer Antifa.“

Seit Jahren gehören der Endzwanziger mit dem tätowierten Arm und die etwa Vierzigjährige, die Brille in die kurzen Haare geschoben, zur ALB, der Antifaschistischen Linken Berlin. Der Laden, mitten in Kreuzberg in der Waldemarstraße, gehört ihrer Gruppe. Nicht nur das zeigt, wie etabliert diese heute ist. Die ALB ist die tonangebende Antifa der Stadt, auch bundesweit einflussreich. Nicht zufällig führt die Webadresse www.antifa.de direkt zur ALB. 1. Mai, Silvio-Meier-Demo, Anti-Nazi-Blockaden: die Gruppe organisiert mit. Am Samstag nun wird das Zehnjährige gefeiert. Natürlich auch das in Kreuzberg, im SO36.
Andere sehen weniger Grund zur Party. „Interne Zerwürfnisse“ attestierte der Verfassungsschutz zuletzt der ALB: Die Gruppe habe an Einfluss verloren. Und aus der autonomen Szene kam am 1. Mai die Kritik, dass dieser alljährliche Aufzug inzwischen zu beliebig, zu „versöhnlich“ sei.

Anna Laumeyer und Nick Reinhardt bringt all das nicht aus der Ruhe. Der Verfassungsschutz? „Ein politisches Kampforgan“, sagt Laumeyer. „Wer ist denn nach dem NSU in der Krise?“ Und die Kritiker von Seiten der Autonomen, deren Forderung nach mehr Härte? „Viel Erfolg.“ Sie meint es nicht ironisch. Die radikale Linke sei immer verschiedene Wege gegangen, sagt Laumeyer. Sollen es die Militanten doch so versuchen. Die ALB versucht es anders.

Das zeigt sich etwa daran, dass dieses Gespräch im „Red Stuff“ überhaupt stattfindet. Schon als sich 1993 die ALB-Vorgängerin gründete, die „Antifaschistische Aktion Berlin“ (AAB), wollte man die Vermummung lockern: weg mit Dogmatiken, raus aus der Szene-Insel. Ansprechbar sein, auch für die Presse.

Auch Laumeyer und Reinhardt geben heute Auskunft über sich. Beide tragen locker Jeans und Sneakers. Psychologin sei sie, sagt Laumeyer, mit Anfang vierzig eine der Gruppenältesten und über die klassisch autonome Szene zur Antifa gekommen. Reinhardt ist Soziologiestudent, Hohenschönhausener. Als junger Skater wurde er dort von Nazis verprügelt, ging zur lokalen Antifa, vor vier Jahren zur ALB. Nur ihre wahren Namen nennen beide nicht. Soviel alte Schule ist dann doch.

Es waren Zugezogene, die die AAB damals gründeten. Eine davon kam eigens dafür aus NRW: Anna Laumeyer. „Berlin war antifa-mäßig vorher Brachland.“ Die Gruppe hatte bald 80 Mitglieder, prägte die linken Großevents und den 1. Mai. Plötzlich beschallten Trucks statt kleiner Lautis die Demos, man durfte tanzen. „Pop-Antifa“, nannten das einige. Viele meinten es als Vorwurf.

Laumeyer und Reinhardt stört der Begriff nicht. „Wir wollen ja gesamtgesellschaftlich etwas erreichen“, sagt Reinhardt. Dieser Anschluss werde bewusst gesucht. Mit den Bündnissen verknüpfen sich auch die größten Erfolge der ALB. Zwei Jahre saß Laumeyer im Vorbereitungskreis gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. Am Ende stand eines der größten Protestereignisse der jüngsten Zeit. In Dresden war man dabei, bei den erfolgreichen Massenblockaden gegen die alljährlichen Nazi-Aufmärsche. Und zuletzt in Frankfurt/Main, bei „Blockupy“, wo Tausende gegen die europäische Krisen- und Bankenpolitik demonstrierten.

Mit Gewerkschaftern saßen die ALBler an einem Tisch, mit Jusos und Kirchen. Es ist diese Kooperation, die den Verfassungsschutz beunruhigt: Ein Scharnier entstehe zwischen „gewaltbereiten“ und „gemäßigten“ Linken, warnt der Geheimdienst. Genau dieses Scharnier, sagt Reinhardt, sei entscheidend. „Gerade Dresden hat gezeigt, das dann was geht.“

Die Frage, wie weit sich die Gruppe öffnen sollte, ist der Grund, warum die ALB heute erst ihr Zehnjähriges feiert. 2003 hatte sich die Vorgängerin AAB gespalten. Es war das Jahr des Irakkrieges – zu „aktionistisch“, zu „inhaltlich leer“ sei die Gruppe geworden, kritisierte die eine Hälfte. Sie schlug sich auf die Seite der Antideutschen, lehnte eine Irak-Invasion nicht ab und gründete die KP, „Kritik und Praxis“, die sich später weiter fragmentierte. Die andere Hälfte blieb bei der Kriegsablehnung, verteidigte auch die Praxisarbeit. Sie wurde, vor zehn Jahren, zur ALB.

„Die Spaltung war richtig“, sagt Laumeyer heute. „Das hat das gegenseitige Totgenerve gelöst und gab beiden Strömungen Raum zum Entfalten.“ Warum sie heute, nach zwanzig Jahren, noch dabei ist? „Weil mich immer noch Sachen aufregen.“ Gerade der NSU-Komplex. Noch in den Neunzigern habe sie in Thüringen gegen den dortigen rechtsextremen „Heimatschutz“ demonstriert, erzählt Laumeyer, wurde von der Polizei „zwei Tage in den Bau gesteckt“. Heute weiß man, dass die Kameradschaft Ursprung der Terrorzelle war. „Die Geheimdienste“, sagt Laumeyer, „hatten einen Kokon um die Gruppe gebildet.“

Anderweitig organisieren, parteilich gar, wollen sich Laumeyer und Reinhardt nicht: „Zu öde. Unsere Kritik ist fundamentaler.“ Dagegen steht auch ihr Verhältnis zur Militanz. Wo sie selbst stehen, wenn auf Demos Steine fliegen, sagen sie nicht. „Die Gesellschaft ist nicht gewaltfrei“, sagt Laumeyer aber. „Und soziale Umbrüche gänzlich ohne Militanz hat es noch nie gegeben.“

Trotzdem: Im autonomen Spektrum gehört die ALB zu den Moderaten, zu den bündnisorientierten „Interventionistischen Linken“. Deren Mittel sind Großdemos und Sitzblockaden, Polizeiketten werden „durchflossen“. Als am 1. Mai Neonazis in Schöneweide marschierten, kettete sich ein ALBler an eine Steinpyramide auf der Route. „Keine Eskalation“, lautet der Aktionskonsens. Wohl aber breiter ziviler Ungehorsam.

Es ist dieser Weg, den die ALB künftig verstärkt gehen will. Auch weil die große Hochphase eben doch vorbei ist, rund 40 Mitglieder bleiben heute. Eine Krise ihrer Gruppe weisen Reinhardt und Laumeyer dennoch zurück. Sehr wohl aber sprechen sie von einem „Transformationsprozess“. Mehr bundesweite Vernetzung, mehr die großen Probleme angehen, mehr Protest gegen die europäische Sparpolitik.

Parallel demonstrierten Laumeyer und Reinhardt zuletzt in Hellersdorf gegen die NPD, schoben Nachtwachen im Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz. Demnächst geht’s wieder mit der Silvio-Meier-Demo auf die Straße. Und Samstag wird gefeiert. Sage niemand, es gebe nach zehn Jahren nicht mehr genug zu tun.

Quelle

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