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Scheitern als Chance

Artikel von Maike Zimmermann in „neues deutschland“ / 17.09.2014

Die Antifabewegung ist in der Krise. Und das ist weniger schlimm, als es klingt
Die Auflösung der ALB besiegelt das Scheitern eines Konzepts: Mit Antifa kann man eben nicht die Welt erklären. Aber man kann linke Politik machen, die schon von Haus aus immer auch antifaschistisch ist.
»Die Tonangeber sind verstummt« hieß es in der vergangenen Woche in Nachrufen auf die Antifaschistische Linke Berlin (ALB). »Die Szene«, so wurde behauptet, »wandelt sich grundlegend«. Aber stimmt es, dass mit der Auflösung der ALB die antifaschistische Bewegung in ihrer bisherigen Form Geschichte geworden ist? Soviel ist sicher: In den letzten elf Jahren, also in der Zeit ihres Bestehens, war die ALB im Bereich Antifa eine feste Größe. Bundesweit waren es jedoch vor allem die großen Bündnisprojekte, in die sie sich gemeinsam mit anderen linken und antifaschistischen Gruppen einbrachte – Heiligendamm, Dresden, Blockupy.
Die ALB verband dabei Bündnispolitik mit revolutionärem Schick, arbeitete mit Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammen und spielte gleichzeitig mit dem identitären Gestus einer militanten Option auf der Straße. Sie war lange Zeit der Inbegriff der Pop-Antifa: Antifaschismus als Event, als Livestyle, ja, mit dem hauseigenen Red Stuff Versand und dem dazugehörigen Ladengeschäft war Antifa fast schon eine Modemarke. Wer als junger Linker was auf sich hielt, war halt einfach Antifa.
Wer der ALB unterstellt, nicht viel mehr als eine gelungene linke Marketingstrategie gewesen zu sein, tut ihr dennoch unrecht. Zu ihren Grundpfeilern gehörte eine intensive Medienarbeit sowie antifaschistische Jugendarbeit. In ihrer inhaltlich-politischen Ausrichtung ging es von Anfang an um eine Verknüpfung von Antifaschismus und Antikapitalismus: Nicht nur Anti-Nazi-Proteste standen auf der Agenda, sondern eben auch soziale Proteste, Globalisierung, der 1. Mai.

Hervorgegangen ist die ALB als der »aktivistische« Teil aus der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) und hat dabei die Webseite www.antifa.de geerbt. Aber das ist nicht das einzige Erbe, auch das politische Handwerkzeug, die Art und Weise, Politik zu machen, hat sie aus der AAB mitgenommen. In den 1990er Jahren hieß das »revolutionärer Antifaschismus«, nachzulesen in dem von der AAB verfassten »Konzept Antifa« aus dem Jahr 1998. »Alles fängt mit Antifa an, aber nichts hört dabei auf«, heißt es dort. Das Credo von damals: »Antifa ist der Kampf ums Ganze.«

Dass dahinter keine besonders pfiffige Gesellschaftsanalyse stehen kann, hätte einem eigentlich schon früher auffallen können. Mit Antifa kann man nunmal nicht die Welt erklären, auch wenn der Kampf ums Ganze immer auch ein antifaschistischer ist. Aber das ist eben der Punkt: Nur umgekehrt wird ein Schuh draus.

Doch seien wir nicht unfair: Natürlich war die ALB kein politisches Relikt der 1990er Jahre, sie hat diese Ansätze durchaus ergänzt, abgewandelt, modernisiert – es kam das Blockadekonzept, die Fünf-Finger-Taktik, der Zivile Ungehorsam dazu. Neue Wege wurden gesucht und zumindest in den neuen, durchaus erfolgreichen Strategien auf der Straße auch gefunden. Die autonomen Antifas der 1990er Jahre hätten einem den Vogel gezeigt, wenn man ihnen erzählt hätte, sie sollten Polizeiketten »durchfließen«.
Das grundsätzliche Problem blieb jedoch: Antifa stößt als Teilbereich an seine Grenzen, wenn sich der gesellschaftliche Rahmen ändert, wenn die Probleme nicht mehr so klar identifizierbar sind, wenn die Antworten – sowohl inhaltlich als auch strategisch – differenzierter ausfallen müssen. Auf dem Antifakongress im April dieses Jahres wurde es deutlich: staatlicher, institutioneller und gesellschaftlicher Rassismus, Proteste von Geflüchteten, der Aufschwung von Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD), die sich neu stellenden Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Neonazis mit dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) – all das sind Herausforderungen, denen die Antifabewegung weitgehend ratlos gegenübersteht.

Oder andersrum: Antifa war immer dann stark, wenn es darum ging, Neonazis auf der Straße zurückzudrängen. Dann konnten nicht nur viele Menschen mobilisiert werden, sondern es gelang, etliche von ihnen über antifaschistische Politik an linke Inhalte heranzuführen. Heute zerlegt sich die NPD mehr und mehr selbst, die Zeit der großen Neonaziaufmärsche scheint (hoffentlich) weitgehend vorbei zu sein. Hier entsteht für Gruppen wie die ALB ein Problem: Sie wollte immer mehr als »nur« Anti-Nazi-Protest organisieren, aber sie brauchte diese Events, um den Schwung für »den Rest« zu entwickeln.

Gar keine Frage: Antifaschistische Arbeit ist nach wie vor richtig und wichtig. Das zeigen nicht zuletzt die Analysen und Recherchen, die antifaschistische Initiativen und Netzwerke im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des NSU vorlegen. Auch bleibt es notwendig, Neonazis nicht unwidersprochen die Straße zu überlassen. Abgesehen davon, dass es »die Antifa« gar nicht gibt, werden sich auch zukünftig junge Leute in Antifagruppen zusammenschließen – Krise der Antifabewegung hin oder her. Trotzdem schadet es nicht, sich irgendwann von liebgewordenen Traditionen zu trennen. Die Umstrukturierung der Interventionistischen Linken (IL), in der ja auch Teile der ALB weiterarbeiten wollen, deutet in eine solche Richtung. Es kommt Bewegung ins Spiel, was am Ende dieses Aushandlungsprozesses stehen wird, bleibt noch abzuwarten. Was dort passiert, wird jedoch für die radikale Linke wesentlich bedeutender sein als die Frage, ob sich die Antifa nun in der Krise befindet oder nicht.

Quelle

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