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Neuanfang erforderlich

Diskussionsbeitrag auf wurfbude-blog / 22.09.2014

Thomas Eipeldauer hat in zwei Artikeln der jW vom 22.9.2014 auf die Selbstauflösungserklärung der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) reagiert (Thomas Eipeldauer zu ALB und IL).
Seiner Zusammenfassung des Vorgangs und seiner These, wohin die Reise der “radikalen Linken” jetzt gehen wird, ist nicht viel hinzuzufügen. Es war nicht etwa nur der ALB, sondern weiten Teilen der antifaschistischen Bewegung in den vergangenen Jahren aufgrund immer wieder verschobener inhaltlicher Grundlagendebatten nicht mehr möglich, längerfristig zusammenzuarbeiten, ein kohärentes Konzept antifaschistischer Interventionen zu formulieren und auf seiner Basis breit zu verankern. Es hat nicht an praktischen, aber immer punktuell bleibenden Erfolgen gefehlt: so zB. die Beendigung des seinerzeit europaweit größten faschistischen Aufmarschs (Dresden 2010 und 2011). Das aber war zuwenig.
Das gilt auch für den Rhein-Main-Bereich, in dem sich im kleinen das von Eipeldauer beschrieben Szenario recht genau wiederfinden läßt (Anti-Nazi-Koordination Frankfurt, Antifaschistischer Ratschlag Rhein-Main): auf durchaus vorhandene politische Erfolge eines “breiten Bündnis” folgt die organisatorische Implosion, weil ein viel zu keiner Teil der AkivistInnen bereit war, vorhandene ideologische Meinungsverschiedenheiten offen zu diskutieren, aktiv Korridore der Verständigung zu finden, sie zu einem gemeinsamen Handlungskonzept zu formulieren und auf der Basis dieses Konzepts zu handeln.
Die “Eventisierung” der Antifa ist deshalb nicht nur kultureller Zeitgeist, sie ist auch Ergebnis unserer inneren Konflikt- und Diskussionsunfähigkeit als ihre AkteurInnen. Sie kam zum Ausdruck, wenn schließlich sogar gut definierte und sinnvolle Begriffe marxistischer Theoriebildung als nicht kompromissfähig abgelehnt wurden.
Der Gipfel dieses Prozesses in Frankfurt war das von “antinationalen” Teilen des Antifaschistischen Ratschlags eingebrachte Bedenken gegen den Slogan “Hoch die internationale Solidarität” als Überschrift eines Aufrufs zur Verhinderung eines Naziaufmarschs am 1. Mai 2013. Zum wenig guten Schluß lautete es dann, als sei man bei der Caritas oder dem Roten Kreuz und kenne keine Klassen mehr, sondern nur noch Menschen: “Für globale Solidarität“. Im selben Aufruf konnte auch von “Faschismus” (statt: “Nationalsozialismus”) nur noch mit Murren eines guten Teils der Aufrufenden die Rede sein – da lag im Grunde die Selbstauflösung als Antifa schon auf der Hand: wieso noch “Antifa” sein, wenn man “Faschismus” als unzureichenden Begriff betrachtet?

Eipeldauers Vermutung, kurzfristiger “Gewinner” der derzeitigen Antifa-Krise werde die Interventionistische Linke sein, sie also sei jene “postautonome Großorganisation“, von der in der ALB-Auflösungserklärung geraunt wird, ist ebenso zuzustimmen wie seiner Prognose, dort werde es bald dieselben Probleme geben. Mit Wahrscheinlichkeit ist es auch richtig, daß sich künftig Teile der IL immer stärker zur Partei DIE LINKE hingezogen fühlen werden – das aber bedeutet, sich in den absorbierenden Sog des Parlamentarismus und seiner kompromissarithmetischen Zwänge zu begeben, sich letztlich an den Führungen von SPD und GRÜNEN, also tragenden Teilen des imperialistischen Machtapparats der BRD zu orientieren. Mit ihrer Zustimmung zu Waffenlieferungen an die weitgehend vom Westen gesteuerte FSA in Syrien haben Teile der IL sehr schnell Positionen bezogen, die in der LINKEN bei deren rechten Parteiflügel angesiedelt sind: so gesehen bekommt der Name Interventionistische Linke eine völlig neue Bedeutung.

Was tatsächlich fehlt ist eine antifaschistische Bewegung, die klassenorientiert, antiimperialistisch und internationalistisch analysiert und handelt.
Denen, die sich eine inhaltliche “Außenposition” jenseits des eventorientierten Zeitgeists erarbeiten wollen, von der aus sie tatsächlich intervenierend in den Wahnsinn der imperialistischen Gesellschaft eingreifen können, bleibt kein anderer Weg als den zu gehen der im letzten Abschnitts dieses Beitrags schon formuliert wurde: “Erforderlich ist der Aufbau einer Struktur, die konsequent den Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Krieg und Faschismus aufzeigt, in der von uns zu verteidigenden Tradition der Antifaschistischen Aktion seit 1932 steht und Kriegspropaganda, Militarismus und imperialistische Ideologie ablehnt und bekämpft. Der Kampf gegen reaktionäre Ideologien wird geführt, indem man die Solidarität und die Einheit der Ausgebeuteten fördert…  Es ist erforderlich in unseren eigenen Reihen für inhaltliche Klarheit zu sorgen, unsere Kräfte zu sammeln und auf dieser Basis verläßliche BündnispartnerInnen für Aktionen zu gewinnen.”

Quelle

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