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Wie der Superheld in die Antifa kam

Beitrag von Maike Zimmermann in Analyse&Kritik / 14.10.2014

Aktion Über rote Fäden in der antifaschistischen Bewegung und die Frage nach dem richtigen Konzept
Von Maike Zimmermann

»Antifa in der Krise?!«, so lautete der Titel einer Konferenz im April dieses Jahres. Und auch die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) stellte angesichts ihrer eigenen Auflösung im September fest: »Unseres Erachtens befindet sich die klassische Antifabewegung in einer Krise.« Über diese Feststellung hatte ich mich schon im April gewundert. (Siehe ak 594) Mir kam das irgendwie bekannt vor, und ich warf einen Blick zurück. »Unserer Meinung nach steckt die linksradikale antifaschistische Bewegung der Bundesrepublik in einer Krise – und das nicht erst seit gestern«, schrieb die Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! im Jahr 2007 im Antifa Infoblatt und löste damit eine kleinere Debatte aus. Selbige Zeitschrift attestierte der Antifabewegung im Jahr 2000 »Hoffnungslosigkeit und Hyper-Stagnation«. Ein Jahr zuvor schrieben Hamburger Antifagruppen in einem Referat für das Bundesweite Antifa-Treffen (BAT), dass bereits vor dem krisenhaften Hintergrund Anfang der 1990er Jahre eine »erste grundsätzliche Diskussion über eine Neubestimmung antifaschistischer Politik« in der Antifabewegung begonnen habe.

Was ist denn da los? Wieso wird in regelmäßigen Abständen seit fast 25 Jahren die eigene Krisenhaftigkeit festgestellt?

Betrachtet man das Auf und Ab der Antifa, spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der Zustand der extremen Rechten.

Was die ALB als »klassische Antifa« bezeichnet, meint wohl in etwa das, was in den 1990er Jahren »autonome Antifa« hieß: ein sogenannter Teilbereich der linksradikalen Bewegung. Habitus und Aktionsrepertoire übernahm die Antifa von den Autonomen. Als Teilbereich wurde die Antifabewegung ausgerechnet in einem Moment stark, in dem die Restlinke zunehmend in Ratlosigkeit versank: Die Wende, der weltweite Siegeszug des Kapitalismus, der nationale Taumel im Zuge der Wiedervereinigung und ein Rassismus, der sich auf der Straße Bahn brach, von den Medien mit Das-Boot-ist-voll-Schlagzeilen begleitet wurde und in der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl mündete. Was die Linke verzweifeln ließ, sorgte auf der anderen Seite dafür, dass sich Anfang der 1990er Jahre überall in der Bundesrepublik Antifagruppen gründeten. Mit der berechtigten Wut über die rassistischen Zustände und der Gegenwehr gegen Neonazis gelang es über Jahre kontinuierlich viele Menschen zu mobilisieren und zu politisieren – der einstige Teilbereich verselbständigte sich.

Ergebnis der erwähnten grundsätzlichen Diskussion über eine Neubestimmung antifaschistischer Politik war die sogenannte Organisierungsdebatte: 1991 gründete sich die Antifaschistische Aktion/ Bundesweite Organisation (AA/BO). Doch gleich zu Anfang entbrannte ein Streit über die richtige Form der Organisierung: Den zu großen Teilen von der autonomen Bewegung der 1980er geprägten Antifagruppen war die Vorstellung einer festen Organisation ebenso suspekt wie so manchen AntifaschistInnen aus den »neuen Bundesländern«. Das Bundesweite Antifa-Treffen (BAT) wurde ins Leben gerufen, ein eher loser Zusammenschluss von bis zu 150 Gruppen. Die Differenzen lagen die ganzen 1990er hindurch im strategischen Bereich – mit wem kann man Bündnisse eingehen, welche Art der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit verfolgt man, wie sieht es mit antifaschistischer Jugendarbeit aus? Von der politischen Analyse her unterschied man sich indes weitaus weniger. Antifa war der Ausgangspunkt, um linke Politik zu machen.

Mitte der 1990er wurde in zwei Wellen ein Großteil extrem rechter Gruppen verboten – die Deutsche Alternative, die Nationalistische Front, die Nationale Alternative, die Wiking-Jugend, die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei. In der Folge wurde es ruhiger in der Neonaziszene – viele Antifagruppen fielen in Winterschlaf oder verlagerten ihren Schwerpunkt.

Die extreme Rechte nutzte die Zeit zur Restrukturierung. Das Ergebnis: Die NPD und ihre Jugendorganisation, die JN, öffneten sich in Richtung Neonaziszene und dienten als quasi einzig verbliebenes legales Sammelbecken. Auf dem Bundesparteitag 1996 manifestierte sich dieser Kurswechsel der Partei in dem sogenannten Drei-Säulen-Konzept, dem »Kampf um die Straße«, dem »Kampf um die Parlamente« und dem »Kampf um die Köpfe«. Zeitgleich entwickelten die Neonazikader Christian Worch und Thomas Wulff das Konzept der sogenannten Freien Kameradschaften als alternative Antwort auf die staatliche Repression.

Ende der 1990er Jahre konnten die Neonazis die Früchte dieser Umstrukturierung ernten: Am 1. März 1997 marschierten nach einem Aufruf der NPD gegen die Wehrmachtsausstellung 5.000 Alt- und Neonazis durch München – bis dahin der größte Naziaufmarsch seit Bestehen der Bundesrepublik. Weitere Massenveranstaltungen folgten: 5.000 TeilnehmerInnen zählte der Wahlkongress der NPD am 7. Februar 1998 in Passau, 4.000 AnhängerInnen der Partei kamen am 1. Mai 1998 nach Leipzig, 3.000 waren es am 19. September des selben Jahres in Rostock. Die NPD nutzte ihren Parteistatus, um darüber hinaus zahlreiche weitere Kundgebungen und Demonstrationen anzumelden und durchzusetzen.

Die Antifa stand entweder hilflos am Rand oder lieferte sich abseits der Neonaziveranstaltungen – manchmal kilometerweit entfernt – Auseinandersetzungen mit der Polizei. Wo den Neonazis kein öffentlicher Aufmarsch ohne Behinderungen durch den Staat gelang – wie beispielsweise zu Ehren des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß – jagte die »Fahndungsantifa« wenigen klandestin organisierten Neonazis hinterher, ohne dass eine breitere Öffentlichkeit Notiz davon nahm.

Revolutionärer Antifaschismus
Spätestens seit dieser Zeit dreht sich die immer wieder aufkommende Diskussion im Kern um die Frage, ob Antifa als politisches Konzept taugt. Die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) legte dies im Jahr 1998 in der Broschüre »Konzept Antifa« nahe und bezeichnete dies als »revolutionären Antifaschismus«. Dieser könne, so die Vorläufergruppe der ALB, deswegen systemüberwindend sein, weil mit dem Kampf gegen den Faschismus zugleich die gesellschaftlichen Bedingungen, aus denen er hervorgeht, mit bekämpft werden. Ausgehend vom Kernbereich Antifaschismus plädierte die damalige AA/BO-Gruppe dafür, sich mit allen Fragen, die für die gesamte Linke anstehen, zu beschäftigen, »immer verbunden mit dem konkreten Anliegen von Antifa-Arbeit«.

Dass hier versucht wurde, das Pferd von hinten aufzuzäumen (»Antifa ist der Kampf ums Ganze«), scheint weder der AAB noch der späteren ALB aufgefallen zu sein. Sie selbst legen die Geburtsstunde des »Revolutionären Antifaschismus« im »Konzept Antifa« in die Anfänge der AA/BO. Einen letzten großen Versuch zur Umsetzung startete die AA/BO mit der »Antifa Offensive 99«, von der nicht viel mehr als die Erinnerung an das damals allgegenwärtige Stempel-Logo der Kampagne übrig geblieben ist.

In Wirklichkeit war die antifaschistische Bewegung jedoch schon lange an ihre Grenzen gestoßen. Nicht nur eine erstarkte Neonaziszene, mangelhafte strategische Konzepte und eine Gesellschaftsanalyse, die Schwierigkeiten hatte überhaupt den eigenen Gegenstand zu bestimmen, waren die Ursache. Hinzu kamen veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingen. Nach dem rot-grünen Regierungsantritt 1998 beteiligte sich Deutschland erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an einem Angriffskrieg – und legitimierte dies damit, ein »neues Auschwitz« verhindern zu wollen. Der Antifa blieb der Mund offen stehen, sie versank in absoluter Hilflosigkeit ob dieser neuen Situation. Das Bündnis gegen Rechts Leipzig schrieb im Jahr 2001 zu Recht, dass es jene Hilflosigkeit war, die das eigentliche Ende der klassischen Antifapolitik der 1990er Jahre markierte und nicht das, was kurze Zeit darauf kam: der Antifasommer im Jahr 2000. Der von Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgerufene »Aufstand der Anständigen« gab der Antifabewegung den letzten Rest. Und so findet sich kaum eine Antifagruppe, die die Jahrtausendwende überstanden hat.

Damals gründeten sich vielerorts »Linke Gruppen«, und zwar unter anderem aus der Erkenntnis heraus, dass antifaschistische Arbeit zwar nicht überflüssig ist, jedoch als Teilbereich an sich keine Lösung gesellschaftlicher Probleme bietet.

Mit dem Auftritt der Staatsantifa, mit dem ersten Anlauf zum NPD-Parteiverbot geriet die Neonaziszene tatsächlich zwischenzeitlich in die Defensive. Unter anderem das Scheitern des Verbotsantrages verschaffte der extremen Rechten nach 2003 jedoch neuen Auftrieb – es begann neuerlich eine Zeit der neonazistischen Großaufmärsche: Fast 5.000 Neonazis waren es 2004 in Wunsiedel zu Ehren von Rudolf Heß, 1.500 im brandenburgischen Halbe, fast 7.000 marschierten 2005 zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Stadt. An nahezu allen Stationen der zweiten Wehrmachtsausstellung marschierten Neonazis unter dem Motto »Opa war in Ordnung«. Zum Pressefest der Deutschen Stimme, der Parteizeitung der NPD, kamen im Jahr 2004 7.000 Neonazis, im Jahr 2006 waren es 8.000.

Gegen all diese Ereignisse gab es antifaschistische Proteste. Eine neue Generation von Antifagruppen war entstanden, die diese Proteste zusammen mit den Antifa-Überbleibseln der 1990er organisierte. Mobilisiert wurde meist mit dem Verweis auf eine militante Option: Superhelden vor brennenden Kulissen waren ein beliebtes antifaschistisches Plakatmotiv, Parolen wie »Nazis wegrocken« reduzierten eigene Inhalte auf ein Minimum – nicht selten wurde auf einen langatmigen Aufruf einfach von vornherein verzichtet. Der Erfolg war bescheiden – und sehr langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass man Neonaziaufmärsche gegen den Willen der Polizei »militärisch« nicht verhindern kann. Die militante Option, die man so gerne von den Autonomen der 1980er adaptieren wollte, war real nicht vorhanden.

Nazis wegrocken?
In der erwähnten Debatte im Antifa Infoblatt im Jahr 2007 nannte die Antifaschistische Linke International (A.L.I.) das Vorgaukeln von Militanz eine notwendige »Drohgebärde«, um entweder das Verbot eines Neonaziaufmarsches zu erwirken oder die Stimmung im Ort zu verändern. Die Drohung, dass mal was kaputt geht, als politische Strategie – dass das für wenig Nachhaltigkeit sorgt, verwundert kaum.

Das Konzept der Massenblockaden schien 2010 ein Ausweg aus dieser misslichen Lage zu sein. Und in der Tat gelang es erstmals nach langer Zeit, vielerorts Aufmärsche effektiv und mit breiten Bündnissen zu verhindern. Aber Eventpolitik ist eben nur das eine. Die Frage der Ausrichtung der eigenen politischen Arbeit ist das andere. Das wurde bei dem erwähnten Antifakongress deutlich. Das Auffliegen des NSU im November 2011, die Flüchtlingspolitik von EU und Bundesrepublik, die Proteste gegen die Unterbringung von Geflüchteten, die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) haben das Thema Rassismus und das Verhältnis zur »Mitte« der Gesellschaft und zum Staat auf die politische Agenda gesetzt.

Angesichts des Auffliegens des NSU wurde auf dem Antifakongress im April mehrfach von einer »Schockstarre« gesprochen, in der es vielen Gruppen schwer gefallen sei, politisch zu reagieren. Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit ziehen sich bereits seit den 1990er Jahren wie ein roter Faden durch die Geschichte der Antifabewegung. So schrieb das Leipziger Bündnis gegen Rechts in einem Text zum Antifakongress 2001 in Göttingen zum sogenannten Aufstand der Anständigen: »Die meisten Gruppen hingegen waren von der Situation so überrascht bzw. überwältigt, dass sie zunächst in Stagnation verharrten und nichts mehr taten.« Ein gängiges Verhalten also.

Auch die Diskussion um die AfD scheint nicht komplett neu zu sein. So hieß es in dem Referat zum BAT in Bezug auf den Aufstieg der Republikaner Ende der 1980er Jahre: »Offenbar hatte das Integrationspotential der etablierten Parteien nicht mehr ausgereicht, um eine Wahlentscheidung zugunsten offen rassistischer Parteien zu verhindern. Konfrontiert wurde die Antifabewegung mit einer Form von normalem Rassismus der gesellschaftlichen Mitte, mit einem politischen Klimawechsel, der nicht direkt auf Organisation in einer der diversen Nazi-Kleinparteien basierte.«

Freilich ändern sich fortwährend die Rahmenbedingungen linker Politik. Trotzdem bedeutet Kontinuität der eigenen politischen Arbeit eben auch, vergangene Diskussionen und ihre Knackpunkte, die Gründe für Erfolge und für das eigene Scheitern hin und wieder zu reflektieren.

Antifaschistische Arbeit bleibt richtig und notwendig. Antifaschismus kann Menschen mobilisieren, vielleicht sogar an Politik heranführen, kann Empörung kanalisieren und zuweilen Neonazis und RassistInnen zurückdrängen. Aber Antifaschismus taugt deswegen wenn überhaupt nur als strategisches, aber eben nicht als politisches Konzept, weil man sich über ihn allein kein kritisches Bild der Gesellschaft machen kann. Und ohne kritisches Bild der Gesellschaft keine grundlegende politische Veränderung.

Quelle

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