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Das Ende der Ideologie – Krise und Umbruch

Artikel in „der Freitag“ vom 15.10.2014

Krise & Umbruch Die Antifa löst sich nicht auf. Eigentlich gab es sie nie, nur eine Bewegung gleichen Namens und eine Zeitung von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes.

Ein Nutzerbeitrag von peausbe

Vor rund einem Monat erklärte sich die Antifaschistische Linke Berlin offiziell für aufgelöst. Der Schreck war nicht nur ein Medialer. Wen sollte man nun für Krawalle gegen rechtsextreme Aufmärsche verantwortlich machen? Auch in meinem persönlichen Umfeld fiel oft die Frage, wieso sich die Antifa auflöse und was denn nun geschehe, was aus schwarzen Kapuzenpullovern und dem Sinnbild des Steineschmeißers werde?

Aber es hat sich nicht die Antifa aufgelöst, sondern die Antifaschistische Linke Berlin, kurz ALB, die als Gruppe mit vielen Mitgliedern und hohem Aktivitvitätsgrad die Bewegung maßgeblich prägte. Diese Bewegung war allerdings irgendwann nur noch eine Szene für sich. Nun folgte auch die ebenso nicht unbedeutende Gruppe Avanti in den organisatorischen Freitod. Die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB),  seit 2007 als wesentlicher Akteur des Autonomen-Spektrums bezeichnet, wählt hingegen ihren Weg der Auflösung direkt in die Neue antikapitalistische Organisation (NaO). Diese war bis dato vielmehr Ergebnis neuerer Organisationsversuche innerhalb des trotzkistischen Flügels der außerparlamentarischen Linken.

Was ALB, Avanti und ARAB gemein haben, ist ihre Kinderstube im Schoß der autonomen Antifa-Bewegung, aus deren Monothematik sie den Gang in gesellschaftliche Konflikte versuchten. Dieses Konzept scheiterte, weil sich der im Zweifel kleinste gemeinsame Nenner überlebt hatte: der Rückbezug auf die Antifa-Bewegung.

Aus dem Wiedererstarken faschistischer Gruppierungen und Parteien ab Ende der 1970er Jahre und dem spätestens mit der Wiedervereinigung teils offen militant auftretenden Rechtsextremismus erwuchs die Notwendigkeit antifaschistischer Strukturen.  Die tatsächliche Bedrohung durch faschistische Gewalt machte eine Organisierung dagegen zum Gegenstand alltäglicher Praxis. Was sich formierte, war eine Bewegung verschiedenster Gruppen und Initiativen, die punktuell und in Kampagnen  gegen Treffen organisierter Neonazis mobilisierten, ihre Strukturen ausforschten, Öffentlichkeit herstellten und das Treiben von Hitlers Erben verunmöglichten. Auf dem gemeinsamen Nenner des Antifaschismus, der da nationalchauvinistische, geschichtsrevisionistische und rassistische Positionen brandmarkte, formierte sich die Antifa-Bewegung. Diese beinhaltete beinahe das gesamte Spektrum der demokratischen Zivilgesellschaft. Als Flügel dessen gab es schon bald die Autonomen mit ihren vergleichsweise kleinen Gruppen, die in Tradition der italienischen Operaisten antistaatlich und militant gegen etwa die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) vorgingen. Entsprechend betonte die ARAB bis zuletzt immerwieder: „Unsere Art des Widerstands lassen wir uns nicht vom bürgerlichen Gesetzbuch diktieren“

Als wohl anziehendster Teil der radikalen Linken, weil die Positionsbestimmung so einfach, geradezu nach gut und böse sortiert trivial erscheint, wurde die autonome Antifa-Bewegung zentral für die Darstellung Linksradikaler in der Öffentlichkeit. Doch hinterließen die Brandanschläge, Pogrome und Morde insbesondere der frühen 90er auch ihre Spuren in der bürgerlich und staatlich orientierten Zivilgesellschaft. Diese hatte sich unter den regierenden Unionsparteien noch reichlich an jener Politik gerieben, die da neben der parlamentarischen Realität kaum Rechte sehen wollte und faschistische Übergriffe zu rivalisierenden Jugendbanden verklärte.

Mit dem Regierungswechsel 1998 allerdings ging auch ein Teil der vormals radikalen Linken in der grünen Partei und natürlich auch mit der Sozialdemokratie in die Regierung. Das war auch ein Schritt der antifaschistischen Bewegung in die politische Realität. Mit dem Aufstand der Anständigen wurden die Bemühungen faschistische Kräfte zu bekämpfen zum offiziellen Staatsantifaschismus erhoben. Wer spätestens jetzt nicht mehr gegen Neonazis war, stand außerhalb des gesellschaftlichen Konsens. Inhaltlich verbunden war damit, dass der Vorwurf des Rassismus und Chauvinismus gegen die regierenden Parteien entgegen der Realität für obsolet erklärt wurde. Obwohl Abschiebungen und die Schlechterbehandlung von Migranten gängige Praxis blieben, hatte sich die antifaschistische Politik nur noch an den Nazis, also den Glatzköpfen mit Springerstiefeln abzuarbeiten, die Juden und Kommunisten vergasen wollen und Ostdeutschland als Mitteldeutschland bezeichnen.

Auf diese Weise wurde die Antifa-Bewegung marginalisiert. Statt gesellschaftliche Ursachen faschistischer Positionen und Gewalt, wie den Konsens deutscher Erfolgspolitik im In- wie Ausland, zu thematisieren, wurden die, die am Ball blieben, auf ihre einstige Monothematik des Kampfes gegen Neonazis begrenzt. Was SPD und Grüne hier bewerkstelligten, war auf Basis des Antifaschismus nationale Interessen durchzusetzen. Deutschland ist eine geläuterte Nation, so die Werbeformel, und Neonazis seien schlicht Geschichtsrevisionisten. Den Überbleibseln der antifaschistischen Bewegung fiel es in der Folge schwer aus dieser Marginalisierung zu entkommen. Die militante autonome Antifa geriet vielfach angesichts rot-grüner Politik als das Extrem, das Gewalt propagiere, wo dem anderen Extrem doch längst der Zahn gezogen wurde.

Und weil dieser Zahn der Notwendigkeit zum antifaschistischen Selbstschutz und entsprechender Prävention gezogen schien, blieb bei den Autonmen zunächst nicht mehr viel übrig als ein Portfolio an identitären Begriffen, Zeichen und Codes, dass man mit autonom-antifaschistischer Organisierung auf der richtigen Seite stehe. Wo allerdings diese Begriffe, Zeichen und Codes nicht mehr jenseits der eigenen Bezugsgruppen Gehör finden, entsteht eine Szene, die zwar intern gleichförmig kommuniziert, doch sich politisch überlebt hat. Anders gesagt, war der gesellschaftliche Rassismus nie obsolet geworden, nur gelang es nicht mehr, die eigene Kritik und politische Idee in die Gesellschaft zu transportieren. Geführte Debatten erreichten kaum mehr andere Teile der politischen Öffentlichkeit.

Es ist allerdings nicht so, dass das die autonomen Antifa-Gruppen nicht schon früher erkannt hätten. Dennoch versuchten sie sich auf Grundlage ihrer autonomen Organisierungserfahrung und Praxis bei Demonstrationen und Kampagnen weiter als politische Form zu erhalten, neue inhaltliche Felder zu erschließen und Räume linksradikaler Politik zu eröffnen. Mit dem Rückverweis auf ihren thematischen Minimalkonsens des Antifaschismus war gesellschaftliche Intervention jedoch kaum mehr möglich. Längst hatten – eben demokratische – Neokonservative rassistische und chauvinistische Inhalte wieder salonfähig gemacht und damit die antifaschistische Logik untergraben. Die Erfolge der AfD sind letztlich auch Ausdruck dafür, dass die radikale Linke gesellschaftlich als Krawallmacher und ewiggestrige Antifaschisten rezipiert, nicht aber als außerparlamentarische Bewegung links der Linkspartei betrachtet wird, die um soziale Verbesserungen und Systemalternativen ringt.

Die Einsicht von ALB, ARAB und Avanti, dass ihre Kleingruppen-Organisierung nicht mehr fruchtbar ist, sondern viel zu oft ritualisierte Szenelei darstellt, kann infolge dessen darum nur als erfolgreiche Selbstreflexion des eigenen Scheiterns begriffen werden. Während jedoch etwa die ALB selbstprognostiziert in wesentlichen Teilen – und so auch Avanti – den Übergang in die Interventionistische Linke, den außerparlamentarischen Versuch linker Sozialdemokratie, macht, probiert die ARAB aus ihrer inhaltlichen und organisatorischen Verhaftung heraus keinen rein symbolischen Bruch durch Gruppenauflösung zu inszenieren, sondern die dialektischen Konsequenzen aus den selbsterkannten Fehlern des eigenen autonomen und als revolutionär bezeichneten Antifaschismus zu ziehen.

Mit diesen drei Gruppen löst sich keinesfalls die Antifa auf. Den Propagandisten kann getrost gesagt werden, dass es weiterhin antifaschistische Kleingruppen geben wird. Die Speerspitzen der Bewegung vollziehen für sich allerdings einen konzeptionellen Umbruch, weil ihre Politik seit Jahren in der Krise war. Weiterhin werden Aufmärsche von Rechtsextremen gestört werden. Wenn der Umbruch  gelingt, wird es allerdings auch für die demokratische Rechte in diesem Land deutlich mehr Gegenwind geben. Der Jubel ob dieser Auflösungserklärungen sollte also in erster Linie einer der politischen Linken und nicht der Bewahrer von Familie, Volk und Heimat sein.

Quelle

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