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Raus aus der Komfortzone

Beitrag von Marcus Staiger in junge Welt / 11.07.2015

Antifa muss in die politische Offensive gehen. Ein eigener Lifestyle, in dem es sich kuschelig radikal leben lässt, löst keine Probleme

ie antifaschistische Bewegung der BRD befindet sich in einer Orientierungsphase. Der jahrzehntelange neoliberale Umbau des Staates und der Gesellschaft mittels Entrechtlichung, Entdemokratisierung, Aufrüstung von Polizei und Geheimdiensten einschließlich des Aufbaus und der Förderung neonazistischer Organisationen macht ein Überdenken der antifaschistischen Strategie notwendig. Am 13. Mai eröffnete Jürgen Lloyd, Mitglied der DKP, an dieser Stelle die Diskussion mit einem Beitrag über zu bewahrende Grundlagen des Kampfs gegen den Faschismus. Am 28. Mai stellte Peter Schaber vom Blog »Lower Class Magazine« sein Konzept vor. Heute schreibt Marcus Staiger. Er ist in der deutschen Hip-Hop-Szene kein Unbekannter und hat jede Menge cooler Dinge in die Welt gesetzt. Hier sein neuestes. (jW)

Als ich im vergangenen Winter an den Blockadedemonstrationen in Berlin-Marzahn teilnahm, die sich gegen die »Nein zum Heim«-Montagsdemos richteten, war ich ehrlicherweise schockiert. Zum einen über die wenigen Menschen, die sich an den Aktionen beteiligten, zum anderen wunderte ich mich, dass die 80 Gestalten, die da in Regenjacken die Kreuzung Landsberger Allee/Ecke Blumberger Damm besetzt hielten, eigentlich ganz froh waren, dass zwischen ihnen und den grobschlächtigen Nazihooligans auf der anderen Seite eine Polizeikette stand. Zumindest ich war froh, denn wir hätten auf unserer Seite der Absperrung, mit den Ständen von CDU, SPD und Die Grünen im Rücken, keine Chance gehabt, wären die beiden Lager tatsächlich aufeinander getroffen.

Wobei diese Stände noch ein weiterer Punkt waren, der mich ernsthaft deprimierte: Wir standen da also zusammen mit der CDU, der SPD und den Grünen und verteidigten den Bau eines Flüchtlingsheims. Geht’s noch? Ein schwacher Trost, dass die Linkspartei pflichtschuldigst ebenfalls mit vor Ort war. Mögen sie mir politisch vielleicht noch am nächsten stehen, mit der Flüchtlingspolitik der Landesregierungen, an denen sie beteiligt sind, kann man auch nicht zufrieden sein.

An dieser Demo in Marzahn ist so viel falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Allerdings zeigt sich hier auch die ganze Misere der aktuellen Antifaarbeit und alle Mängel, die es schnellstmöglich zu beheben gilt. Vorausgesetzt, man will wieder zu so etwas wie einem gesellschaftlichen Faktor werden, der wieder agiert und nicht nur reagiert.

Antifa als Szene
Ja, es ist schön in seiner linken Stammkneipe zu sitzen und sich seiner antifaschistischen Gesinnung sicher zu sein. Zusammen mit den Genossinnen und Genossen schmeckt das Bier doppelt so gut, und man kann froh sein, in so einem toleranten und weltoffenen Bezirk wie Berlin-Kreuzberg zu Hause zu sein. Draußen ist es kalt und unwirtlich. Andere Stadtteile sind doof, das platte Land weit weg, und Nazis sind scheiße. Dessen ist man sich sicher, und deshalb kann man sich mit szeneinternen Streitereien beschäftigen. Streitereien, die außerhalb kein Mensch versteht und die man auch niemandem da draußen erklären kann. Man kann sich trefflich selbst zerlegen, während andernorts Pegida, Hogesa und alle anderen bescheuerten Abkürzungen auf den Straßen marschieren. Sicherlich ist es für das persönliche Wohlbefinden notwendig, dass es diese Schutzräume und Szenebezirke gibt. Nur leider sind das Schanzenviertel oder Sankt Pauli in Hamburg, ist das Viertel in Bremen, die KTV in Rostock oder eben Berlin Kreuzberg-Friedrichshain-Neukölln-Wedding nicht die Welt. Hinter den Bezirksgrenzen lauert der Mob, und zu Recht fühlte sich so manche Antifagruppe, die sich eher mit den Außenbezirken beschäftigt oder auf dem Land agiert, in der letzten Zeit allein gelassen. Das darf nicht sein. Wenn Not ist, dann müssen alle zusammenkommen. Dann muss eine Art antifaschistisches Selbstschutzkonzept greifen, das eben nicht auf die Anwesenheit von Polizeisperren spekuliert, sondern selbst in der Lage ist, gewaltbereiten Nazihooligans etwas entgegenzusetzen.

Das bedeutet aber auch, dass man Strukturen aufbauen muss, die zu so etwas in der Lage sind. Wo sind jedoch die Antifasportvereine, die sich auf solche Situationen vorbereiten? Wo sind die Trainingsangebote für Stock- und Straßenkampf? Wo sind explizit linksradikale Freefightveranstaltungen? Es geht mit Sicherheit nicht darum, paramilitärische Einheiten aufzubauen, doch sollte das Konzept des antifaschistischen Selbstschutzes in dem Maße wieder an Bedeutung gewinnen, in dem sich auch die Gegner positionieren, zumal dies ebenso auf erlebnisorientierte Jugendliche eine große Anziehungskraft ausübt. Es kann nicht sein, dass Polizisten, Soldaten oder tendentiell rechte Personen allesamt trainieren und wir nicht. Es kann auch nicht sein, dass wir ohne Not die Hooliganszene an die Rechten verloren geben, nur weil wir zu bequem sind, uns darum zu kümmern. Gerade in der Ultraszene, gerade auch in Teilen einer migrantisch interessierten Kampfsportszene könnten viele Menschen durch Sport abgeholt werden, um sie für gemeinsame Aktionen, Ausfahrten und Ausflüge zu begeistern. Doch dazu müsste man seinen eigenen Szenekosmos verlassen – und zwar im doppelten Sinn. Einmal nämlich, indem man Angebote schafft, die sich auch an Menschen außerhalb des eigenen Kreises wenden, und andererseits wortwörtlich, indem man ganz konkret seinen Wohlfühlbezirk verlässt und Präsenz zeigt, da wo es wirklich weh tut – auch außerhalb von staatlich sanktionierten Routen. Schließlich kann antifaschistische Blockadepolitik nicht bedeuten, dass man dann und nur dann einen Naziaufmarsch zum Stehen bringt, wenn es der zuständigen Stadtverwaltung in den Kram passt und die Polizei die Blockade erlaubt. Das kann man machen. Dazu kann man seine Kinder mitnehmen, um ihnen zu zeigen, dass es ein zivilgesellschaftliches Engagement gegen Nazis gibt – antifaschistische Aktion allerdings muss darüber hinausgehen.

Antifa heißt antinational
Dabei muss sich ein eigenständiger Antifaschismus nicht nur in den Aktionsformen, sondern auch politisch vom staatlich verordneten Antifaschismus abheben, der sich bekanntermaßen darin erschöpft, Nazis als doof und nicht gesellschaftsfähig darzustellen. Die Art und Weise, wie bürgerliche Demokraten (und da schließe ich großzügig alle parlamentarischen Kräfte ein) mit dem Problem des Faschismus umgehen, taugt nicht, um es faktisch zu beseitigen. Dem Phänomen des hässlichen Deutschen wird in der Regel das bunte Deutschland entgegengesetzt, und den bösen Ausländerfeinden, die dem deutschen Ruf im Ausland schaden, werden die guten und weltoffenen Patrioten entgegengehalten, die das achtbare Ansehen der Nation verteidigen sollen. Vor diesen Karren dürfen wir uns nicht spannen lassen. Nie.

Die bürgerlichen Demokraten sind nicht in der Lage, den Faschismus richtig zu widerlegen, was man exemplarisch an der Pegida-Bewegung sehen kann, die zwar mit allen Mitteln der Staatskunst zerlegt wurde, deren Argumente mittlerweile aber Einzug ins deutsche Gesetzbuch gehalten haben. Während man den Auflauf einiger hundert Unzufriedener noch mit einem müden Lächeln wegwischen wollte, geriet man jedoch in Panik, als einige zehntausend auf Dresdens Straßen marschierten. Schnell war man mit Diffamierungen zur Hand und erklärte die Spaziergänge der Bewegung zur unappetitlichen Erscheinung, an der ein anständiger Deutscher nicht teilzunehmen habe. Die Inhalte der Bewegung allerdings, der Ruf nach einer härteren und konsequenteren Abschiebepolitik war zum Zeitpunkt der Pegida-Demonstrationen schon längst Teil einer Gesetzesvorlage der Bundesregierung und wurde vorige Woche, am 2. Juli 2015, mit der Neuregelung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung mit den Stimmen der Koalition von CDU/CSU und SPD verabschiedet. Parteien, die sich im Winter noch unter großem Getöse von Pegida distanzierten, die aber die Argumente von der Angst vor der Überfremdung nur zu gerne aufgegriffen haben, um sie für die Durchsetzung ihrer eigenen Politik zu nutzen.

 

Wir müssen uns darüber klar sein, dass die Wurzeln des faschistischen Denkens auch immer im bürgerlichen Denken und vor allem im bürgerlichen Patriotismus zu finden sind. Ein Patriotismus, der in jeder Weihnachtsansprache der Kanzlerin wieder und wieder beschworen wird: Deutschland gehe es gut, weil die Deutschen so prima zusammengehalten hätten. Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass faschistisches Denken schon im bürgerlich gewollten, staatstragenden bierseligen WM-Schunkel-Patriotismus seine Wurzeln hat. Deswegen kommen die Argumente der bürgerlichen Demokraten gegen die Faschisten über ein »Das darf man nicht« niemals hinaus. Während der Patriot als vaterlandsliebender Motzer, an seiner kritischen Zustimmung zu Staat und Nation festhält, wittert der Faschist als enttäuschter Vaterlandsliebhaber nur noch Verrat. Doch statt sich von Staat und Nation abzuwenden, schreit er nur noch nach mehr Staat – und zwar einem Staat, der sich zuallererst um ihn und seinesgleichen kümmert. Statt sich zu fragen, ob das, was ihm da von staatlicher Seite zugemutet wird, nicht einen gewissen Zweck erfüllt, nämlich den aus Deutschland einen lukrativen Wirtschaftsstandort zu machen, glaubt der Patriot, dass die da oben sowieso machen, was sie wollen. Und am liebsten verraten die da oben »ihr eigenes Volk«. Die da oben sorgen dafür, dass immer mehr Ausländer ins Land kommen. Die da oben wollen, dass Europa muslimisch wird. Die da oben sind ohnehin nur die Agenten der Brüsseler EU-Politik, die uns alle gendern wollen. Und wenn es ganz hart kommt, dann sind die da oben sowieso nur Befehlsempfänger fremder Mächte, vornehmlich der USA oder des weltweiten Finanzjudentums. Dieses Gefühl, dass alles den Bach runtergeht, nur weil die Regierungen ihren nationalen Pflichten nicht mehr nachkommen, greift massiv um sich, und äußert sich in den Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa, in diversen Verschwörungstheorien, oder in »besorgten« Bürgerprotesten.

Genau in diesen Gedankenbrei hineinzuschlagen, wäre antifaschistische Pflicht, in der Form, den Leuten klarzumachen, dass es einen fundamentalen Zusammenhang gibt, zwischen der Verschlechterung der eigenen Situation und dem Wohlbefinden des Staates. An dieser Stelle müssten wir sagen: Stimmt! Die Politiker kümmern sich nicht um euch, aber nicht, weil sie euch verraten, sondern weil das überhaupt nicht ihre Aufgabe ist. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es Deutschland gutgeht, und wenn es Deutschland gutgeht, heißt es, dass es der Wirtschaft gutgeht. Und das wiederum heißt noch lange nicht, dass es den Menschen gutgeht, weil das für die Menschen eben Minijobs, Lohnkürzungen, Kürzungen von Sozialleistungen, Mehrarbeit, Maßnahmen, ALG II, Rentenkürzungen, drohende Arbeitslosigkeit und all das andere bedeutet, was das Leben in diesem Land so ungemütlich macht. Würde man diesen Dingen auf den Grund gehen, dann käme so mancher vielleicht gar nicht darauf, Flüchtlinge, Flüchtlingsheime und Muslime als Grund für ihre Unzufriedenheit verantwortlich zu machen. Hier müsste antifaschistische Arbeit beginnen, abseits von bürgerlichen Erklärungsmustern und der Erziehung zu guten deutschen, demokratischen Patrioten, die zwar ihren Unmut äußern dürfen, aber an der Ordnung, wie sie ist, nicht rütteln wollen. Hier müsste antifaschistische Arbeit einsetzen, lange bevor faschistisches Gedankengut überhaupt Land gewinnen kann. Wer dann immer noch Rassist sein will, dem kann man dann mit Maßnahmen begegnen, wie sie im ersten Abschnitt vorgestellt wurden.

Antifa als Feuerwehr
Habe ich im ersten Abschnitt den antifaschistischen Selbstschutz gefordert, in der Form, dass man gelegentlich kurzfristig und punktuell Präsenz zeigen kann, so wird Antifa als Feuerwehr immer auch an ihre Grenzen stoßen. Wenn es brennt, ist es meistens zu spät. Betrachtet man nüchtern, was im vergangenen Winter los war, dann kamen diejenigen Antifastrukturen, die sich in Berlin mit den besorgten Bürgerbewegungen herumschlagen mussten, ganz schnell an ihre Grenzen. Plötzlich gab es Montagsdemos in fünf verschiedenen Stadtteilen. Man wusste gar nicht, wohin man sich als erstes wenden sollte. Mit einigem Entsetzen wurde festgestellt, dass man den aufkeimenden Nazistrukturen in den verschiedenen Stadtteilen nichts entgegenzusetzen hatte. Es mangelte an Vernetzung. Es gab keine Kontaktpersonen vor Ort, und nicht selten fehlten den angereisten Innenstadtantifas elementare Ortskenntnisse. Sie bewegten sich als kleine, bullenspalierbegleitete Demo durch die fremden Häuserschluchten in Marzahn, aus denen Böller auf die Störenfriede aus den Hipstervierteln geworfen wurden.

Ein solches Erlebnis, dass man mit seiner progressiven und menschenfreundlichen Einstellung nur als Fremdkörper empfunden wird, teilen auch Leute, die auf dem Land aktiv sind und in Orte kommen, wo die NPD neben der Freiwilligen Feuerwehr und dem Schützenverein als sozialer Akteur auftritt, mit Kaffeenachmittag und Fußballturnier. Anders ausgedrückt: Was haben wir erwartet? Wir können bestimmte Gebiete, Stadtteile oder Bezirke nicht einfach links liegen lassen und dann erwarten, dass wir dort mit offenen Armen empfangen werden, wenn man sie von den Nazis befreien will. Von Nazis, die vor Ort immerhin so gut vernetzt sind, dass sie Informationsveranstaltungen mit geschulten Referenten anbieten können, wenn wieder einmal ein neues Flüchtlingsheim in einem prekären Stadtteil errichtet werden soll. Von Nazis, die so viel Rückhalt in der Bevölkerung genießen, dass sie den Unmut der Leute mit ihren eigenen Argumenten anreichern können, dass am Schluss alle von sich behaupten können: »Wir sind zwar keine Nazis, aber …«

Wo sind da unsere eigenen Infoveranstaltungen, die sich gegen eine Heimunterbringung von Geflüchteten aussprechen? Immerhin ist auch das eine der originären Forderungen der selbstbestimmten Flüchtlingsproteste. Und es ist bittere Ironie, dass am Ende Antifaaktivisten Flüchtlingsheime verteidigen und in den Medien von Heimgegnern und Heimbefürwortern gesprochen wird. Das alles aber ist eine Folge davon, dass wir gerade keine richtige Strategie haben und darum erstens zu spät kommen, zweitens unsere Argumente gar nicht vorbringen und drittens uns dann am Ende auch noch zu willfährigen Durchsetzern einer verfehlten Flüchtlingspolitik machen lassen.

Wo bieten wir den Leuten an, dass sie sich mit ihrem Ärger und ihrer Wut und ihrem Unmut an uns wenden können und wir ihnen unsere Vorschläge machen können? Warum überlassen wir dieses Feld den Rechten? Warum sorgen wir nicht dafür, dass einem besorgten Wutbürgermob ein wütender Gutmenschenmob entgegensteht, der nicht extra angereist kommen muss, sondern vor Ort existiert und seine Straßen weitestgehend selbst vom braunen Dreck freihalten kann? Das würde aber nur funktionieren, wenn man sich schon im Vorfeld um Koalitionen bemüht, Selbstorganisierungsprozesse fördert und anstößt und diese mit eigenen Inhalten anreichert.

Antifa sucht Lösungsansätze
Nimmt man den antifaschistischen Kampf ernst, dann darf der antifaschistische Kampf nicht der einzige Inhalt des antifaschistischen Kampfs sein. Auch Infoveranstaltungen, die lediglich auf die Aussage »Nazis sind doof« hinauslaufen und mit der Botschaft hausieren gehen, dass man sich mit denen auf gar keinen Fall einlassen darf, sind nur von begrenzter Wirkung. Das mag hin und wieder seine Berechtigung haben, und vielleicht ist das auch als Referat in einer Schule super. Allerdings gibt es dann im Grunde keinen Unterschied zum staatstragenden Antifaschismus, der vom Bundesfamilienministerium finanziert wird und sich mit den Argumenten der Nazis nicht einmal ansatzweise auseinandersetzen will.

Wo ist die Kritik an der völkischen Kapitalismuskritik? Wer kann den Unterschied zwischen der unseren und der ihren benennen? Was entgegnet man dieser gefühligen Heimatverbundenheit, die den Genuss von Sauerbraten mit Rotkohl und Thüringer Klößen zur Identitätsfrage aufbauscht? Was wird der Heimatliebe entgegnet, die eben nicht nur als Zuneigung zu einem besonders schönen Flecken Erde daherkommt, sondern auch noch den hässlichsten Stadtteil zur Heimat erklärt, die man hochhalten muss, weil man sich sowieso keine andere aussuchen kann und in der Fremde absolut nichts verloren haben. Fremde, die da noch nicht einmal zwangsweise hineingeboren wurden, sondern die auch noch die Frechheit besitzen, sich ihre neue Heimat ein Stück weit selbst zu wählen. Darüber sollte man mit den Wutbürgern sprechen oder es ihnen zumindest anbieten, dass ihre beschissene Heimatliebe eben nur eine Zustimmung zu etwas ist, das sie sich sowieso nie anders haben aussuchen können.

Das sind die Themen, die die Leute interessieren und zu denen wir auch etwas sagen können. Selbstverständlich haben wir andere Gedanken anzubieten als jene, mit denen sie vielleicht zu solch einer Veranstaltung ankommen. Aber das ist doch der Sinn der Sache, dass man andere Gedanken zur Verfügung stellt, als jene, die man im Fernsehen vorgesetzt bekommt oder, schlimmer noch, auf heimattreuen Wahlkampfveranstaltungen. Warum drücken wir uns vor einer solchen Aufgabe? Warum ziehen wir uns auf die eigene, sichere Basis zurück und bieten in heiklen Stadtteilen Themenabende zu Fluchtursachen und Migration an, aber keinen mit dem Titel »Warum geht’s mir hier so scheiße, und was haben die Flüchtlinge damit zu tun?« Ich will hier nicht das eine gegen das andere ausspielen, auch ich halte einfache Willkommenskultur oder Kennenlernveranstaltungen für eine gute Sache. Doch denke ich, dass wirkungsmächtige antifaschistische Arbeit über ein Angebot hinausgehen muss, das auch von bürgerlichen Parteien angeboten werden könnte.

Wir müssen Themen aufgreifen, die den Leuten auf den Nägeln brennen und unsere eigenen Lösungsvorschläge vorbringen. Wenn wir denken, dass es dieser Staat und diese Wirtschaftsordnung sind, die einen Großteil der Probleme verursachen, mit denen die Leute unzufrieden sind, dann müssen wir eben diesen Staat und dieses Wirtschaftssystem angreifen und das nicht nur auf schicken Plakaten, die wir im eigenen Viertel verkleben. Wir dürfen diese Themen nicht den rechten Parteien überlassen, die keine Scheu haben, ihre verqueren Lösungsvorschläge bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit unterzubringen. Wo sind unsere Angebote, wie man eine andere Produktionsweise aufbauen, seinen Stadtteil selbst organisieren oder diese Gesellschaft im eigenen Kiez demokratischer und autonomer gestalten könnte – und zwar außerhalb von Berlin-Kreuzberg.

Oft heißt es in diesem Zusammenhang, dass man niederschwelliger anfangen müsste und dass man die Leute nicht überfordern dürfe. Warum? Es kann ja sein, dass man mit so manchem analytischen Text nicht weiterkommt, weil die Sprache oft unverständlich ist, weil die Sachverhalte kompliziert sind, weil man aus seinem eigenen Szenejargon nicht herauskommt. Das ist gut möglich, aber dann muss man halt nach einer Sprache suchen, die verständlicher ist. Nur weil man sie bislang nicht gefunden hat, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Dann muss man sich Gedanken darüber machen, wie man die Leute direkt und ohne Geschwurbel anspricht – und vor allem sollte man Vertrauen zu seinen eigenen Inhalten und Argumenten entwickeln.

Ich mag mich täuschen, und vielleicht bin ich da noch nicht lange genug dabei, um es richtig zu beurteilen und vielleicht gibt es schon jede Menge Leute, die das längst so machen, wie ich es in diesem Text vorgeschlagen habe – aber bislang habe ich sie noch nicht gesehen. Vielleicht ist das alles auch schon längst gedacht und versucht worden, und vielleicht hat das alles nicht geklappt. Dann müssen wir es eben wieder versuchen. Wieder und wieder. Weil wir bis jetzt nicht gewonnen haben, heißt das nicht, dass wir nicht in Zukunft gewinnen können. Wir müssen gewinnen – alles andere ist Quark.

 

Quelle

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