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Was meint eigentlich Antifaschismus heute?

Interview mit Susann Witt-Stahl in neues deutschland / 16.07.2015

Was meint eigentlich Antifaschismus heute? Das Verprügeln von Nazis? Die Bombardierung des Kosovo wegen Kriegslügen, die dort Konzentrationslager ausmachen? Beides nicht, meint die Publizistin Susann Witt-Stahl im Interview mit Jens Wernicke. Leider jedoch würde auch der Antifaschismus im Land immer mehr »neoliberalisiert«, was immer krudere Blüten treibe.
Frau Witt-Stahl, Sie publizieren seit Langem zu den Themen Faschismus und Antifaschismus. Antifaschismus – ist das das, wo wir beispielsweise in Hussein, Gaddafi und inzwischen auch Putin einen neuen Hitler zu erkennen meinen und deshalb in den Krieg ziehen – »gegen den Faschismus der
Welt«?
Hegemoniale Strömungen des Antifaschismus in Deutschland verkommen mehr und mehr zu Legitimationsideologen neoliberaler Expansion – nach innen wie außen. Ich rede von Austeritätspolitik und Sozialchauvinismus gegen die Unterschicht, von imperialistischen Kriegen und hanebüchenen Nazi-Vergleichen, mit denen Regierungen von Staaten belegt werden, die sich westliche Kapitale auf die Speisekarte gesetzt haben.

Heute geht kein Antikriegsprotest über die Bühne, ohne dass »Antifaschisten« den Akteuren willkürlich »Antisemitismus« und Verrat an der »westlichen Zivilisation« vorwerfen. Die Profiteure von Sozialabbau und der Fortsetzung einer entfesselten Marktwirtschaft mit gewalttätigen Mitteln hingegen bleiben von Kritik weitgehend verschont.

Wie meinen Sie das, wenn Sie in Ihrem Buch »Antifa heißt Luftangriff!« schreiben, das sei kein Antifaschismus mehr, sondern eher dessen Gegenteil? Und was genau ist denn »Faschismus« für Sie?
»Antifaschisten«, die, flankiert durch den Jubel aus dem Springer-Flaggschiff Die Welt, gegen die Anti-G7-Proteste mobil machen, wie jüngst geschehen, mit der Behauptung, die G7 seien die »wichtigsten Demokratien der Welt« und die Proteste gegen deren Militärinterventionen »verbrecherisch«, haben sich von Aufklärung und Emanzipation verabschiedet. Mehr noch haben sie mit einer beinahe schon kriminellen Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass Auschwitz ohne Angriffskrieg nicht möglich gewesen wäre, den zweiheitlichen welthistorischen Imperativ »Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus« aufgebrochen, seine beiden Elemente in ein Entweder-Oder-Verhältnis zueinander gezwängt und ihn so in sein dystopisches Gegenteil verkehrt.

In welch finstere Abgründe viele »Antifaschisten« in Deutschland mittlerweile hinabgestiegen sind, verdeutlicht dabei die Parole »Antifa heißt Luftangriff!«, die bei einer Feierlichkeit zu einem des 8. Mai in Berlin ausgegeben wurde. Wachsende Kreise im Antifa-Lager, bis hinein in die VVN und LINKE, verfechten derart pervertierte Vorstellungen und dienen sich somit als Jubelperser dem Neoliberalismus an – der übrigens nicht durch Wahlen in den führenden bürgerlichen Demokratien Ende der 1970er-Jahre, sondern bereits 1973 durch einen faschistischen Putsch in Chile zur alles beherrschenden Wirtschaftsdoktrin aufgestiegen ist.

»Antifaschisten«, die sich nicht in Fundamentalopposition dazu stellen, sogar Sozialabbau, Privatisierung, TTIP, westliche Kriege »für die Menschenrechte« – bis hin zu Zweckbündnissen etwa mit den mörderischen Faschisten, die seit dem »Euromaidan« die Ukraine im Würgegriff halten – abnicken, sind viel mehr Teil des Problems als seiner Lösung. Denn, und damit komme ich zu Ihrer zweiten Frage, seit jeher gilt, was Bertolt Brecht sagte: Faschismus ist geniun »nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus«.

Faschismus ist also ein Kapitalismus, der totalitär wird, und um der Profite willen die eigene Bevölkerung zu unterdrücken und andere Länder und deren Ressourcen zu erobern beginnt?
Es war kein Zufall, dass die Nazis nach der Machtübernahme zuerst die Kommunisten und andere Kapitalismusgegner ermordet oder weggesperrt haben. Betriebszweck des NS-Staates war die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und die ungehinderte Durchführung imperialistischer Raubzüge.

Allein das Prinzip »Vernichtung durch Arbeit« in den KZs ermöglichte traumhafte Profitmargen für Kapitalbesitzer: Lückenlose Ausbeutung von Arbeitskräften, garantiert ohne lästige Tarifverhandlungen und Streiks – und das alles weitgehend reproduktionskostenfrei.

Dann wäre ja gar nicht, wie aktuell vielerorts kolportiert, »der dumme Mann auf der Straße«, der vermeintlich die Politik nach rechts treibe, das zu bekämpfende Problem, sondern müsste antifaschistisches Engagement … ja, vorrangig die materiellen und sozialen Bedingungen, die solche Dummheit produzieren, angehen?
»Dumme Männer auf der Straße« haben sich zwar immer wieder als kadavertreue Komplizen faschistischer Machthaber erwiesen, nicht wenige sind auch in deren Cliquen aufgestiegen, aber ohne die Finanzierung durch das Großkapital und Unterstützung von Militärs wäre der Faschismus nirgendwo an die Macht gelangt.

Erschreckend ist, dass diese Tatsache nicht nur von den ökonomischen Eliten und der politischen Klasse, sondern auch von »Antifaschisten« inzwischen verdrängt wird: Sie beschweigen die Verbrechen beispielsweise der Deutschen Bank, die im NS-Staat unter anderem an der »Arisierung« jüdischen Eigentums beteiligt war, während sie ihre Zeigefinger gegen Anti-Banken-Proteste richten und »Nazis raus!« brüllen. Eine Praxis übrigens, die vorzüglich mit den zwei in entgegengesetzte Richtungen verlaufenden Operationen des Neoliberalismus korrespondiert: Auf ökonomischer Ebene betreibt er eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben und auf ideologischer Ebene eine Umverteilung der historischen Schuld von oben nach unten.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Quelle

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