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Das Ende – Auflösung der Antifaschistische Union Dortmund

Auflösungspapier der Antifaschistischen Union Dortmund / 18.11.2018

Wir, die Antifaschistische Union Dortmund, stellen als eine der dienstältesten Antifagruppen der Bundesrepublik unsere kontinuierliche Arbeit ein. Das bedeutet, dass es von uns als Gruppe zukünftig keine öffentlichen Aktionen oder Texte mehr geben wird und wir nicht mehr für andere Gruppen, interessierte Einzelpersonen, JournalistInnen ansprechbar sein werden.

»Wenn man sich schon Illusionen macht…

13 ½ Jahre haben wir als linksradikale Gruppe Antifa-Arbeit in Dortmund gemacht. Gegründet haben wir uns 2005, nachdem der Punk Thomas ‚Schmuddel‘ Schulz von dem Neonazi Sven Kahlin erstochen wurde. Der Mord machte auf traurige Weise deutlich, dass neue organsierte Antifa-Strukturen in Dortmund notwendig waren, um dem damals erstarkten ‚Nationalen Widerstand Dortmund‘ entgegenzutreten. So gründete sich die ‚Antifa Union‘ nicht nur namentlich, sondern auch praktisch aus übrig gebliebenen Strukturen ehemaliger Gruppen und Einzelpersonen, um dieses Ziel umzusetzen. Wir traten an in einer Zeit, in der das Dortmunder Naziproblem von städtischer und offizieller Seite in der Regel relativiert oder verharmlost wurde. Neben der Bekämpfung von Neonazis haben wir uns daher auch immer wieder der Kritik der Dortmunder Zustände verschrieben – wohlwissend, dass wir als Antifagruppe lediglich Nadelstiche setzen können.

…dann aber richtig, es muss stimmen – auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist«

Rückblickend gesehen können wir jedoch einige Erfolge vorweisen. Einer unserer größten Clous in der Anfangszeit war sicher die (jetzt können wir es ja sagen: erst spontan am Vorabend geplante) Blockade der S-Bahngleise während eines Naziaufmarsches am 1. Mai 2007. Zahlreiche Antifas konnten damals durch einen Durchbruch auf die Gleise gelangen, sodass die Anreise der Neonazis empfindlich gestört wurde. Solche Aktionen gelangen in der Folgezeit leider nicht mehr in diesem Ausmaß, denn die Polizei lernte bei den vielen Naziaufmärschen auch dazu und kannte die Schleichwege in Dortmund bald so gut wie wir oder riegelte gleich alles ab. Überhaupt Naziaufmärsche: Als Antifagruppe waren wir natürlich vorrangig an den Mobilisierungen gegen die regelmäßigen Nazidemonstrationen beteiligt. Ob Kleingruppentaktik, Riots oder Blockaden – wir haben vieles ausprobiert, um den Nazis ihre Aufmärsche zu versauen, teilweise auch mit Erfolg.

Einer Sache haben wir uns dabei allerdings immer verweigert: Der Teilnahme an ‚großen‘ Bündnissen. Unsere Kritik an Kapitalismus, Antisemitismus und Deutschland hatte für uns im Zweifel immer eine höhere Priorität, als das wir uns gemeinsam mit antizionistischen Gruppen und zivilgesellschaftlichem SPD-Klüngel an einen Tisch gesetzt hätten. Wir haben daher auch immer versucht, unsere Aktionen gegen Naziaufmärsche gesellschaftskritisch einzubetten und keine reine ‚Event-Politik‘ zu verfolgen. Exemplarisch hierfür waren sicherlich unsere Demonstrationsaufrufe gegen die neonazistischen ‚Antikriegstage‘ sowie die Aufmärsche am 1. Mai, die uns auf Indymedia Hasskommentare aufgebrachter Antiimps, Ablehnung aus dem bürgerlichen Milieu und die Rühmung als ‚Deutschlandhasser‘ durch Neonazis einbrachte – also alles richtig gemacht. So hieß es z.B. in einem Artikel in der Roten-Hilfe-Zeitung aus dem Jahr 2009 über uns: »Sie haben sich jedoch maßgeblich der Solidarität mit den USA und Israel verschrieben und attackieren im Zweifelsfall anstatt der Neonazis lieber die Friedensbewegung und ortsansässige Antirassisten.« Diese Phantasmen gepaart mit unserer tatsächlichen Ablehnung friedensbewegter Amerika- und IsraelfeindInnen verschafften uns schnell den Ruf, eine ‚antideutsche‘ Gruppe zu sein. Wir haben uns nie dagegen gewehrt, auch wenn dieses Label wohl gegenwärtig mehr zu einem Internetphänomen verkommen ist, und seltener die Form einer spezifischen Kritik darstellt, der wir uns in unseren Texten oft angeschlossen haben. In dieser Hinsicht hinterlassen wir in Dortmund sicherlich eine Leerstelle. Unsere Linie kam auch in den eigenen Kreisen nicht immer gut an: Gerne erinnern wir uns noch an die Drohung einer größeren, bewegungslinken Antifagruppe aus einer anderen Stadt, man würde seine Busse nicht nach Dortmund schicken, sollte es kein spektrenübergreifendes Bündnis geben. Darüber lachen wir heute noch.

Ein weiterer Schwerpunkt unser Demonstrationshistorie war die Schmuddel-Demo, die wir jährlich zum Andenken an Thomas Schulz organisiert haben. Bis zu ihrem Ende im Jahr 2015 war sie eine der wichtigsten Antifa-Demos in NRW. Unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten haben wir dabei rechte Gewalt und die Verankerungen ihrer zugrunde liegenden Ideologien in der Gesamtgesellschaft thematisiert. Oft sind wir dabei nach Dorstfeld gelaufen, dem Ort, in dem die TäterInnen wohnen. Die letzte Schmuddel-Demo vor drei Jahren war zugleich auch ein der größten Demonstrationen, die wir je veranstaltet haben. Nachdem wir wochenlang mit dem Mobivortrag quer durch die Republik getourt sind, kamen letztendlich über 1500 Menschen zu unserer Demo – ein würdiges Ende für zehn Jahre Demonstrationsgeschichte und ein starkes Zeichen zur Erinnerung am Thomas Schulz‘ zehnten Todestag. Unwürdig hingegen war zum Ende der Demo das Verhalten des bayrischen USK, welches die TeilnehmerInnen mit Knüppeln attakierte.

»Die Frage ist: flippt man total aus oder Gegenfeuer?«

Stichwort TäterInnen: Unsere Arbeit bestand zu einem großen Teil darin, Dortmunder Neonazistrukturen offenzulegen und zu beschädigen. Auch dabei konnten wir den ein oder anderen Treffer landen. Noch vor kurzem haben wir in einem Text auf Verbindungen zwischen organisierter Neonazisszene und Dortmunder Hooligans hingewiesen. Durch zahlreiche Outings haben wir dafür gesorgt, dass Neonazis in ihren Wohnumfeldern bekannt wurden oder in ihren Jobs in Erklärungnöte gerieten (Grüße an Frank A., Nadine K., Marc B., Lars E., Stephan R., Sybille O., Rene H., Paul P. und alle, die wir hier vergessen haben). Prominentestes Beispiel hierfür war der ehemalige Feuerwehrchef Klaus Schäfer, dessen Umtriebe in der Naziszene wir bekannt gemacht haben. Ebenso konnten wir dafür sorgen, dass die ARGE-Förderung für den ehemaligen rechten Online-Shop für Dennis Giemsch eingestellt wurde oder Immobilienkaufpläne (Ciao, R135!) von Neonazis öffentlich wurden. Mit unseren Recherchen haben wir im Laufe der Zeit wichtige Grundlagen dafür gelegt, dass die Dortmunder Neonazis sich nicht mehr in der Anonymität bewegen konnten und heute mittlerweile alle gut mit Name und Gesicht bekannt sind. 2011 veröffentlichten wir Broschüre ‚Dortmunder Zustände‘, in der wir detailliert den damaligen Stand der Dortmunder Nazistrukturen beschrieben haben – gerüchteweise wurde die Broschüre gar dem hiesigen Staatsschutz mit der Frage, warum die Antifa mehr als sie selber wüsste, seitens der Dortmunder Stadtführung um die Ohren gehauen.

Denn lange schien es tatsächlich, als würden Stadtverwaltung und Polizeibehörde vor Unfähigkeit nur so strotzen, den Neonazis von staatlicher Seite auch nur irgendwas Effektives entgegenzusetzen. Nach dem ‚NWDO‘-Verbot im Jahr 2012 spielte sich die Stadt dann als antifaschistische Instanz auf, Oberbürgermeister Uli Sierau empfahl gleich darauf Linken den Ausstieg aus der Antifa, die würde man schließlich nun nicht mehr brauchen. Wie gut dieser großspurige Habitus funktioniert hat, kann man heute an der Existenz der Partei ‚Die Rechte‘ erkennen. Verfehlte Polizeitaktiken, Extremismustheorie, Opferrhetorik und mangelndes Wissen prägen zwar zum Teil bis heute den Umgang mit Neonazis in dieser Stadt, dennoch hat sich durchaus vieles verändert, seitdem wir 2005 angefangen haben. Es gibt mehrere Beratungs- und Präventionsstellen gegen ‚Rechtsextremismus‘, mehr öffentliche Gelder und neue zivilgesellschaftliche Bündnisse. Man ist als Antifagruppe nicht mehr zwingend auf sich allein gestellt, wenn man den Nazistress skandalisieren will.

»Der See, er brennt – Wir hören auf damit« (Oma Hans – Django)

Der Grund, warum wir als Gruppe aufhören, ist allerdings nicht, dass wir nun glauben, dass unser Job überflüssig geworden wäre – ganz im Gegenteil: Schaut man sich die gegenwärtige Situation an, ist Antifa-Arbeit weiterhin dringend notwendig, anderswo vielleicht noch mehr als in Dortmund. Man kann uns also berechtigterweise einen Vorwurf machen, dass wir ausgerechnet jetzt das Handtuch werfen. Doch die Gründe sind profanerer Natur: Wer rechnen kann, dürfte schnell auf das Durchschnittsalter unserer Gruppe kommen. Polemisch brachte die Gruppe TOP B3rlin (wenngleich selbst nicht mehr die Jüngsten…) das Problem einst auf den Punkt: »Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Antifa, geprägt durch Carhartt, Risikofreude und elitäres Außenseitertum verliert, sobald der Ernst des Lebens mit Arbeit und Familie den Alltag zu bestimmen droht, seine verbindende Wirkung« (Antifaschistisches Infoblatt Nr. 81). Antifa – als Organisation, nicht als politische Praxis – ist eben auch abhängig von einer bestimmten Lebensphase und aus dieser haben wir uns teilweise entfernt. Zudem haben wir in einer Zeit angefangen, in der die Uhren noch anders getickt haben, vielleicht sind wir als Gruppe daher auch nicht mehr zeitgemäß strukturiert, wer weiß das schon. Für uns steht zumindest fest, dass wir uns als Gruppe nicht mehr engagieren werden, wenngleich wir einzeln sicher weiter in unterschiedlicher Form aktiv bleiben. Wir machen damit auch Platz für neue Gruppen wie die Autonome Antifa 170 (ok, nicht mehr ganz so neu) und die Mean Streets Antifa, die beide in Dortmund weiterhin gelungene Antifa-Arbeit betreiben.

»Der Kiez lag uns zu Füßen, sag dem Rest, wir lassen grüßen, lassen ausrichten, dass alles richtig ist. Fast alles richtig ist… Sag den andern uns geht’s gut – sag den Spacken uns geht’s prima. Vielleicht sieht man sich mal wieder, aber nicht in diesem Leben.« (Rantanplan – Hamburg 8° Regen)

Wir haben 13 ½ Jahre Demonstrationen organisiert und unterstützt, uns an Kampagnen beteiligt, Texte und Flugblätter geschrieben, diskutiert, auf anstregenden Plena gesessen, Vorträge veranstaltet, Solipartys gefeiert und über rechte Ideologien informiert – nun ist Schluss damit. Wir haben in diesen Jahren viele FreundInnen gewonnen, uns einige Feinde gemacht, Nazis Steine in den Weg gelegt und geworfen und neben dem ganzen Ärger und den Dortmunder Zumutungen auch viele gute Zeiten gehabt. Wir sind traurig, dass diese Ära nun ein Ende findet, die Entscheidung ist uns alles andere als leicht gefallen. Wir möchten uns in erster Linie bei allen Personen und Gruppen (insb. Antifa Essen Z, Gruppe für den organisierten Widerspruch, Autonome Antifa 170, AMZDO, Antifaschistische Linke Münster, Creme Critique, A2K2, Antifa Hagen und viele andere, die wir ‚überlebt‘ haben – Macht es gut!) bedanken, die uns dabei begleitet und unterstützt haben.

Und an die Nazis, die sich jetzt über diese Erklärung freuen, weil die »Platzhirsche« (DortmundEcho) nun ihre Arbeit einstellen: Fühlt euch nicht zu sicher. Wir werden auch weiterhin unbemerkt an der Supermarktkasse hinter euch stehen und auf die Chats auf euren Handys schauen. Tschüss, ihr Trottel!

Mit einem Mythos wollen wir aber noch aufräumen: Wir waren nie »drei Informatikstudenten«, wie vor vielen Jahren in einem Indymedia-Kommentar orakelt wurde – ansonsten hätten wir uns mit Sicherheit mal eine bessere Website gemacht.

Sayonara,
Antifaschistische Union Dortmund, November 2018

Ps: Dieser Blog, sowie unsere Accounts auf Facebook und Twitter werden weiterhin bestehen bleiben, zum einen aus Dokumentationsgründen und zum anderen werden wir die Kanäle auch weiterhin ab und zu nutzen, um auf bestimmte Veranstaltungen oder Aktionen hinzuweisen. Ebenso bleibt unsere Emailadresse für dringende Anfragen erreichbar, wenn ihr Fragen oder Anmerkungen zu unserem Abschied habt, könnt ihr uns ebenfalls gerne schreiben.

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